Emanzipation, reloaded

Ich sitze im Cafe. Das tue ich oft und gern. Es ist nie dasselbe Cafe, aber immer eins von vier, fünf auf meiner Gewohnheitsliste. Wären die Cafes Menschen, könnte man vielleicht von serieller Polygamie im kleinen Kreis sprechen.

Ich schaue mich um und sehe den Bedienungen bei der Arbeit zu. Keine Ahnung, wie es bei Ihnen ist, aber in Nürnberg sind gefühlt 90 % der Bedienungen weiblich – was zu einer aktuellen Statistik passt, wonach über 60 % aller Teilzeittätigen Frauen sind. Es arbeiten heute in Deutschland mehr Frauen als noch vor 20 Jahren, aber die Arbeitszeit dieser Frauen ist im gleichen Zeitraum im Schnitt um 3 Stunden gesunken. Es verteilt sich also weniger Frauenarbeit auf mehr Frauenköpfe. Neben den „durchstartenden Karrierefrauen“, wie die Presse sie gerne nennt, erobert die weibliche Teilzeit-Kraft Terrain zurück, das ihr die Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten mühsam abgerungen hatte.

Noch ein paar Zahlen: Nur in 10 % aller Beziehungen verdient die Frau mehr als der Mann. Und nach einer Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft würden lediglich 2 % der Arbeitnehmer die 32h – Woche praktizieren wollen, wenn Mann und Frau 50/50 arbeiten. Der Trend geht – entgegen aller feministschen und emanzipatorischen Bemühungen – in die Gegenrichtung: Für Paare mit Kindern beispielsweise verfestigt sich das 1,5 Stellen-Modell: Er arbeitet Vollzeit, sie Teilzeit; außerdem versorgt sie die Kinder. 2011 praktizierten in Deutschland 70 % der Paare mit Kindern ein solches Einkommensmodell; 1996 waren es noch 53 %.

Was bedeutet das für die künftige Arbeitswelt? Ja, es gibt viele gut ausgebildete Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Aber: Nachdem Frauen nun zur „Arbeitsfähigkeit“ befreit worden sind (Vorsicht, Ironie), zünden sie nun eine weitere Stufe der Emanzipationsrakete selbst. I would prefer not to, lässt sich das Motto nicht weniger Frauen zusammenfassen. Diesen Satz lässt Hermann Melville seinen Helden Bartleby sagen, dem verschiedene Tätigkeiten als Schreiber angedient werden, der sie aber allesamt ausschlägt.

Warum sich in der kapitalistischen Mühle verschleißen lassen, wenn der Mann genügend Geld verdient und man den eigenen Lebenssinn auch in Familie und Kindererziehung finden kann? Selbstverständlich denkt nicht jede (arbeitende) Frau so. Aber es gibt einen interessanten sozio-ökonomischen Trend, eine Art Flashback des rheinischen Nachkriegsbürgertums: Die (Teilzeit-)Hausfrau ist zurück. Manche sehen darin die bedrohliche Rückkehr des finsteren Patriarchats, andere die logische Schlussfolgerung der Emanzipationsbewegung: Nur weil ich Schnitzel essen darf und kann, heißt das nicht, dass ich jeden Tag Schnitzel essen will. Nur weil ich eine qualifizierte Vollzeitstelle annehmen kann, heißt das nicht, dass ich sie auch annehmen muss. I would prefer not to. Nein danke, lieber nicht.

Die moderne Frau kann damit zum wertvollen Impulsgeber für New Work und eine künftige Arbeitsgesellschaft werden. Meint es die Wirtschaft mit dem Fachkräftemangel ernst und will sie darum verstärkt die Frauen an die Laptops und Werkbänke bringen, muss sie Bedingungen schaffen, die eine Integration von Arbeit und Familie fördern: die Einführung von Home Office etwa, neue Krankheitsregelungen (zum Beispiel: Könnte die Krankheit des 3-jährigen Sohnes, den man daheim betüteln muss, als eigener Krankheitstag angerechnet werden?) oder das Justieren von Zielerreichungskriterien (Präsentismus!).

Auf der anderen Seite braucht es von Seiten der Frauen auch ein klares Commitment zum Unternehmen. Das spricht gegen die implizite Mentalität vieler Teilzeitjobs, die „Nichts halbes und nichts Ganzes“ seien. Man mache es eben „wegen des Geldes“. Der entscheidende Faktor für erfolgreiche Teilzeit in der künftigen Arbeitswelt wird das gegenseitige Engagement von Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein. Damit Teilzeit die neue Vollzeit werden kann. Und vielleicht auch irgendwann die Männer zur Vollzeitstelle sagen: I would prefer not to.

Photo © Marinela Prodan | Freeimages.com

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