Die Schul-Stasi

Diese Woche lief bei arte ein – sehr gutes – Dokudrama über die Stasi: „Erich Mielke: Meister der Angst“. Und wie es so ist bei Dokus über vergangene Zeiten: Man betrachtet das Ganze mit einer Mischung aus historischem Interesse, Grusel und Erleichterung, dass so etwas zumindest in Deutschland vorbei ist.

Ist es vorbei? Darüber kann man streiten.

Szenenwechsel: Weil wir kürzlich umgezogen sind und unsere Tochter nun in die erste Klase geht, begleiten wir sie in der Anfangszeit noch zur Schule. Stichwort: Sicherheit, Ampeln, große Durchgangsstraße. Gestern kam dann so ein kleiner Steppke auf unsere Tochter zu, erhob drohned seinen Grundschul-Zeigefinger und rief: „Wo hast du deine Warnweste?“ Mit dieser grimmigen Entschlossenheit, die nur Kinder hinkriegen. Und um sicherzustellen, dass die Botschaft angekommen war: „Zieh bloß deine Warnweste an!“

Ich bekam im Gespräch mit anderen Eltern heraus, dass die Schule einen Wettbewerb macht: Die Kinder der ersten Klasse, die möglichst oft ihre Warnwesten tragen, gewinnen was. So eine Art kollektives Sicherheits-Incentive. Daher feuern sie sich gegenseitig an, die Warnwesten zu tragen. Okay, dachte ich, kann man machen.

Dann bekam ich heraus: An einer anderen Grundschule kontrollieren Sie das Frühstück, das Eltern ihren Kindern mitgeben. Wenn das Frühstück in den Augen der Lehrer „ungesund“ ist, bekommt das Kind Punktabzug! Es werden also Kinder nicht nur belohnt, wenn sie sich gesund ernähren, sondern auch BESTRAFT, wenn sie sich – subjektiv – „ungesund“ ernähren. Und natürlich gibt es auch hier ein Klassen-Ranking. Wer sich „ungesund“ ernährt, wird so an den Pranger gestellt und administrativ durch Punktabzug für die Klasse bestraft. Das ist für mich die Schul-Stasi: Die Kinder werden schon essensmäßig auf Linie gebracht. Das erinnert mich an den „Code Red“ beim Militär: Die eigenen Kameraden knüppeln oder bestrafen dich, wenn du dich so dämlich aufführst, dass die Truppe darunter leidet.

Wir lernen: Dieses mentale Abschleif-System gibt es ein Deutschland nicht nur beim Militär oder auf der Arbeit, sondern bereits in der Grundschule. Wer sich fragt, wie Duckmäusertum, Angepasstheit und der Verzicht auf eigene originelle Leistung entstehen, sollte in die Brotboxen unserer Kinder schauen: Sie sollen nicht nur lernen, was andere lernen, sich benehmen, wie andere sich benehmen, sondern auch essen, was alle essen.

Auf Grundlage dieser Geschichte verstehe ich auch viel besser die Dynamik der „Fridays for Future“ – Bewegung. Sobald du da als Lehrer oder Schüler aus der Reihe tanzst und sagst: Nee, ist nichts für mich, ich will vielleicht doch in die Schule gehen, kommt da irgendeiner um die Ecke und nimmt dich mit seinem Zeigefinger in Sippenhaft. Nur heißt es dann nicht mehr: „Wo ist deine Warnweste“, sondern „Wo ist dein Plakat? Bist du vielleicht gegen Umweltschutz?“

Wir wollen für Wirtschaft und Gesellschaft Individualisten, Querdenker und mutige Menschen. Schöne Worte. Wir züchten aber schon in unseren Schulen Duckmäuser und Stromlinien-Typen groß. Aber wenigstens ernähren sie sich gesund.

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