Aufklärung

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Dieser Satz steht in Stein gemeißelt im Torbogen, durch den wir das Zeitalter der Aufklärung betreten haben. Seit über 300 Jahren ergründen und vermessen wir die Welt, forschen und bewerten die Realität nach dem Masstab der kritischen Vernunft. Eine historisch bislang einmalige kollektive Eruption des Geistes.

Die meisten Menschen halten die Aufklärung deswegen in der Regel auch für eine gute Sache. Kein mittelalterlicher Raubritter diktiert mehr die Spielregeln von seiner Burg herunter. Wir leben – zumindest in vielen Ländern der westlichen Welt – in einer parlamentarischen  Demokratie. Kein spätbarocker Fürst kann uns mit einem Wink seiner Hand zum Tode verurteilen. Wir leben in einem Rechtsstaat. Und so weiter und so fort. Die Aufklärung hat den Menschen sehr viele Segnungen gebracht.

Außer in der Arbeitswelt. Hier diktiert oft das Management die Spielregeln von oben herunter. Hier kann ein Mächtiger das mikropolitische Todesurteil sprechen oder mit der Unterschrift auf einem Papier 500, manchmal 5.000 Leute entlassen. Keine Aufklärung, nirgends. Die großen aufklärerischen Errungenschaften der modernen Organisationsentwicklung – Dezentralisierung, Demokratisierung und Digitalisierung – spielen oft nur eine untergeordnete Rolle im betrieblichen Alltag oder werden widerwillig angepackt.

Wieso lassen das so viele arbeitende Menschen mit sich machen? Es fehlt oft der Mut, der rebellische Geist. Man ist ökonomisch erpressbar; immer droht die Kündigung. Ein freies Leben ist so nicht denkbar, jedenfalls nicht im Sinne der Aufkärer. Man muss nicht gleich Maschinen stürmen. Aber ab und zu eine kritische Frage stellen sollte drin sein. Und nachbohren, seine Meinung verteidigen. Das sind wir auch in der Arbeitswelt den Aufklärern schuldig, die ihrerseits nicht selten mit Ächtung und Tod bezahlt haben für die Früchte, die wir heute ernten.

Atmen wir frei! Haben wir Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, auch in der Arbeit! Die Zeit der Raubritter und Barone ist vorbei.

Photo © Nordreisender | photocase.de

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