Bewerbungen sind oft Selbstbewusstseins-Killer

Bild eines jungen Mannes auf einer Straße

Es heißt, viele Menschen wollten Erfolg, Geld und Status. Es heißt, man müsse etwas aus sich machen, damit der Nachbar nicht denkt: „Was ist denn das für einer?“ – wenn man eben nichts aus sich macht. Implizite soziale Kontrolle funktioniert immer noch sehr gut.

Selbstwirksamkeit ist der Goldstandard der persönlichen Erfüllung

Ich glaube, es ist viel einfacher: Menschen wollen wirksam sein, genauer gesagt selbstwirksam. Selbstwirksamkeit bedeutet: entsprechend der eigenen Fähigkeiten, Potenziale und Bedürfnisse handeln können. Jemand ist selbstwirksam, der Ergebnisse erzeugt, jemand, der sich am richtigen Platz fühlt, jemand, der Glück aus dem zieht, was er tut. Sogar bis zu dem Punkt, an dem er sich gar nicht mehr vorstellen kann, etwas anderes zu machen. Künster haben zum Beispiel oft diese Überzeugung oder auch Martin Luther, der auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben soll: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Verurteilt mich, quält mich, dreht mich durch die Mangel: Ich mach’ mein Ding und steh’ dazu.

Der Bewerbungsprozess ist ein Killer für Selbstwirksamkeit

Momentan läuft auf XING eine von mir initiierte Debatte über eine Reform des Recruitings und des Bewerbungsprozesses. Momentaner Stand: knapp 18.000 Klicks, etwa 500 Likes und über 130 Kommentare. Das Thema bewegt beide Seiten: Bewerber und Unternehmen sprich Recruiter. Denn im Kern geht es beim Bewerbungsprozess um einen Abgleich zwischen der Selbstwirksamkeit des Bewerbers und dem Nutzen für das Unternehmen. Passen beide zusammen – menschlich, fachlich, kulturell? Unternehmen jedoch machen diesen Abgleich meiner Ansicht nach immer schwerer: durch unerfahrene Recruiter, intelligenzfreie Algorithmen und einen respektlosen Umgang mit dem Bewerber.

Vor den Erfolg haben die Götter das Online-Formular gestellt

Die eigene Selbstwirksamkeit muss ein Bewerber erst einmal demonstrieren dürfen. Das Unternehmen sollte dem Bewerber (schon aus Eigeninteresse!) die Chance geben, dessen Selbstwirksamkeit und damit einen möglichen Nutzen für das Unternehmen zunächst zu behaupten und später im Auswahlverfahren unter Beweis stellen zu dürfen. Doch schon an der ersten Hürde, dem schieren Behaupten der Selbstwirksamkeit, scheitern viele. Denn vor den ersten Erfolg haben die Götter das Online-Formular gestellt. Passen offene oder verborgene Kriterien wie Alter oder Geschlecht nicht (AGG hin oder her) oder fehlen dem Algorithmus spezielle Keywords, filtert man den Bewerber heraus und das maschinell erstellte Zwei-Satz-Absageschreiben ist auf dem Weg. Es ist schon ein Witz, dass Unternehmen nach innen Diversity und Querdenkertum predigen und nach außen Bewerber nach uralten, festgefahrenen Pseudokriterien suchen und auswählen. Das passt nicht mehr in unsere Arbeitswelt, in der Wissen schneller veraltet als ein Cheeseburger im Kühlschrank.

Bewerbungen haben zunehmend etwas Demütigendes

Eine Bewerbung ist immer eine riskante Sache. Man offenbart dem potenziellen Arbeitgeber seine Stärken und Schwächen, seine Erfahrung und Biographie und setzt sich der Gefahr einer umfassenden Zurückweisung aus. Das ist unvermeidbar. Aber dass Bewerber durch Dilettantismus, Respektlosigkeit und blinden Glauben an Algorithmen gedemütigt werden, ist tragisch. Denn diese Demütigung, die strukturellen Charakter hat und darum nicht einmal, sondern zehn oder fünfzig Mal vom Bewerber erlebt wird, schlägt schließlich auch auf das Selbstbild und die Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit durch. Hielt man sich zu Beginn des Bewerbungsprozesses noch für einen durchaus fähigen Arbeitnehmer, verkrümelt sich das Selbstbewusstsein schließlich in die Ecke und fragt: Bin ich jetzt verrückt oder die vierzig Unternehmen, die abgesagt haben? Kann ich mich so über meine Selbstwirksamkeit täuschen?

Selbstwirksamkeit braucht mentale Rückversicherung

Damit Bewerber nicht vollends am Rad drehen, sollten sie im Bewerbungsprozess parallel ihr Selbstbewusstsein trainieren und sich klarmachen: Eine Absage ist kein Urteil über ihre Selbstwirksamkeit. Oft haben Recruiter eine Bewerbung nicht mal gelesen oder ein Algorithmus hat die Bewerbung aus dem loop geworfen, bevor sich ein menschliches Auge mit ihr auseinandergesetzt hat. Pflegen Sie darum ihre (beruflichen) Erfolgsgeschichten. Denken Sie daran, dass eine Bewerbungsphase eine soziale und kommunikative Ausnahmesituation ist, die ihren eigenen Regeln folgt. Das ist schwer, ich weiß. Aber nur so bewahren Sie Ihre Selbstwirksamkeit und Ihre Energie, die Sie für Ihre Zukunft benötigen. Viel Erfolg.

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