Markus Väth https://markusvaeth.com Nachdenker • Vordenker • Coach Sun, 22 Mar 2020 17:02:51 +0000 de-DE hourly 1 107823021 New Work: Teddybären-Romantik oder hartes Business? https://markusvaeth.com/blog/new-work-teddybaeren-romantik-oder-hartes-business/ https://markusvaeth.com/blog/new-work-teddybaeren-romantik-oder-hartes-business/#comments Sun, 22 Mar 2020 17:02:50 +0000 http://markusvaeth.com/?p=13140 Mein Kollege Mark Poppenburg hat vor einigen Tagen in einem Newsletter über die Corona-Krise folgendes geschrieben:

Jetzt ist die Zeit, Eure Mannschaft auf das vorzubereiten, was nach Corona kommt. Denn diese Krise ist der Bereinigungsmechanismus für die agile Szene und die New Work Filterblase. Wofür ich seit Jahren werbe, wird nun zum Sachzwang: Jetzt zeigt sich, wer verstanden hat, dass es bei New Work nicht um romantische Glücksbewirtschaftung gehen kann, sondern um das was Menschen im Kern antreibt: Wirksame Arbeit. Kundennutzen. Erfolg.

Mein erster Gedanke war: Stimmt, darum geht es in der Wirtschaft: Wirksame Arbeit. Kundennutzen. Erfolg. Kann ich voll unterschreiben.

Mein zweiter Gedanke war: Was versteht Mark wohl unter romantischer Glücksbewirtschaftung? Und wieso soll das nichts mit wirksamer Arbeit und Erfolg zu tun haben?

Mein dritter Gedanke war: Hoppla, da werden unterschiedliche Ebenen vermischt und gegeneinander ausgespielt. Und da wurde ich dann so unruhig, dass ich dachte: Dazu musst du was schreiben.

Wer meine Artikel ab und zu liest, weiß wahrscheinlich, dass ich New Work als ein gesellschaftliches Konzept verstehe. Das heißt: Home Office ist nicht automatisch New Work, Agilität ist nicht automatisch New Work, Obstteller ist nicht automatisch New Work. New Work bedeutet vielmehr eine grundlegend neue Interpretation von Arbeit in unserer Gesellschaft – wie ich es zum Beispiel in meinem Buch „Arbeit – die schönste Nebensache der Welt“ dargestellt habe. Der Titel wurde damals extra ein wenig blumig-provokant gewählt, um den „Blut, Schweiß und Tränen“ – Mythos, der sonst so gerne um Arbeit gewebt wird, ein wenig einzureißen. Ich weiß nicht, wie Mark das sieht, aber wenn jemand von New Work als „romantische Glücksbewirtschaftung“ spricht, scheint für mich in dieser Sprache genau dieser Mythos durch. Endlich Schluss mit den Wohlfühl-Guzzis und Purpose-Poplern. Jetzt wird Tacheles geredet und endlich wieder Kundennutzen produziert!

New Work in Unternehmen bedeutet nach meinem Verständnis nach die Verfolgung von fünf Prinzipien: Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und Soziale Verantwortung – so, wie wir das bei humanfy in unserer New Work Charta dargelegt haben. So sind beispielsweise die Dinge, die Mark anspricht – wirksame Arbeit und Kundennutzen – wichtige Bestandteile unserer Definition von „Unternehmenssinn“. Und vom Unternehmenssinn gibt es eine direkte Verbindung zur unternehmerischen, finanziellen und kulturellen Wertschöpfung (siehe hierzu diesen ausführlichen Artikel inklusive Grafik). Nur: Das ist lediglich ein Teil von dem, was New Work bedeutet. In diesem Sinne versucht Mark meiner Meinung nach, zwei Dinge gegeneinander zu stellen, die auf unterschiedlichen Ebenen liegen und die nicht gegeneinander ausgespielt werden können und sollen.

