Apokalypse Meeting

Bild eines mittelalterlichen Kampfes

Ich darf vorausschicken, dass ein Großteil meiner Coaching, Meetings und Workshops weitgehend friedlich verläuft. Blut fließt äußerst selten; eher bedroht das vielgefürchtete „Suppenkoma“ die Szenerie und die Konzentration meiner Gegenüber. Auch Trainingsabbrüche aufgrund ausgefallener Heizungen und akuter Verfrostungsgefahr hatte ich schon.

Was aber tun, wenn ein Meeting entgleist? Und zwar völlig. Ich meine nicht die gepflegte Verhärtung entlang unvereinbarer Meinungen, nicht einmal das unschöne Lautwerden bis zur voluminösen Stimmband-Überbeanspruchung (vulgo: cholerisches Herumschreien). Ich meine die kalkulierte Entgleisung: das strikte Weigern mehrerer oder aller Teilnehmer, sich überhaupt auf das Treffen einzulassen, geschweige denn Produktives einzubringen? Dann wird es knifflig.

Just einen solchen Fall hatte ich kürzlich. Ich wurde engagiert, um einen Change-Prozess in einem Dienstleistungsunternehmen zu begleiten. Der Fokus lag auf Führungskräfte-Entwicklung und Führungskultur. Auf den ersten Blick schien die Sache beschwerdefrei: klare Kommunikation an alle seitens HR, Geschäftsführung initiiert und steht sichtbar dahinter und ich bekam viel Zeit, um mich mit den relevanten Parteien nacheinander an einen Tisch zu setzen, Erwartungen zu hören, mich bekannt zu machen und so weiter. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Nach einigen Runden mit wichtigen Stakeholdern stand ein weiteres Meeting auf dem Programm, just mit den wichtigsten Führungskräften, den Leuten mit dem größten Einfluss auf das Projekt, den politisch wichtigen Machern. Schon zu Beginn bemerkte ich einen kommunikativen Frost, der sich im Verlauf einer halben Stunde zur Totalverweigerung eines Eissturms steigerte. Ich bekam keinen Fuß auf den Boden, konnte mich und das Projekt gar nicht richtig vorstellen. Wie im Straßenkampf, bei dem man auch möglichst als Erster und möglichst hart zuschlägt, um die Sache zu entscheiden, schälten sich schnell zwei Wortführer heraus, die mich bis an die Grenze der persönlichen Beleidigung angingen. Ein geordnetes Meeting konnte ich vergessen, das war klar. Was aber tut man in so einer Situation?

1. Nichts persönlich nehmen

Wenn man merkt, dass eine Unterhaltung nur noch aus einseitigen Vorwürfen und Unterstellungen besteht, muss man innerlich sofort eine Linie ziehen. Auf die eine Seite der Linie stellt man sich als Person und auf die andere Seite der Linie stellt man seine Rollenhülle. Man macht sich klar, dass der geäußerte Unmut gar nicht einem selbst gilt, sondern der Rolle, die man gerade einnimmt – egal, ob als externer Berater oder als Kollege. Auch ich war in diesem Moment der Blitzableiter für eine andere, größere Sache, die im Haus virulent war, aber nicht offen angesprochen wurde.

2. Die Wortführer neutralisieren

In der Regel gibt es bei solchen Meetings – wie bei Straßenbanden – ein, zwei Leute (meistens Männer), die dominant versuchen, einen kleinzumachen und die Kompetenz abzusprechen. So auch hier. Man räsonierte, „was ich denn hier wolle“ und ob ich überhaupt wisse, wovon ich rede. In einer solchen Situation sollte man gezielt, aber beherrscht zurückschlagen und die Wortführer neutralisieren. Ich konterte kühl mit meinem Auftrag durch das Unternehmen und ließ mich auf keine Kompetenz-Diskussion ein. Diese hätte mich nur in die Rechtfertigungsspirale gedrückt – wahrscheinlich genau das, was man beabsichtigt hatte. In der Folge ging es merklich gesitteter zu.

3. In den Coaching-Modus wechseln

Natürlich hat jeder, der ein Meeting durchführt, einen Auftrag bzw. ein Anliegen. Sollte sich aber herausstellen, dass gar nichts geht, dass sich eine Mauer aus Widerstand aufbaut: Schalten Sie um, gehen Sie in den Coaching-Modus. Ich dachte in dem Moment: Ich nutze die Gelegenheit, um möglichst viel über Meinungen und Motive herauszubekommen. Und fing an, Fragen zu stellen: Was im Vorfeld kommuniziert worden sei? Ob jemand fehlt, der nach Meinung der Teilnehmer eingebunden werden sollte? Was wir aus dem Meeting noch herausholen sollten? Ich stellte mich in dieser Phase ehrlich auf die Seite der Teilnehmer, um mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was hier so schrecklich schieflief. Durch diese Solidarisierung gelang mir eine Zivilisierung der Debatte – aber kein Vorankommen in der Sache.

4. Einen Schnitt machen

Wenn gar nichts mehr geht, wird es Zeit, im Sinne aller Beteiligten einen Schnitt zu machen. Dann kann das Meeting-Ergebnis nur lauten: Wir sind uns einig, nicht einig zu sein. Man kehrt die Scherben und die wichtigsten Punkte zusammen, kommuniziert, wie man mit den Ergebnissen umgehen wird, wen man im Sinne der Transparenz  informieren wird und setzt selbst den Schlusspunkt des Meetings. Ganz wichtig: Reflektieren Sie Ihre eigene Rolle, was Sie Ihrer Meinung nach richtig gemacht haben, was nicht und welche wichtigen Lehren für den Gesamtprozess Sie aus dem Meeting ziehen können. Denken Sie daran: Alles ist eine Lernerfahrung. Auch eine Eskalation kann ein sinnvoller Schritt für ein letztliches Projekt-Committment sein.

P.S.
Was sind Ihre Erfahrungen mit verkorksten Meetings? Wie gehen Sie damit um?

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Sabine
Gast
Sabine

Lieber Markus, schön beschrieben, das Battlefield-Meeting. Und ja, ich habe das Gefühl, wenn die (An-)spannung wie derzeit steigt, (Agilität, Digitalisierung, kommen wir eigentlich noch mit? Ist mein Job – als Führungskraft – sicher? Was passiert mit meiner Macht und meinem Status, wenn die ernst machen mit Ownership und Demokratisierung?) dann steigen im besten Fall die Dezibel, und im schlimmeren kochen die Emotionen so unsachlich über wie beschrieben. Ich habe vor einiger Zeit ein Meeting mit einer internen Kundin erlebt, bei dem ich praktisch vom ersten Augenblick keinen Fuss auf den Boden bekommen habe. Ich glaube im Nachhinein, das war auch… Weiterlesen »

Markus Väth
Gast

Das Schwierigste ist es, glaube ich, ruhig zu bleiben. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber bei mir steigt dann natürlich das Adrenalin und ich gehe in die „fight“-Reaktion. (Manche vielleicht auch eher in Richtung „flight“ or „freeze“ 🙂 .) Dann steigt der Blutdruck und ich will auch erstmal was gegenzimmern. Mach‘ ich aber nicht. Ganz entscheidend ist für mich hier Training. Man muss solche Situationen trainieren, um möglichst gut da rauszukommen. Und da hilft mir persönlich die Auseinandersetzungen über Social Media. Wenn ich blogge oder bei XING veröffentliche, gibt es da natrülich auch mal entsprechend negative Kommentare. Da… Weiterlesen »

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