Gegenrede: Kreativität – das missbrauchte Konzept

Kreativität steht derzeit bei Unternehmen hoch im Kurs. Von „design thinking“ bis zu Brainstorming-Workshops sollen Mitarbeiter auf den vielversprechenden Pfaden der Kreativität wandeln. Der arbeitende Mensch soll nicht nur sein Pensum abarbeiten, sondern möglichst noch „kreative Impulse“ beisteuern oder gar als „unternehmerischer Angestellter“ sein Arbeitsgebiet steuern, entwickeln und sich für das Gesamtergebnis des Unternehmens verantwortlich fühlen.

Aber ist Kreativität im Unternehmenskontext immer positiv zu sehen? Ich denke nicht. Ich glaube, es ist unserem schnellebigem Zeitgeist geschuldet, dass wir immer neue Lösungen wollen, immer neue Herangehensweisen. Dass wir auch geistloses Herumprobieren mit „Innovation“ verwechseln. Der Spruch „Neu ist nicht gleich gut, und alt ist nicht gleich schlecht“ hat schon seine Berechtigung. Es ist ja auch schon ein bisschen paradox, dass wir Kreativität in Schule und Ausbildung erst abtöten, nur um diese dann mit unschuldigem Augenklimpern von den Mitarbeitern abzurufen.

Geforderte Kreativität in Unternehmen ist oft nicht mehr als eine Form des Aktionismus. Nach dem Ausreizen von Prozessen („business process optimization“) und Strategien (s. die vergangenen glorreichen Zeiten von McKinsey und Co.) soll nun die „Ressource Mensch“ weiter ausgebeutet  werden. Da reicht es nicht mehr, einfach seinen Job zu machen. Man soll auch noch gut drauf sein (dafür gibt es jetzt „Feelgood – Manager“, kein Scherz), und superkreativ auch noch. Nichts verdeutlicht das besser als der neue Trend zur „Gamification“: Unter dem Deckmantel des Spielerischen werden die Arbeitnehmer beispielsweise in neue, konstruierte Konkurrenzkämpfe getrieben – eine Perversion des eigentlichen Spiel-Gedankens, aber typisch für unsere leistungsfixierte Zeit, in der nichts und niemand unproduktiv bleiben darf. (Übrigens nicht einmal Kinder. Schon unsere Kleinsten drillen wir auf „nützliche“ Spiele, die sie auf ein „produktives“ Leben als Angestellter vorbereiten sollen.)

Die Überforderung durch Kreativitätsoverkill, Feelgood-Anspruch und anderen Schnickschnack nennt die Wissenschaft „interessierte Selbstgefährdung“: Um den eigenen Erfolg oder den Erfolg des Teams zu sichern, gehen Berufstätige phasenweise über ihre Leistungsgrenzen hinaus und riskieren auch mal die eigene Gesundheit. Der Schweizer Psychologe Andreas Krause meint dazu:

Die Grundidee der ergebnis­- und erfolgsorientier­ten („indirekten“) Managementkonzepte besteht darin, das Engagement und die Energie von selbstständigen Unternehmern in abhängige Beschäftigungsverhältnisse zu übertragen. Abhängig Beschäftigte sollen wie Selbstständige denken und agieren, ihre ganze Kreati­vität und ihr Leistungsvermögen einbringen und von sich aus Vorschläge zur Rationalisierung und Produktivitäts­ steigerung einbringen. Sie sollen die Ziele und auch Probleme der Organisation zu ihren eigenen Zielen und Problemen machen.

Vielleicht sollten wir alle mal durchatmen, die verordnete Kreativität im Schrank lassen und uns fragen: „Sollen wir uns das wirklich antun?“

Photo © Ivan Vicencio

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christophburger
Gast

interessante Perspektive: Kreativität, Unternehmerisches Denken = eine Linie (der Überforderung). Beste Grüße, cb

Christoph Schlachte
Gast

Guter Beitrag. Stimme den Anregungen bei rein „Profit“ orientierten Organisationen völlig zu. Das sei „kreativ“ ist genauso wie „sei gefälligst spontan“.

Sinn machen tut mehr Beteiligung und Mitdenken, wenn ich meine Mitabeiter schätze und auf Augenhöhe begegne. Auch und gerade, wenn sie anderer Meinung sind als die GF. Dazu braucht es eine sinnstiftende Unternehmens-Mission, die Nutzen stiftet und die von den meisten geteilt wird. Das sagt auch Peter F. Drucker in seinen 5 wesentlichen Fragen an das Management. Profit ist eine Folge – nicht ein Ziel. Da liegt das Problem.

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