Bin ich Arbeit?

Der moderne Mensch definiert sich in unserer Leistungsgesellschaft über seine Arbeit. Das Denken und die Nomenklatur der Wirtschaft reichen in alle Bereiche der Gesellschaft hinein; alles soll „produktiv“ und „effizient“ sein. Allzuleicht wird dieses Vokabular auf den Menschen übertragen. Von „Humankapital“ ist die Rede, von quantitativer „Arbeitskraft“. Solange man sich auf dieser Skala irgendwo positiv positionieren kann, ist das natürlich gut für den eigenen Selbstwert.

Was geschieht jedoch, wenn jemand aus diesem System herausfällt? Ich erlebe immer wieder Klienten, die mit ihrer Arbeitsstelle auch ihr Identifikationsmerkmal verloren haben. „Ich habe keine Arbeit“ wird übersetzt mit „Ich bin nichts wert“. Sie fühlen sich „unwert“, von ihrem Arbeitgeber verraten und als Spielball von unkontrollierbaren Kräften. Sie haben erlebt, dass Leistung nicht gleichbedeutend ist mit dem Erhalt des Arbeitsplatzes.

Für diese Menschen beginnt ein Prozess der Neuorientierung. Es wird wichtig, seinen Selbstwert wieder aufzubauen. Dies ist verbunden mit der geistigen Übung, nicht nur Dinge zu TUN bzw. zu HABEN, sondern jemand zu SEIN. Diese Unterscheidung ist nicht trivial. Unsere schnellebige Zeit ist geradezu prädestiniert dafür, vor der eigenen Nabelschau davonzulaufen und sich mit käuflichen und beherrschbaren Äußerlichkeiten abzulenken: Freizeitbeschäftigungen, Medienberieslung, den neuesten Trends etc.

Durch den Verlust des Arbeitsplatzes wird die existenzielle Frage „Wer bin ich“ neu aufgeworfen. Ich bin nicht nur Arbeitsplatzinhaber, sondern auch Elternteil, Bruder, Tante, Freund, Kirchgänger, Atheist, Vereinsmitglied, Linker, was auch immer. Alles Etiketten für die Umschreibung unserer Persönlichkeit, die wir neu verankern müssen, wenn unsere große Selbststütze „Arbeitsstelle“ wegfällt.

Haben Sie gewusst, dass die australischen Ureinwohner, die Aboriginies, kein Wort für das Konzept „Arbeit“ kennen? Sie erledigen die Dinge einfach, wenn sie nötig sind; sie definieren sich jedoch nicht darüber. Wir „modernen“ Menschen tun das in der Regel schon. Fragen Sie sich selbst: Ist das eine positive Entwicklung?

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt!
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x

Schön, dass Sie vorbeischauen!

Seit Anfang 2020 bin ich Geschäftsführender Gesellschafter der humanfy GmbH und habe meine geschäftlichen Aktivitäten dorthin verlagert.

Dort finden Sie ab sofort alle meine Vorträge, Coachings und Workshops.

X