New Work ist das große Ganze, es beruht auf Prinzipien wie Freiheit und Selbstverantwortung und ist nicht zuletzt ein Gesellschaftsmodell. Zur Ausgestaltung von New Work in Wirtschaft und Gesellschaft gehört selbstverständlich auch wirksame Arbeit, Kundennutzen und unternehmerischer Erfolg. Keine Frage. Doch New Work stellt duchaus auch die „romantisierenden“ Fragen nach Glück, einer solidarischen Wirtschaft und einer sinnvollen „Arbeit, die du wirklich, wirklich willst“ (überhaupt DAS Kernkonzept von New Work“. Wir sollten New Work weiterdenken als in seinen wirtschaftlichen Dimensionen. Sonst bleibt es, wie es der New Work – Begründer Frithjof Bergmann einmal bezeichnet hat, „Lohnarbeit im Minirock“. Und das hat das Konzept wirklich nicht verdient.

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It’s the Menschenbild, stupid! https://markusvaeth.com/blog/its-the-menschenbild-stupid/ https://markusvaeth.com/blog/its-the-menschenbild-stupid/#respond Wed, 11 Mar 2020 08:44:12 +0000 http://markusvaeth.com/?p=13134 Wenn wir von Entwicklung in Unternehmen sprechen (egal, ob es um Führung, Kommunikation, Kultur, Personalentwicklung oder ähnliches geht), dann springen wir in der Regel gleich ins Thema rein. Wir widmen uns Modellen und praktischen Anwendungen, wir machen Workshops, Projekte zu Transformation und Change etc.

Was interessanterweise so gut wie nie thematisiert wird, ist das Menschenbild aller Beteiligten. Wie tickt denn der Mensch? Wie wird er motiviert? Sollen Gefühle am Arbeitsplatz eine Rolle spielen? Und wenn ja, welche? Diese und andere Fragen werden stillschweigend ignoriert. Dabei ist das Menschenbild, das mein Denken, Fühlen und Handeln steuert, absolut entscheidend. Kleine Kostproben:

  • „Ich muss das den Mitarbeitern nicht erklären. Eine Rundmail reicht.“ (= Menschen brauchen keine Kommunikation. Sie sind rationale Automaten, die ich auf technologischem Weg informieren kann.)
  • „Wenn ich den Meier nicht anschiebe, macht der nichts. Der hat so gar keine Motivation.“ (= So etwas wie interne Motivation gibt es nicht. Menschen müssen belohnt oder bestraft werden.)
  • „Unsere FTEs sind viel zu hoch. Da müssen wir kappen.“ (= Menschen sind verfügbares Humankapital, auf einer Stufe mit Maschinen oder Büromöbeln.)

Die gleichen Mitarbeiter und Führungskräfte, die solche Sätze sagen, rennen dann zu New Work – Tagungen, huldigen „disruptiven“ Technologieversprechen, modernen Arbeitsansätzen und kuscheligen Lounge-Möbeln für den neu gestylten Arbeitsbereich. Dabei ist das Menschenbild das Entscheidende im New Work! Wie will ich denn „Augenhöhe“ (noch so ein Modewort) leben, wenn ich insgeheim denke: „Die Pfeife muss man auch ständig zum Jagen tragen.“ Ganz abgesehen davon, dass ein Menschenbild auch meine Sicht AUF MICH SELBER beeinflusst.

Und ja, das ist kein Thema der Ökonomie oder der Organisationsentwicklung oder von Change. Es ist ein philosophisches Thema – womit bewiesen wäre, dass sich moderne Führungskräfte bitte auch mit Philosophie und Psychologie beschäftigen sollten. Wussten Sie, dass der New Work – Begründer Frithjof Bergmann Philosophie ist? Er promovierte über Hegel und die menschliche Freiheit. Philosophie steckt New Work in den Genen. Sie zu ignorieren wäre, wie einen menschlichen Körper den Sauerstoff abzudrehen.

In meiner Masterclass Organisationscoaching bringe ich angehenden Organisationscoaches unter anderem bei, dass die Grundlage ihres Handelns das humanistische Menschenbild sein sollte. Es besteht aus sieben Kernannahmen über den Menschen (=> ausschneiden und aufkleben):

  • Der Mensch besteht aus der Einheit von Körper, Geist und Seele (Integrität)
  • Der Mensch ist sich seiner selbst und seiner Umwelt bewusst (Bewusstsein)
  • Der Mensch hat ein Recht auf Freiheit und eigene Entscheidungen (Souveränität)
  • Der Mensch ist einzigartig, in sich wertvoll und von Grund auf gut (Originalität)
  • Der Mensch ist angelegt auf Selbstaktualisierung und Wachstum (Autopoiese)
  • Der Mensch ist auf Konkurrenz und Kooperation hin angelegt (Sozialität)

Diese sechsteilige Zusammenstellung findet ihr so nur bei mir, daher gibt es auch keine Quellenangabe. Ich habe verschiedene Quellen recherchiert, aber richtig befriedigt hat mich da nichts. Daher habe ich selbst einen originalen Kriterienkatalog mit den entsprechenden Schlagworten designt.

