Die Morddrohung wird salonfähig

Bild eines Küchenmessers

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Meeting. Es ist Donnerstag vormittag, die Sonne scheint, es liegt nichts Besonderes an. Man langweilt sich eher. Und auf einmal meint Ihr Sitznachbar: „Weißt du, Klaus, man sollte dich verbrennen. Echt jetzt. Oder einfach die Kehle aufschlitzen und liegenlassen, du Stück Dreck.“ Klingt unwahrscheinlich? Dann ist der kommunikative Trend zur locker-flockigen Morddrohung offenbar noch nicht bei Ihnen im Büro angekommen.

Wir verrohen und merken es nicht mal

Auch wenn ich jetzt vielleicht klinge wie ein alter reaktionärer Sack: Als ich jung war, war eine Morddrohung noch etwas Besonderes. Man hielt sie für bestimmte Gelegenheiten bereit: RAF-Terror, Bandenkriminalität oder auch mal das eine oder andere Trennungsdrama. Der Durchschnittsbürger kannte die Morddrohung daher eher aus „Aktenzeichen XY“ als aus dem eigenen Alltag.

Heute ist das anders. Facebook, Twitter und die hyperventilierenden Medien transportieren Morddrohungen wohlfeil und gratis nach Haus. Das jüngste Opfer der medialen Vernichtung ist Roland Tichy, der (nun Ex-) Herausgeber des XING-Klartextes und ehemalige Chefredakteur des Handelsblattes. Nach einem üblen Gastartikel (!) auf seinem Blog „Tichys Einblick“, für den er sich sofort entschuldigt und ihn gelöscht hat, stand er im Zentrum eines Shitstorms und erhielt, man ahnt es, Morddrohungen gegen sich und seine Familie. Als auch noch XING in die Sache mit hineingezogen wurde, trat er vom Posten des XING-Klartext-Herausgebers zurück:

Die Kritik entzündet sich an einem Text, der auf Tichys Einblick erschienen ist. Er hätte nicht erscheinen dürfen, deshalb habe ich ihn vom Blog entfernt und mich für den Fehler entschuldigt. Das hat aber nicht zur Ruhe geführt. Stattdessen erhielt ich Morddrohungen. Des weiteren startete eine massive Kampagne gegen XING. Das kann ich nicht akzeptieren und gutheißen. [..] Klartext, die Firma XING und seine Mitarbeiter sind mir ans Herz gewachsen. Ihnen zuliebe trete ich mit sofortiger Wirkung vom Posten des Herausgebers zurück.

Tichy ist – wie so viele öffentliche und nichtöffentliche Personen in letzter Zeit – dem Meinungsfaschismus der political correctness zum Opfer gefallen: Wenn Menschen glauben, jemand anderen fertigmachen zu müssen, weil der auf der angeblich moralisch falschen Seite steht, hält sie keiner mehr auf. Das war schon bei den Kreuzzügen so. Nur die Form hat sich verändert.

Seit der Tichy-Sache mache ich mir ernsthaft Sorgen um die Diskursfähigkeit der Bürger. Klar, nicht jeder zieht gleich das kommunikative Messer, aber man gewöhnt sich daran, dass es geschieht. Wir verrohen und merken es nicht mal.

Die Meinungsfreiheit geht den Bach runter und alle schauen zu

Der Fall Tichy ärgert mich noch aus anderen Gründen. Erstens frage ich mich, ob die Kritiker überhaupt schon einmal „Tichys Einblick“ gelesen haben. Ich selbst lese das Blog regelmäßig und habe in der Vergangenheit keine, aber auch gar keine Anzeichen für „stramm rechte Ideologie“ und  eine Förderung der „Normalisierung fremdenfeindlicher, völkischer, nationalistischer und autoritärer Diskurse“ gefunden, wie der METRONAUT schreibt. Der Gastartikel war ein Ausrutscher, den Tichy sofort korrigiert hat. Dagegen stehen Dutzende eigener Posts und Gastartikel, die völlig im Rahmen des intellektuellen Diskurses sind.

Zweitens schreibe ich als „Branchen-Insider“ ab und zu selbst für den XING-Klartext und finde dort ein wesentlich höheres Diskussionsniveau vor als in den Kommentarwelten „normaler“ Medien wie dem SPIEGEL oder selbst der ZEIT. Meiner Meinung nach hat Tichy hier eine wirklich gute Plattform aufgezogen. Ich erlebe das Klartext-Team als sehr professionell – was wiederum im Gegensatz zu manchen Medien steht, mit denen ich zu tun habe. In diesem Sinne halte ich den Abgang Tichys für sehr schade.

Drittens kenne ich Shitstorms aus eigener Erfahrung. Vor Jahren habe ich einen fachlich-psychologischen Kommentar zur „Aufschrei“-Debatte verfasst. In der Folge kam es auf meinem Blog zu derartigen Verunglimpfungen und persönlichen Beleidigungen, dass ich den Artikel schließllich vom Netz genommen habe. Eine Morddrohung war damals so ziemlich das Einzige, was an Angriffen nicht dabei war. Würde ich den Artikel heute veröffentlichen, wäre ich mir da nicht so sicher.

Die Morddrohung keimt schon, wenn wir den Respekt vor dem anderen verlieren

Es wird Zeit, die Notbremse zu ziehen, bevor die Gesellschaft die Fähigkeit verliert, überhaupt noch sachlich und lösungsorientiert miteinander zu diskutieren. Der Blogger Fefe bringt das (als Tichy-Gegner!) sehr schön auf den Punkt:

Ich kann mich nicht mit einem Mob gemein machen, der Morddrohungen und Existenzvernichtung für ein Mittel des politischen Diskurses hält. Und das ist dann die selbe Gruppe, die für sich selbst aber Safe Spaces und Schutz vor Gewalt proklamiert. Nachdem sie hier mit Pogrom-Methoden Gewalt angedroht, zur Gewalt aufgerufen und Gewalt ausüben — gegen diesen Tichy und Xing und ihre Mitarbeiter. [..]

Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Der [gemeint ist Tichy, Anm. d. Autors] könnte Auschwitz leugnen und eure Morddrohungen und Boykottaufrufe wären immer noch verwerflich. Und, dass das hier mal ganz klar ist, das hat er nicht. Der hat da ein paar widerliche Positionen vertreten. Das habt ihr gefälligst auszuhalten.

Die Absatz-Überschrift mag überzogen erscheinen. Aber wie oft kokettieren wir mit Mordfantasien oder kaufen Bücher mit dem Titel „Und morgen bringe ich ihn um“ (kein Roman, sondern ein Erfahrungsbericht aus dem Büro). Haha, ist doch witzig, oder? Nein, ist es nicht. Nicht mehr. Die Abwertung des Anderen beginnt im Kopf. Sie beginnt, wenn ich mich moralisch über ihn stelle und ihn nicht mehr respektiere.

Wir sollten schleunigst Respekt üben, damit die Morddrohung nicht vollends salonfähig wird. Und damit Klaus noch ein bisschen leben darf.

Photo © Asif Akbar | Freeimages.com

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