Die SPD und New Work? – Kein Traumpaar

Nachdem sich nun langsam der aufgewirbelte Staub der drei Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen senkt, wird es Zeit, Nabelschau zu halten und zu analysieren, was schieflief – vor allem bei der SPD. Drei Niederlagen in Folge sind schon ein Brett und ich würde gerne Mäuschen spielen, wenn die SPD ihre Wunden leckt und sich verkatert fragt: „Ja nu, Genossen, warum und vor allem: was jetzt?“

Die SPD: gedanklich im letzten Jahrhundert

Ich beobachte die politische Landschaft unter anderem durch die New Work – Brille, und da schießt unter anderem die SPD so mancherlei Böcke. Namentlich Andrea Nahles hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es um die Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt geht:

1. Das „Weißbuch“ Arbeit: rückwärtsgewandt und ideenlos. Ende letzten Jahres brachte das Arbeitsministerium ein „Weißbuch Arbeiten 4.0“ heraus, in denen die Grundzüge einer modernen Arbeitswelt skizziert werden sollten. Nachdem ich persönlich schon nach der Lektüre der Zwischenpublikation „Grünbuch“ skeptisch war, hat sich mein Eindruck im Weißbuch bestätigt. Dem Arbeitsministerium unter Federführung der SPD-Frau Nahles fehlt erstens die Fantasie, Dinge wirklich neu zu denken und zweitens der Mut, alte (Gewerkschafts-)Pfründe in Frage zu stellen. So ist auch im Weißbuch wie selbstverständlich die unbefristete Vollzeitstelle das „Normalarbeitsverhältnis“, sprich: das Maß aller Dinge. Dass die unbefristete Vollzeitstelle in Zukunft stark zurückgehen wird, fällt der kollektiven Verdrängung der Autoren anheim. Genossen, Glück auf!

2. Der fast schon messianische Eifer der SPD, allen Frauen Vollzeitstellen, Karriere und ein Ticket nach Disneyland zu spendieren, geht an der Realität vorbei. Selbstverständlich sollten Frauen Karriere machen können, das gleiche Geld verdienen und Voll- bzw. Teilzeit arbeiten können, wenn sie das möchten. Doch die SPD als bevormundende „Kümmerer“-Partei will ideologisch mehr. Zitat aus der WELT vom 14.05.17: „‚Teilzeit muss klar befristet sein‘, erklärte Andrea Nahles jüngst in einem Interview. ‚Weil man sonst in der Teilzeit bleibt – und sich aus der Karriere verabschiedet -, auch wenn man eigentlich wieder mehr will.‘ Wer nicht voll arbeitet, muss sich in diesem Denkmuster künftig rechtfertigen. Frei nach dem Motto: viel Arbeit. Fremde Betreuung für die Kinder. Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Übrigens: Viele Firmen, unter anderem Bosch, haben hier die Zeichen der Zeit längst erkannt und sind der Politik programmatisch und praktisch bereits enteilt.

3. Die SPD sitzt – wie übrigens alle Parteien – einer Lüge auf, die da lautet: Familie und Beruf müssen vereinbar sein. Familie und Beruf sind in den allermeisten Fällen unvereinbar und zwar – Achtung! – für Frauen UND für Männer. Bevor das Gendergeschrei losgeht, sei klargestellt, dass Frauen und Männer hier in einem Boot sitzen. Ich selbst mache oft genug Home Office. Wenn meine beiden Kinder da sind, kann ich vernünftige Arbeit vergessen. Punkt. Kinder sind fordernd, wollen spielen, sind laut. So ist das eben, und das ist okay so. Aber die SPD macht Frauen subtil Druck mit der Botschaft: Schaut, wir kämpfen doch für eure „Vereinbarkeit“. Jetzt macht was draus. Und wer’s nicht packt, ist halt nicht kompetent genug. Aber man kann nicht gleichzeitig Pausenbrote schmieren und Excel-Tabellen programmieren. Da leidet qualitativ das Pausenbrot und die Tabelle.

Die SPD braucht frische Gedanken und neue Erfahrungen

Was kann man der SPD raten, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht? Schwierig. Politische Beamte haben generell wenig Schnittpunkte zur Realität, wenn es um die Arbeitswelt der Zukunft geht. Wenn man als Bundestagsabgeordneter 8.000 EUR im Monat verdient (plus unter Umständen 4.300 EUR Zulage) und Beamter auf Lebenszeit ist, macht das auf die Dauer etwas mit einem. Sein bestimmt das Bewusstsein, wie schon Karl Marx wusste. Und wie soll man sich bei einem so gut gemachtem Nest in prekäre Arbeitsverhältnisse oder agile Organisationsstrukturen hineindenken? Trotzdem: Hier sind ein paar Vorschläge für die SPD und ihre mentale Fitness im Thema Zukunft der Arbeit bzw. New Work:

1. Emanzipiert euch von den Gewerkschaften. Die Gewerkschaften machen schon lange ihr eigenes Ding; ihr als SPD seid nicht mehr deren natürliche Verbündete. Überhaupt denken alle Gewerkschaften immer noch in Kategorien von „unbefristete Vollzeitstelle“ und „Stammbelegschaft“. Beide Konzepte werden aber, wenn auch nicht pulverisiert, so durch in Zukunft durchlöchert wie Schweizer Käse. Spätestens dann muss sich die SPD entscheiden, ob ihre Vorstellung von „Arbeit“ mit der der Gewerkschaft noch übereinstimmt.

2. Macht eigene Erfahrungen mit New Work. Ihr müsste ja nicht gleich euren Beamten-Job kündigen. Aber aus anderen Parteien kenne ich moderne Großgruppen-Methoden zur Themens- und Willensbildung, technisch innovative Befragungen der Basis und teilweise hochprofessionelle Social Media – Arbeit. Macht euch agil und digital! Nicht nur auf dem Papier, sondern „in echt“. Nur so werdet ihr verstehen, wie Arbeit künftig funktioniert – und was auch auf eure Kernklientel, die Arbeiter, zukommt!

3. Betrachtet Arbeitgeber nicht mehr als potenzielle Feinde. Ein Unternehmen, das heute noch in Freund-Feind-Kategorien innerhalb seiner Belegschaft denkt, hat mittelfristig verloren und wird vom Markt verschwinden. Alle müssen an einem Strang ziehen: GF, Betriebsrat, Führungskräfte, Belegschaft. Das Ziel der Wertschöpfung muss positiv sein und liegt außerhalb des Unternehmens. Es darf nicht negativ und innerhalb des Unternehmens sein (zum Beispiel in Form der bewussten Schädigung eines betrieblichen „Gegners“).

4. Hört auf, die Leute zu bevormunden. Man hat bei der SPD (wie übrigens auch bei den Grünen) immer das Gefühl, ihr wüsstet besser, was gut für uns arbeitende Menschen ist. Dem ist nicht so. Wer zehn oder zwanzig Jahre im Beruf steht, muss nicht mehr „beschützt“ werden. Man muss sich auch nicht um ihn „kümmern“. Wir sind weder Pflegefälle noch im Kindergarten. Akzeptiert das. Weniger ideologische Arroganz und mehr Augenhöhe, bitte.

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