Arbeitslosigkeit gibt es nicht

Als ich den Satz in der Überschrift das erste Mal bewusst auf mich wirken ließ, kam er mir seltsam vor. Und er tut es noch. Der Satz aktiviert bei mir einen tief verwurzelten Widerspruch: Das kann nicht sein. Natürlich gibt es Arbeitslosigkeit. Hören wir nicht jeden Monat die neuen Arbeitslosenzahlen im Radio? Drehen sich nicht die meisten öffentlichen Diskussionen in Wirtschaft und Politik um Arbeit und (drohende) Arbeitslosigkeit? Von „lebenslangem Lernen“ bis zu „Sozial ist, was Arbeit schafft“? Und lebt nicht eine gigantische Maschine aus Medien, Beratungen, Parteien und Gewerkschaften davon, Arbeitslosigkeit zu thematisieren, zu verkleinern oder zu verhindern? Ja, das alles ist richtig.

Dennoch: Arbeitslosigkeit gibt es nicht.

Was es für einzelne Menschen gibt, ist das Fehlen bezahlter Arbeit. Und dieses Fehlen ist natürlich in jedem Fall schmerzhaft und belastend. Es ist nicht nur belastend, weil wir mit Arbeit Geld verdienen. Arbeitslosigkeit ist auch schmerzhaft, weil wir in unserem kapitalistischen System andere und uns darauf konditioniert haben, Arbeit, die diesen Begriff verdient, auf bezahlte Arbeit einzuschränken. Das ist eine gefährliche Verkürzung, die unser individuelles und kollektives Denken in Geiselhaft nimmt und uns daran hindert, neu über Arbeit nachzudenken.

Nicht ein Job, sondern Arbeit gehört zum Wesen des Menschen

Für die Beurteilung von Arbeit im menschlichen Leben sollte nicht die An- oder Abwesenheit eines Jobs der Maßstab sein. Von diesem Maßstab aus ist es gedanklich nicht mehr weit zur eigenen ökonomischen Erpressbarkeit und dem Verlust des Selbstwertgefühls, wenn kein Job vorhanden ist. Das zeigen praktisch alle psychologischen und soziologischen Studien zur Arbeitslosigkeit. Vielmehr müssen wir Arbeit in einem sehr viel grundsätzlicheren Sinne für das menschliche Leben verstehen. Will man Arbeit kulturell im Menschsein verorten, kann man das christliche Weltbild als Beispiel heranziehen, in welchem  Arbeit im Leben „Schöpfungsrang“ hat. Der Mensch soll die Welt „bearbeiten und bewahren“. Von „Vertrauensarbeitszeit“ oder „Weiterbildungsbudget“ ist hier nicht die Rede. Von „Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“ auch nicht.

Arbeit in einem tief kulturellen Sinn wird immer getan: ob bezahlt oder nicht, ob anerkannt oder nicht, ob im Beruf, in der Familie oder im Ehrenamt. Um ein Wort von Watzlawick zu verändern: Der Mensch kann nicht nicht arbeiten. Alles ist Arbeit bzw. Arbeit ist viel mehr als es uns die kapitalistische Konditionierung von Lohnarbeit vorgaukelt.

New Work bedeutet: Arbeit neu denken.

Ein Leitgedanke des ursprünglichen New Work von F. Bergmann war, die Lohnarbeit auf 20% der verfügbaren Arbeitszeit zu beschränken. Weil sie, so Bergmann, den Menschen „krankmache“. Nicht aufgrund ihres Charakters als Arbeit, sondern weil sie in einem System stattfinde, die den Menschen erpresst, entmündigt und manipuliert. Daher finde ich es persönlich schade, dass viele Bemühte, die sich „New Worker“ nennen, in die kapitalistische Konditionierungsfalle tappen und ausschließlich versuchen, New Work innerhalb des Lohnarbeitssystems zu verwirklichen: durch „agile“ Strukturen, neue Kreativmethoden, schicke Büroräume oder das Propagieren von „Augenhöhe“. Wohlgemerkt: Das sind gut gemeinte Initiativen. Auf dem Weg zu New Work können sie jedoch lediglich einen Zwischenschritt darstellen. Wer Arbeit nur innerhalb des Lohnarbeitssystems als Arbeit versteht, ist kein New Worker.

Als New Worker sollten wir aktiv den Gedanken voranbringen, dass Arbeit sehr viel grundsätzlicher ist als Lohnarbeit. Dafür müssten wir uns zunächst selbst von der kapitalistischen Konditionierung von Arbeit als Lohnarbeit lösen und wirklich fühlen und begreifen, dass Arbeit nicht nur innerhalb des Wirtschaftssystems und der Jobs existiert, sondern gleichwertig ebenso als Familienarbeit, Bürgerarbeit, ehrenamtliches Engagement oder auch als eigene Persönlichkeitsentwicklung. Alles ist Arbeit, und das ist kein Fluch, sondern eine Befreiung. New Work sollte sich nicht vorschnell als neuester „heißer Scheiß“ benutzen und verheizen lassen, sondern selbstbewusster Teil dieser Befreiungsbewegung sein. Wenn Sie Lust haben und Arbeit neu denken wollen, lehnen Sie sich einfach kurz zurück, schließen Sie die Augen und versuchen es nochmal:

Arbeitslosigkeit gibt es nicht.

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Christel T.
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Am Rande: Wenn man von Arbeitslosengeld lebt, dann hat man dauerhaft keine Zeitherrschaft. Man muß sich jederzeit bereithalten, um sofort einen neuen Job annehmen oder mit einer „Maßnahme“ beginnen zu können. Auch wenn jahrelang kein Vermittlungs-„vorschlag“ vom Amt kommt. Wenn man nicht ganz bewußt dagegen verstößt, indem man sich die Herrschaft über die eigene Zeit widerrechtlich aneignet, dann sitzt man tatsächlich den ganzen Tag auf dem Sofa. Das Klischee will natürlich, daß das irgendwie von der Arbeitslosigkeit kommt, und nichts mit dem Amt zu tun hat. Aber es ist das gesetzlich vorgeschriebene Verhalten, und natürlic, wer sich wirklich so verhält,… Weiterlesen »

Markus Väth
Gast

Hallo Christel,
ein guter Punkt, den man allzu leicht vergisst. Erst zerstört man den „Motivationsmotor“ der Arbeitslosen und beschwert sich hinterher, dass sie auf neue Angebote buchstäblich nicht mehr „anspringen“.

Gaby Feile
Gast

Hallo Markus,

vielen Dank für die klaren Worte. Ich bin froh, dass du es (auch ) ansprichst, was mir in letzter Zeit so auffällt: New Work gilt als hip. Man muss es machen, wenn man dazu gehören will. Alles, was irgendwie anders ist als „9 to 5 und Tarifvertrag“ wird darunter gepackt. Genau wie du finde ich die vielen Initiativen sehr gut. Aber sie dienen alle dem Systemerhalt, nicht der Systemablösung.

Ich finde, Frithjof Bergmann hat es nicht verdient, dass der Begriff New Work so „fadenscheinig“ und „fahrlässig“ benutzt wird.

Viele Grüße von deiner Kommplizin (im ganz deutlichen Sinne)

Gaby Feile

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