Zu jeder dieser Schlagworte könnte man ein Buch schreiben. Ich will es im Rahmen dieses Artikels bei einigen provozierenden Betrachtungen belassen. Nur soviel: Fragen euch mal, wo diese Prinzipien in eurem Unternehmen GEBROCHEN werden.

  • Darftst du „wachsen“ und sich entwickeln? Oder wirst du kleingehalten bzw. gibt es kein Bewusstsein für individuelles oder kollektives Lernen? Vergiftet man das persönliche Wachstum durch Silodenken und Abschottung?
  • Wie frei bist du in deinen Entscheidungen? Oder wirst du gegängelt, es wird dir nichts zugetraut, du hast kein Budget?
  • Wenn der Mensch tatsächlich aus der Einheit von Körper, Geist und Seele besteht: Warum vernachlässigt man dann die Bedürfnisse von Geist und Seele in unserer Arbeitswelt so sträflich? Die Flut von Burnout-Fällen, Umfragen zu grassierender Demotivation oder die Unfähigkeit von Unternehmen, strukturell mit Stress umzugehen, fallen ja nicht vom Himmel.
  • Wirst du wirklich als „wertvoll“ und als „von Grund auf gut“ betrachtet? Oder bist du ein Rad im Getriebe, das man bedenkenlos austauscht, wenn es kaputt ist?

Was ich sagen will, ist Folgendes: Wir gehen nonchalant davon aus, dass wir alle ein humanistisches Menschenbild teilen. Schließlich ist 2020 und wir sind doch alle vernünftige Leute.

Eben nicht. Humanismus erfordert eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild und wo dieses ganz konkret mein Denken, Fühlen und Handeln im Unternehmen beeinflusst. DAMIT müsste jede Initiative, die mit Menschen zu tun hat, beginnen. Mindestens, indem sich alle Beteiligten über das humanistische Menschenbild aufschlauen und ihr Denken kritisch prüfen. Das wäre der Beginn hin zu einem grundsätzlichen Umdenken und zu echtem New Work.

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Querfront-Thema Grundeinkommen https://markusvaeth.com/blog/querfront-thema-grundeinkommen/ https://markusvaeth.com/blog/querfront-thema-grundeinkommen/#comments Sat, 28 Dec 2019 10:02:26 +0000 http://markusvaeth.com/?p=13004 Im aktuellen SPIEGEL streiten ein Wirtschaftsprüfer (pro) und ein linker Gewerkschaftsfunktionär (contra) über das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Und wie bei vielen Gesprächen rund um das BGE fällt auf: Der linke Abwehrreflex gegen alles Neue sitzt. Man könnte annehmen, dass sich das BGE mit dem Grundgedanken der Solidarität, der Umverteilung und der Befreiung aus der „Knechtschaft der Lohnarbeit“ für das linke Spektrum als ideales, vereinigendes Thema anbieten würde. Doch weit gefehlt.

Stattdessen trudelt das Thema in Form einer Querfront durch alle politischen Lager. So schreibt beispielsweise ein FDP-Wirtschaftsprofessor unter dem Titel „Radikal gerecht“ ein Buch FÜR das BGE; der New-Work-Begründer, der eher linke Philosophie-Professor Frithjof Bergmann, lehnt das BGE als „entsetzlich dumm“ radikal ab. Und auch Gewerkschafter (wie der Interviewpartner im SPIEGEL) zeigen deutliche Ablehnung. Warum ist das so? Gerade bei Gewerkschaftern und Linken würde ich gefühlt eine größere gedankliche Nähe und eine positivere Haltung zum BGE erwarten.

