Burnout und Neurodoping: „Ritalin ist großes Kino“

Das Zeitalter des Alkoholikers ist vorbei. Wir stehen an der Wende zum Ritalin-Junkie.

Drogen haben auch im Arbeitsleben immer eine Rolle gespielt. Ein bestimmter Prozentsatz von Menschen kam und kommt im Beruf nur durch, wenn er sich entsprechend pusht. Der Sachbearbeiter, der die Flasche Schnaps versteckt; der Arzt, der sich vor der OP ruhigspritzt – das alles hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer gegeben.

Doch jetzt hat der Wind gedreht. Eine neue Klasse von Drogen erobert den Arbeitsmarkt und setzt sich immer mehr fest: die „Uppers“, die Wachmacher, die Leistungsverstärker: Ritalin, Modafinil, Antidepressiva, Ephedrin, MDMA. Aber auch die guten, alten Bekannten Koks sind wieder on top, wenn es darum geht, seine Leistung hochzufahren und über lange Zeiträume wie ein Tier zu schuften.

Unter der Hand ist das Thema bei Personalern, Personalberatern und Ärzten längst bekannt. Allein, es fehlt bislang eine breite öffentliche Debatte. So wie viele Bodybuilder sich ganz selbstverständlich Anabolika spritzen, um körperlich die Muskeln wachsen zu lassen, erleben wir ein ganz selbstverständliches Aufkommen von leistungssteigernden Drogen, auch unter dem Begriff „Neuro-Enhancement“ oder Neurodoping“ bekannt.

Bereits Studenten nehmen Ephedrin oder Ritalin um sich kurzzeitig für ihre Prüfungen zu dopen. Man ist konzentriert, wach und kann Unmengen von Stoff in kurzer Zeit bewältigen. Das ist verlockend, vor allem in einer Gesellschaft, die Leistung über alles stellt und denjenigen feiert, der „es schafft“ und im Beruf die größten Höhenflüge meistert. Wer nichts leistet, ist ein Verlierer. Von dieser gesellschaftlichen Akzeptanz zur eigenen Drogensucht ist es nur ein kleiner Schritt. Wie das geht, beschreibt ein Betroffener in der Neuen Züricher Zeitung:

„Meine Lieblingspille ist Ritalin. Wow, da hat sich die Pharmaindustrie wirklich selbst übertroffen. Ritalin ist grosses Kino, wie Ferrari fahren, wenn man einen popligen VW-Käfer gewohnt ist. Das nehme ich, wenn ich morgens nicht aus dem Bett komme oder abends Party machen will, ohne am nächsten Tag einen hämmernden Alkohol-Schädel zu haben oder eine verstopfte Nase vom Kokain. Letzteres ist ja sowieso suboptimal für Körper und Seele. Ritalin aber wirkt ähnlich und wird einem erst noch bezahlt, darum nenne ich es Krankenkassen-Koks.“

Bereits in einem früheren Artikel habe ich auf die wachsende Gefahr von Neurodoping und Burnout hingewiesen. Bemerkenswert an der neuen Drogenwelle ist das Motiv. Nicht mehr die gesellschaftliche Entspannung (Alkohol) oder die spirituelle Bewusstseinserweiterung (LSD, Mescalin, Hasch) stehen im Vordergrund, sondern eine neue gesellschaftliche Strömung: Leistung um jeden Preis. Will man diese neue Drogenwelle bekämpfen, muss man an drei Punkten ansetzen: am Betroffenen selbst, an der Druck-Mentalität der Firma und am gesellschaftlichen Bewusstsein, das für eine einseitige „over the top“ – Philosophie das Ausbrennen und den Absturz ihrer Arbeitskräfte in Kauf nimmt.

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Thomas Volbers
10 Jahre zuvor

Ich bin selber vom Burnout gezeichnet gewesen, aber um Pillen habe ich von Anfang an einen großen Bogen gemacht. Genauso wenig ist Alkohol eine Lösung, obwohl das Gläschen Wein Entspannung bringt.

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