Der Kaiser, nackt

Nein, dies wird keine Kolumne über Franz Beckenbauer. Sollten Sie also über die Suchbegriffe Porno, Fußball und Hochadel hierhergelangt sein, muss ich Sie leider enttäuschen. Obwohl ich „den Franz“ durchaus interessant finde, also so vom verhaltenspsychologischen Standpunkt aus.

Anyway, mir geht es heute um etwas anderes. Letztes Wochenende war ich in Berlin auf dem 25. Wevent des New Work-Netzwerks intrinsify. Es war mein erstes Mal (hoppla, nun landen wir doch noch bei eindeutigen Phrasen) und: Ja, für mich war es auch schön. Was mich dort am meisten emotional beeindruckt hat, war das Gefühl, doch nicht verrückt zu sein. Denn wenn man New Worker ist, besteht da durchaus eine Gefahr. Wenn 99 Prozent der Wirtschaft in einer Weise redet und handelt, über die das letzte Prozent (und damit man selbst) den Kopf schüttelt, tut es gut, sich innerhalb des Prozents auszutauschen und einander zu versichern: Du tickst noch richtig, es ist gut, was du vertrittst und – es gibt praktische Beispiele aus Unternehmen, die das inzwischen genauso sehen wie du. [Notiz: Wäre „Das letzte Prozent“ nicht ein toller Titel für einen Wirtschafts- oder Börsenthriller?]

Deshalb warten das letzte Prozent und ich auf den „Kaiser-Moment“.  Sie wissen schon, die Szene aus dem Märchen, in der der Kaiser nackt ist, jeder es weiß, aber niemand den Mund aufmachen will, weil alle Angst haben. Bis zwei kleine Jungs kommen und rufen: „Mama, aber der Kaiser ist ja nackt!“ Worauf die Mama erstmal hinguckt und denkt: „Wow, really!“ Sowas in der Art.

Jedenfalls ist danach die Show vorbei, der Keks gegessen, und niemand kann sich oder dem Kaiser mehr in die Tasche lügen. Das meine ich mit dem „Kaiser-Moment“: Wenn sich die Anzahl der Menschen mit New Work-Sehnsucht exponentiell vergrößert, weil jemand mental das Licht anknipst und ruft: „Aber das ist doch Blödsinn, so wie ihr das bisher macht!“. Sowas nennt die Wissenschaft dann einen Paradigmenwechsel.

Ich jedenfalls hatte letztes Wochenende endlich einmal das Gefühl, unter 130 Gleichgesinnten zu sein, die den Kaiser bereits nackt sehen. Das ist nicht die reine Freude, kann ich Ihnen sagen. Aber wir bleiben dran. Wir sind die zwei Jungs aus dem Märchen. Wir sind die innovativen Berater, die Buchschreiber, die genervten Angestellten, die müden Manager. Wir sind die Unschuldigen, die Lösungsanbieter, die Beseelten, die Hoffenden. Wir sind die, die dranbleiben.

So, und jetzt alle wieder anziehen.

Photo © Markus Väth

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