Diese zunächst überraschend erscheinende Haltung von Gewerkschaftern und linken Funktionären lässt sich erklären: Mit dem BGE bricht den Gewerkschaften die Kontrolle über die Arbeitnehmer weg. Wer braucht noch Gwerkschaften, die für faire Löhne kämpfen, wenn man BGE-abgesichert einfacher als heute den Arbeitgeber wechseln kann? Oder, noch schlimmer, die einst „Beschützten“ würden auf einmal bei den Gewerkschaften mitreden wollen, wie denn der Schutz genau aussehen solle oder wenn sie das Gewerkschaftswesen an sich verändern wollten? Diese Emanzipation ihrer „Herde“ passt nicht ins Weltbild vieler Linker, die sich als kämpfender „Retter“ der arbeitnehmenden „Opfer“ verstehen.

Als zweites wohnt der linken politischen Sphäre immer latent der Wunsch nach Kontrolle der Massen inne. Die Menschen sollen gesteuert, geregelt und, wenn nötig, zu ihrem Glück gezwungen werden. Sichtbar wird das beispielsweise an der in Deutschland links dominierten Schulentwicklung seit den Siebzigern. Alles, was irgendwie nach Exposition oder Elite roch, wurde strukturell eingestampft und galt als böse. Die Linken damals rechtfertigten das mit den berüchtigten NaPoLa-Schulen der Nazis, die sich, wie die gesamte Nazi-Zeit, „nie wiederholen sollte“. Doch was als ehrenwerter Impuls begann, endete für das deutsche Schulsystem letztlich im Desaster: Jedes Niveau wird abgebügelt, bis alle reinpassen. Außergewöhmliche Begabungen landen frustriert im Durchschnitt oder in der Privatschule. Ein System zur durchdachten Förderung von Spitzentalenten schon in der Schule haben wir Deutschen nicht entwickelt, und das ist politisch durchaus so gewollt.

Der Gleichschaltung der Schule soll nach linkem Denken die Gleichschaltung der Arbeitswelt folgen: Der böse Arbeitgeber hier, der gute Betriebsrat da. Mit solch einfachen Weltbildern versucht man dann, möglichst alle Arbeitenden über einen Kamm zu scheren, unter Kontrolle zu bringen und zu halten. Dass die Gewerkschaften dabei jedoch gegen Windmühlen kämpfen, zeigt sich in den sinkenden Mitgliederzahlen und in der öffentlichen Präsentation, die manchmal seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Die Gewerkschaften zerreißt es zwischen den Umwälzungen der Arbeitswelt aus Clickworking, flexiblen Arbeitsmodellen, schnelldrehender Wirtschaft und anderen Phänomenen. Dafür müssten sie nicht gleich Lösungen anbieten; das erwartet niemand. Doch immerhin sollten sie ihr Denken für neue Lösungen zumindest öffnen. Dass sie das oft nicht können, zeigt sich exemplarisch in den Statements des Gewerkschafters im SPIEGEL-Interview.

Dass sich konservative Politiker und Wirtschaftsvertreter nicht mit dem BGE anfreunden können, lässt sich psychologisch leichter erklären: Erstens glaubt dieser Personenkreis an die Kopplung von Geld als Leistungs- und Anerkennungsfaktor Nummer eins. In der Wirtschaftssphäre sei nunmal Geld das Maß aller Dinge, also auch als Maßzahl für Leistung, deren Belohung und sozialer Anerkennung. Zweitens werden Menschen dort oft als extrinsisch motiviert betrachtet: Ein Esel (bzw. Mensch) rennt halt nur, wenn man ihm eine Karotte (oder einen Geldbeutel) vor die Nase hält. Nach dieser Philosophie bricht mit dem BGE die zentrale psychologische Motivation der Wirtschaftswelt zusammen; die Konsequenz wären Faulheit, Anarchie und der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems.

Sowohl im linken wie auch im konservativen Lager gibt es Befürworter und Gegner des BGE. Als klassische Querfront ziehen sich die Lager durch politische Parteien, Verbände, Unternehmen, die Presse, sogar Familien. Doch von allen Querfront-Lagern enttäuschen mich Linke und Gewerkschafter am meisten. Man kann in Diskussionen, Talkshows und Artikeln immer wieder beobachten, dass sich bei Linken das traditionelle Geld-Denken der Konservativen mit geistiger Unflexibilität und der Angst vor Kontroll- und Bedeutungsverlust zu einer lähmenden Angstneurose vermischt.

