Burnout-Betroffene sind laut SPIEGEL Krankheitserreger

Der SPIEGEL hat auch schon mal bessere Tage gesehen, was die Burnout-Berichterstattung angeht. Den aktuellen –  äußerst problematischen – Artikel zu dieser Erkenntnis liefert die Psychologin Ilona Bürgel, nach Autoreninfo eine „Spezialistin für den Wirtschaftsfaktor Wohlbefinden“.

Dabei ist die Hauptthese des Artikel („Burnout ist ansteckend“) gar nicht mal das Problem: Nicht-Burnout-Betroffene würden in Ihrem Wohlbefinden, in Ihrem Denken über Burnout und über eigene Belastungen durch die Zusammenarbeit mit Burnout-Betroffenen beeinflusst. Zum Beispiel in Arbeitsteams. Das ist keine besonders steile These, sondern elemantare Sozialpsychologie. Fragwürdig wird es, wenn Frau Bürgel für diese sozialpsychologische Dynamik die Krankheitsmetapher verwendet:

„Negative Haltungen und Gefühle aber auch Symptome werden übertragen. Kurz: Burnout ist ansteckend. [..] Doch wie genau funktioniert die Ansteckung mit dem Burnout-Virus?“

Es ist schon unseriös, für ein so komplexes Geschehen wie soziale Interaktion die einfachen Metaphern von  Krankheit und „Virenbefall“ zu nutzen. Doch richtig infam wird es, wenn Frau Bürgel Gegenmaßnahmen empfiehlt:

„Praktisch bedeutet das, dass der ständig nörgelnde Kollege Sie mit runterzieht. Und dass Sie sich lieber bei dem ewig gutgelaunten Sonnenschein der Abteilung aufhalten sollten, um sich mit guter Laune anzustecken. [..] Wenn Sie also bis hierher gelesen haben, machen Sie sich schleunigst auf zu ihrer charmantesten Kollegin und erzählen sich die tollsten Erlebnisse des vergangenen Jahres!“

Hier zeigt sich die ganze Menschenverachtung moderner „Humanressourcen“-Theorien und egoistischer „Ich rette mich“ – Haltungen. Man zückt das mentale Taschentuch, isoliert den „menschlichen Erreger“ und bringt sich selbst in Sicherheit. Die Möglichkeit, dem Betroffenen im Team wieder auf die Beine zu helfen oder sich als Team zu fragen, was hier schiefläuft, wird nicht einmal erwähnt. Der ganze Artikel atmet den wohlfeilen Quark des postmodernen Esoterik-Wellness-Selbstverwirklichungsblödsinns:

„…verschiedene Studien haben gezeigt, wie kontaminierend negative Gedanken, negative Erwartungen, ein Problemfokus sind. Sie führen dazu, dass unser Denkhirn nicht mehr optimal arbeitet und wir uns und anderen das Leben schwermachen.“

Lassen wir mal beiseite, welche „Studien“ das sein sollen und dass sie nicht genannt werden. Lassen wir auch mal beiseite, dass eine angebliche Expertin die unscharfe, etwas seltsame Bezeichnung „Denkhirn“ verwendet.

Wichtiger ist: Das Zitat zeigt die platte Spielart des Positiven Denkens: Ignoriere die Probleme (und den Menschen!), dann werden sie schon verschwinden! Selbstverständlich nutzt es wenig, sich ausschließlich im Problemdenken aufzuhalten. Doch nicht überall tanzt der Li-La-Launebär. Probleme sind eben real und müssen gelöst werden. Die Verantwortung dafür – gerade in Arbeitsteams – von sich abzulösen und den Burnout-Betroffenen damit alleinzulassen, ist infam, kurzsichtig und asozial. Doch das scheint die Autorin nicht zu stören. Hoffen wir, dass der SPIEGEL im Jahr 2014 wieder bessere Artikel bringt.

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