Dieselgate: Über Autokonzerne und andere Kleinkriminelle

Bild eines verrosteten VW Käfer

Dieselgate ist ja nun wahrlich kein hot pick mehr für deutsche Redaktionen. Dass Volkswagen in unfassbarem Ausmaß betrogen und belogen hat, sollte nun auch dem letzten Fernsehzuschauer, Zeitungsleser oder ADAC-Mitglied bekannt sein (letztere sind Betrug gewohnt, der ADAC hat da eine gewisse Begabung).

Aber nicht nur die Presse hat eifrig berichtet. VW hat mit Dieselgate den Olymp der Internet-Relevanz erreicht: eine eigene Wikipedia-Seite. Dort wird sehr lesenswert und haarklein aufgelistet: Vorgeschichte des Skandals, technische Details, sogar „staatliche Reaktionen“ und vieles mehr. Es ist eine der längsten Wikipedia-Einträge, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe. Da kann man lange drin schmökern. Doch keine Angst. Wer es kürzer mag, für den gibt es sogar einen eigenen Twitter-Hashtag (#dieselgate). Kein Scherz.

Der globale Vertrauens-GAU

Und es hat ja nicht nur VW mit seinen Untermarken Skoda, Audi und Porsche betrogen (um nur die wichtigen zu nennen). Immer mehr Autoriesen stehen am Pranger: Ford, Honda, Mitsubishi, GM und so weiter und so fort. Im Grunde kann man vermuten: Wer nicht manipuliert hat, wer entweder zu dumm oder wurde noch nicht enttarnt. Man kann hier ruhig von einem globalen Vertrauens-GAU sprechen, was die Autoindustrie angeht. Und genau das ist für mich der interessante Punkt: Nicht nur ein Unternehmen einer Branche betrügt, sondern anscheinend die ganze Branche, komplett. Seit Jahrzehnten. Wie also entwickelt eine ganze Branche ein derart kriminelles Verhalten? Und kann man das überhaupt verhindern?

Autokonzerne ticken wie Kleinkriminelle

Autokonzerne könnte man so beschreiben: Sie sind nicht wirklich böse, haben aber auch nichts gegen einen kleinen Betrug hier und da, solange man damit durchkommt und keine großen Strafen fürchten muss. Zündschlösser, Benzinverbrauch oder Stickoxid-Ausstoß: Erlaubt ist, was gefällt. Dazwischen sonnt man sich in einer gefühlten Großartigkeit (weil man ja noch nicht erwischt worden ist). Und ist man nicht total wichtig, eine „deutsche Schlüsselindustrie?“ Kann man sich da nicht das eine oder andere Ding erlauben? Und andere machen das doch auch!

Genau das sind die Denkmuster eines gewöhnlichen Kleinkriminellen. Er ist nicht wirklich böse, dreht aber sein kleines Ding, Betrug oder sonstwas und hofft, dass er nicht erwischt wird. Kreditkarten, Handtschen oder Schwarzarbeit: Erlaubt ist, was gefällt. Und natürlich ist er viel zu clever, um erwischt zu werden – bis er erwischt wird. Dann ist das Elend groß.

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: In sozialen Gruppen kommt es nicht selten zur sogenannten Verantwortungsdiffusion: Ja, ja, ich war dabei, aber entschieden habe ich nichts, das waren andere, ich habe ja nur mitgemacht. Ob das nun die Plünderung eines Ladengeschäfts durch Kleinkriminelle ist oder das Entwickler-Meeting bei VW, ist völlig egal. Alle zeigen mit dem Finger auf andere: Der war’s. Ich bin nur der Herde nachgelaufen oder habe meinen Mund nicht aufgemacht. Die Verantwortung diffundiert in die Gruppe hinein, bis sie nicht mehr auffindbar ist.

Wie verhindert man ein weiteres Dieselgate?

Irgendwo, irgendwann wird es wieder knallen und ein Skandal ans Licht kommen, der sich gewaschen hat. Daher sollte man möglichst Bedingungen schaffen, die einen solchen Skandal schwerer machen.

  • Zum Beispiel könnte man in Unternehmen neue Formen der Zusammenarbeit fördern, die gleichzeitig individuelle Verantwortung trainieren, beispielsweise die Arbeit in sogenannten „Circles“, selbstorganisierten Kreisen, die nach New Work-Prinzipien erstellt und eingesetzt werden. Diese Kreise setzen auf Selbststeuerung und Selbstverantwortung. Jeder ist für seinen Bereich sichtbar Rechenschaft schuldig. Das senkt die „soziale Erwünschtheit“, Dinge einfach abzunicken oder zu schludern.
  • Eventuell kann man auch (institutionelle) Nein-Sager installieren, kritische Menschen, die die Dinge in Frage stellen. Das ist natürlich schwierig, weil das „Immunsystem“ einer Organisation wahrscheinlich damit beginnt, den „Fremdkörper“ abzustoßen. Im Alltag füllen diese Rolle Führungskräfte aus, die sich das aus irgendwelchen Gründen erlauben können, oder externe Berater. Wichtig wäre eine solche Funktion grundsätzlich, denn eine Kultur des Buckelns und der Ja-Sager zeieht weitere Ja-Sager an. Irgendwann kippt die Kultur ins Kritiklose und die Gefahr für Schummeleien aus Angst oder Bequemlichkeit nimmt drastisch zu.
  • Im Fall des Falles sollte man drastische Strafen verhängen. Eine Strafe hat in unserem Rechtssystem drei Funktionen: die Straffunktion für den Einzelnen, eine individuelle Läuterungsfunktion und eine Symbolfunktion für die Umwelt. Wer mit einem Betrug durchkommt, sendet darum ein klares SIgnal an die Umwelt: Schaut, bei mir funktioniert das! Deshalb ist das Lavieren der Politik in solchen Fällen wie Dieselgate so verheerend. Es sendet ein Signal an Millionen Bürger: Seht, im Grunde ist es uns egal. Wir arrangieren uns mit dem Täter und spendieren ihm noch 5.000 EUR pro verkauftem Elektroauto.
  • Ganz nebenbei wäre auch die Einführung eines Unternehmensstrafrechts in Deutschland nicht schlecht. Damit man Unternehmen als Ganzes zur Verantwortung ziehen kann und nicht nur kleine und große Würstchen als „Symptomträger“.

Werden wir ein zweites Dieselgate verhindern? Nein. Aber wir können dafür sorgen, dass daraus drei oder vier werden. Wenn Mitarbeiter darin trainiert sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn Unternehmen strukturelle Missverhältnisse beseitigen, wenn die Politik entschlossen eingreift – und wenn wir Bürger uns zweimal überlegen, was und bei wem wir kaufen.

Photo © Le Tota | Freeimages.com

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