Ob man das BGE nun für richtig oder falsch hält: Die Debatte hätte mehr Ehrlichkeit und Selbstreflexion von allen Seiten verdient.

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Geriatrie-Ökonomie https://markusvaeth.com/blog/geriatrie-oekonomie/ https://markusvaeth.com/blog/geriatrie-oekonomie/#respond Wed, 11 Dec 2019 09:22:00 +0000 http://markusvaeth.com/?p=12965 Deutschland verkalkt. Und das ist nicht nur im übertragenen Sinn, sondern ganz wörtlich gemeint:

Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn die tonangebende Bevölkerungskohorte an den Schalthebeln der Macht in Wirtschaft und Politik immer älter und größer wird und gleichzeitig weniger frische, junge Leute als Gegengewicht nachkommen? Nun, es passiert das Gleiche wie mit vielen Menschen, wenn sie älter werden: Die Ansichten werden konservativer, die Gesundheit schlechter, man bewegt sich vorsichtiger, weil bereits ein kleiner Ausrutscher einen Schenkelhalsbruch auslösen kann. Man sonnt sich nostalgisch in vergangenen Zeiten, lebt eher in der Rückschau als in der Zukunft und schaut miesepetrig der Welt bei der Veränderung zu – nicht ohne mit Missfallen zu bemerken, dass man es so viel besser machen würde, wäre man selbst noch jung.

Die deutsche Wirtschaft scheint bereits heftig von diesem Virus der „Geriatrisierung“ befallen zu sein. Und wir alle schauen zu:

  • Der Bankensektor: kaputt. Dresdner Bank weg, Commerzbank krebst herum, Deutsche Bank versucht, aus den Trümmern der Skandale noch ein halbwegs funktionierendes Bankhaus zu bauen. Bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken sieht es nicht viel besser aus.
  • Die Autobranche: wird gerade bewusstlos geprügelt. Diesel-Hysterie, das Elektro-Zeitalter und das Geschrei um die angebliche Klima-Apokalypse lässt Zulieferer pleitegehen, Tausende Jobs bei Herstellern und Zulieferern werden gekillt.
  • Die Energieversorger: werden abgwickelt, nachdem Deutschland kopf- und planlos sowohl aus der Atom- als auch aus der Kohleenergie aussteigt und gleichzeitig keine Windräder mehr bauen darf (wenn es nach Minister Altmaier geht).
  • Die Software-Industrie: Neben dem Dinosaurier SAP gibt es kein deutsches IT-Unternehmen von Weltrang. Eventuell demnächst Wirecard, wenn es nicht im Strudel von Bilanz-Skandalen untergeht und/oder den Krieg mit der Financial Times verliert.
  • Die Startup-Szene: konzentriert sich in Berlin. Und kaum dass wir so etwas wie eine Gründerkultur erzeugen, will die Politik für Startups eine DIN-Norm entwickeln, damit bei der Gründung auch alles nach guter deutscher Ordnung abläuft (kein Scherz).

Man könnte die Liste der heruntergerockten Branchen beliebig verlängern. Mental kann man daher meiner Meinung nach in Deutschland von einer „Geriatrie-Ökonomie“ sprechen. Die deutsche Wirtschaft ist im Herbst ihrer Blüte angelangt, kraftlos und bürokratieverliebt. Wäre die deutsche Wirtschaft ein Produkt, würden Marketing-Leute vom kommenden Ende des „product life cycle“ sprechen. Wir leben in nostalgischen Erinnerungen an unsere glorreiche Vergangenheit von „Made in Germany“, während Google und zehntausende chinesische Ingenieure an unsere Wohlstandstür hämmern. Und wir? Diskutieren über Unisex-Toiletten, Flugscham und die SPD.

Die Deutschen und mit ihr die Wirtschaft sind wie 80jährige im Altersheim: satt, müde, ohne Blick in die Zukunft. Und ja, vielleicht muss es erst schlimmer werden, bevor es besser wird. Der alte Kotter hatte für Wandel im Unternehmen mal als erste Parole ausgegeben: „Einen Sinn für Dringlichkeit erzeugen“. Das halte ich fragwürdig. Entweder du merkst, dass dir der Hintern brennt, und tust was. Oder eben nicht. Dann wirst du halt abgewickelt. Willkommen in Deutschland 2019.

