Angst ist ein schlechter Ratgeber

Schon der griechische Philosoph Heraklit wusste: „Panta rhei.“ – „Alles fließt“. Das Leben ist eine Abfolge von Veränderungen, alles ist ständig im Fluss. Man findet Lebenspartner und trennt sich wieder, Freunde kommen und gehen. Manche wohnen in ihrem Leben in unterschiedlichen Teilen der Welt. Gar nicht zu reden von den immer häufigeren Wechseln des Arbeitsplatzes, ja der Branche. Immer weniger Menschen sind in dem Beruf unterwegs, den sie einst gelernt haben. Dazu kommt die Fülle von Arbeitsverhältnissen: fest angestellt, freiberuflich, Zeit- und Leiharbeit etc. etc.

Allen diesen Veränderungen muss sich ein Mensch stellen, muss darauf reagieren. Viele empfinden angesichts der immer schnelleren Veränderung Sorge, ja Angst. Manche sind regelrecht paralysiert. Was passiert in diesem Moment eigentlich? Wenn ich eine schlechte Nachricht bekomme? Wenn ich in der Tagesschau eine Nachricht sehe und denke: Das betrifft mich jetzt auch, da wird sich etwas verändern? Wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren?

Der Neandertaler und die Blume

Angst ist erstmal nichts Schlechtes, sondern eine evolutionäre Notwendigkeit, um zu überleben. In früheren Zeiten war es sogar der dominante Zustand, und das aus gutem Grund. Stellen Sie sich einen Neandertaler vor, der durch die Savanne zieht. Was ist für ihn wohl wichtiger: Das schöne Gefühl, an einer Blume zu schnuppern oder die Gespanntheit, ob nicht gleich der Säbelzahntiger um die Ecke kommt? Ich tippe auf den Tiger – weil die potenziellen Kosten für unseren Vorfahren ungleich höher sind. Übersieht er die Blume, entgeht ihm ein kleines Glücksgefühl. Übersieht er den Tiger, war’s das für ihn auf dieser Erde. Deswegen konzentriert er sich im Alltag auf die Suche nach Umweltreizen, die ihm möglichst schnell anzeigen, ob und wo der Tiger herumstreicht.

Unser Gehirn ist dafür hervorragend ausgestattet und weiß, was wir für eine zünftige Panik brauchen: ein hocheffizientes hormonelles Alarmsystem, das innerhalb von Sekunden den ganzen Körper unter Aufmerksamkeit und Hochspannung setzt. Wir sind bereit zu „fight or flight“, je nach Einschätzung. Dazu kommt der „Tunnelblick“. Wir „scannen“ unsere Umwelt nach Gefahren ab und blenden andere Reize aus. Heutzutage nennen wir das den „Polizistenblick“. Ein Polizist ist ständig in einem Umfeld der Gefahr unterwegs, weshalb es das Wichtigste ist, solche Gefahren frühzeitig zu erkennen und auszuschalten. Für Blumenschnuppern ist da selten Raum.

Die „Fehlkonstruktion“ des Gehirns

Nun schauen wir unsere heutige Lebenssituation an: kein Säbelzahntiger, kein ständiges Gefahrenumfeld. Okay, wir müssen uns manchmal am Wühltisch durchsetzen, aber das ist kein Vergleich zu früheren mittelalterlichen Gemetzeln oder den Gefahren durch wilde Tiere.
Unglücklicherweise ist unser Gehirn von seiner Bauweise immer noch so gestaltet wie vor 50.000 Jahren. Das bedeutet: Während in unserer Umwelt die objektiven Angstreize abnehmen, „sucht“ unser Gehirn immer noch nach diesen Reizen. Es ist so konstruiert. Stellen Sie sich vor, das Gehirn wäre eine große Wohnung mit verschiedenen Zimmern. Jedes Zimmer wird von einer Grund-Emotion bewohnt: Glück, Angst, Ekstase, Hass und so weiter. Die Angst bewohnt sozusagen das größte, luxuriös ausgstattete Zimmer. Und da bleibt es auch – jedenfalls auf eine biologische Art und Weise.

Schwenken Sie die Taschenampe!

Mit dieser „Behinderung“ in Form von Angstanfälligkeit müssen wir also leben. Was können wir aber tun, damit wir nicht von Angst beherrscht werden? Diese Frage ist wichtig, weil in der Tat viele Menschen von Angst beherrscht werden – vor Krankheit, vor dem Verlust der Arbeitsstelle, vor Einsamkeit, vor Armut und vor vielen anderen Dingen. Das lähmt sie und hindert sie daran, voranzuschreiten und die Dinge anzupacken. Erinnern Sie sich an den Neandertaler zu Beginn? Er kann auch an der Blume schnuppern. Er hat die Wahl, sich auch auf Reize zu konznetrieren, die sein Angst-Schema nicht bedienen. Für ihn hätte das leicht tödlich ausgehen können, aber wir leben heute in einer komplett anderen Welt, mit weniger physischen Bedrohungen.

Darum: Um nicht länger in Angst zu leben, müssen Sie sich erst einmal daran gewöhnen, angstfrei zu fühlen. Dafür konzentrieren Sie sich auf schöne Dinge. Fangen Sie klein an. Schnuppern Sie an einer Blume oder an Ihrem frischen Kaffee, unterhalten Sie sich mit einem netten Menschen und denken dabei bewusst daran, wie schön es ist, genau jetzt hier zu sein und Ihre Zeit mit dem Anderen zu teilen. Oder gehen Sie ins Kino und denken bewusst, wenn das Licht ausgeht: „So, die nächsten zwei Stunden entspanne ich. Sie gehören nur mir. Mit dem Saallicht verschwinden auch meine Alltagssorgen und Ängste. Ich bin ganz hier.“

Ich will das Ganze in ein Bild packen: Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Taschenlampe. Diese Taschenlampe ist Ihre Konzentration. Menschen, die von Angst beherrscht werden, richten den Kegel Ihrer Lampe quasi immer nur in eine Ecke des Zimmers, in die Angst-Ecke. Darum: Schwenken Sie die Taschenlampe! Dorrthin, wo auch gute Gefühle wohnen. Und gewöhnen Sie sich langsam daran. Es ist ein Anfang.

Noch etwas: Begleitend empfehle ich Ihnen, keine Nachrichten mehr zu schauen, weder im Radio noch im Internet oder Fernsehen. Lesen Sie keine Tageszeitungen etc. Denn Medien könzentrieren sich darauf, unsere Angst zu schüren. Das ist ganz normal. Angst verkauft sich am besten, weil wir biologisch immer noch am stärksten darauf reagieren. Doch gerade in unserer komplexen Welt können wir es uns nicht leisten, ständig von Angst gelenkt zu werden. Daher veruschen Sie, Ihr Gehirn zu trainieren und meiden Sie panikfördernde Medien. Denn Angst ist ein schlechter Ratgeber.

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