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Die Schul-Stasi https://markusvaeth.com/blog/die-schul-stasi/ https://markusvaeth.com/blog/die-schul-stasi/#comments Wed, 16 Oct 2019 10:39:12 +0000 http://markusvaeth.com/?p=12891 Diese Woche lief bei arte ein – sehr gutes – Dokudrama über die Stasi: „Erich Mielke: Meister der Angst“. Und wie es so ist bei Dokus über vergangene Zeiten: Man betrachtet das Ganze mit einer Mischung aus historischem Interesse, Grusel und Erleichterung, dass so etwas zumindest in Deutschland vorbei ist.

Ist es vorbei? Darüber kann man streiten.

Szenenwechsel: Weil wir kürzlich umgezogen sind und unsere Tochter nun in die erste Klase geht, begleiten wir sie in der Anfangszeit noch zur Schule. Stichwort: Sicherheit, Ampeln, große Durchgangsstraße. Gestern kam dann so ein kleiner Steppke auf unsere Tochter zu, erhob drohned seinen Grundschul-Zeigefinger und rief: „Wo hast du deine Warnweste?“ Mit dieser grimmigen Entschlossenheit, die nur Kinder hinkriegen. Und um sicherzustellen, dass die Botschaft angekommen war: „Zieh bloß deine Warnweste an!“

Ich bekam im Gespräch mit anderen Eltern heraus, dass die Schule einen Wettbewerb macht: Die Kinder der ersten Klasse, die möglichst oft ihre Warnwesten tragen, gewinnen was. So eine Art kollektives Sicherheits-Incentive. Daher feuern sie sich gegenseitig an, die Warnwesten zu tragen. Okay, dachte ich, kann man machen.

Dann bekam ich heraus: An einer anderen Grundschule kontrollieren Sie das Frühstück, das Eltern ihren Kindern mitgeben. Wenn das Frühstück in den Augen der Lehrer „ungesund“ ist, bekommt das Kind Punktabzug! Es werden also Kinder nicht nur belohnt, wenn sie sich gesund ernähren, sondern auch BESTRAFT, wenn sie sich – subjektiv – „ungesund“ ernähren. Und natürlich gibt es auch hier ein Klassen-Ranking. Wer sich „ungesund“ ernährt, wird so an den Pranger gestellt und administrativ durch Punktabzug für die Klasse bestraft. Das ist für mich die Schul-Stasi: Die Kinder werden schon essensmäßig auf Linie gebracht. Das erinnert mich an den „Code Red“ beim Militär: Die eigenen Kameraden knüppeln oder bestrafen dich, wenn du dich so dämlich aufführst, dass die Truppe darunter leidet.

Wir lernen: Dieses mentale Abschleif-System gibt es ein Deutschland nicht nur beim Militär oder auf der Arbeit, sondern bereits in der Grundschule. Wer sich fragt, wie Duckmäusertum, Angepasstheit und der Verzicht auf eigene originelle Leistung entstehen, sollte in die Brotboxen unserer Kinder schauen: Sie sollen nicht nur lernen, was andere lernen, sich benehmen, wie andere sich benehmen, sondern auch essen, was alle essen.

Auf Grundlage dieser Geschichte verstehe ich auch viel besser die Dynamik der „Fridays for Future“ – Bewegung. Sobald du da als Lehrer oder Schüler aus der Reihe tanzst und sagst: Nee, ist nichts für mich, ich will vielleicht doch in die Schule gehen, kommt da irgendeiner um die Ecke und nimmt dich mit seinem Zeigefinger in Sippenhaft. Nur heißt es dann nicht mehr: „Wo ist deine Warnweste“, sondern „Wo ist dein Plakat? Bist du vielleicht gegen Umweltschutz?“

Wir wollen für Wirtschaft und Gesellschaft Individualisten, Querdenker und mutige Menschen. Schöne Worte. Wir züchten aber schon in unseren Schulen Duckmäuser und Stromlinien-Typen groß. Aber wenigstens ernähren sie sich gesund.

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