Grundeinkommen…und dann?

Bild eines 200-EUR-Scheins

Man stelle sich vor: das Grundeinkommen ist da. Beispielsweise 950 EUR für jeden Bundesbürger ab 18 Jahre. Knapp ein Tausender auf die Kralle, vielleicht sogar „bedingungslos“ (was auch immer sich dann dahinter verbergen mag). Was wird passieren? Werden Sie Ihren Job aufgeben? Nur noch betrunken mit dem Daiquiri-Schirmchen hinterm Ofen abhängen? Oder mehr Zeit mit der Familie verbringen? Oder, mal ganz spannend: Sie lassen alles, wie es ist?

Von Himmel bis Hölle ist jede Projektion dabei

In der Diskussion um das Grundeinkommen artikulieren sich drei Szenarien. Jedes Szenario hat ihre Vertreter und bietet unterschiedliche Projektionsflächen für Wünsche und Befürchtungen.

  1. Szenario 1: Die Motivationsapokalypse. Vertreter dieses Szenarios werden nicht müde zu betonen, dass mit einem Grundeinkommen praktisch alles zusammenbricht. Der Faulpelz im Mensch, der glaubt, endlich sei das Schlaraffenland verwirklicht, bricht sich Bahn und verweigert kollektiv die Arbeit. Die Motivation zur Arbeit geht gegen Null und das Bruttosozialprodukt sinkt in kurzer Zeit von Zugspitzniveau in die Tiefe des Mariannen-Grabens.
  2. Szenario 2: Alles halb so wild. Vertreter dieses Szenarios prognostizieren keinen nennenswerten Effekt auf die Arbeitswelt. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Nullsummenspiel: Es werden Arbeitsplätze getauscht und damit sogar ein besserer cultural fit zwischen Unternehmen und Mitarbeiter erzeugt. Das Motto lautet: Jeder Topf findet seinen Deckel.
  3. Szenario 3: Die Heilserwartung. Vertreter dieses Szenarios erwarten eine fulminante Änderung der Arbeitswelt , einen regime change. Jeder Mensch bekommt die Chance, hochmotiviert die Arbeit zu tun, die seinen Stärken und Bedürfnissen entspricht. Er ist nicht mehr mit seinem Arbeitsplatz ökonomisch erpressbar und leistet einen Beitrag zu seiner persönlichen Entwicklung und zum sinnvollen Vorankommen der Gesellschaft.

Ein Grundeinkommen stellt an die Gesellschaft völlig neue Anforderungen

Die eben genannten Szenarien hängen stark davon ab, welcher Lobbygruppe in der Arbeitswelt man angehört udn welches Menshcenbild man pflegt. Letztlich sind es Wunschprojektionen, die man diskutieren kann. Doch zunächst sollte man anerkennen, dass ein Grundeinkommen an die Gesellschaft und ihre unterschiedlichen Interessengruppen völlig neue Anforderungen stellt und – im Gegensatz zur herkömmlichen Vorstellung – auch für den „Beschenkten“ hochanstrengend sein kann. Denn die Anpassungsprobleme liegen zwar auch, aber nicht nur auf Seiten der Wirtschaft.

  1. Mit der fehlenden ökonomischen Erpressbarkeit fällt ein wichtiges Instrument der Mitarbeiter“bindung“ weg. Ohne das Erpressungspotenzial des mächtigeren Arbeitgebers gegenüber dem schwächeren Arbeitnehmer würde manchen Firmen schlicht die Belegschaft wegbrechen. Deshalb verbirgt sich hinter den Unkenrufen der Motivationsapokalypse auch die klammheimliche Angst, dass der eigene Laden vor die Hunde geht. In Einzelfällen käme es tatsächlich zu enormen Verwerfungen und einem schmerzhaften Lernprozess innerhalb von Unternehmen. Diesen Schmerz will man sich ersparen und projiziert als Vermeidungsstrategie die eigene Angst auf die angeblich fehlende Motivation des Mitarbeiters.
  2. Das deutsche Ausbildungssystem müsste mindestens ab dem ersten Schulabschluss komplett reformiert werden. Wir müssten bezüglich Studien- und Berufsabschlüssen neu über Zugangsvoraussetzungen und die Möglichkeiten zum Quereinstieg diskutieren. Ein Grundeinkommen, womöglich kombiniert mit einem Bildungsgeld, schüfe für nicht wenige Menschen die Möglichkeit einer Zweitausbildung. Das passte übrigens sehr gut zum prognostizierten Studentenmangel in einigen Regionen Deutschlands (über diesen berichtete beispielsweise die ZEIT). Doch wie wären die deutschen Hochschulen und Ausbildungsstätten didaktisch und logistisch auf einen Ansturm bereits berufstätiger Menschen vorbereitet? Was bedeutete dies für das Design der Ausbildungen und Qualifikationen?
  3. Das Grundeinkommen allein wird den Sockel der Langzeitarbeitslosen nicht auflösen. Optimisten eines Grundeinkommens hoffen vielleicht, dass auch Langzeitarbeitslose von einem Grundeinkommen profitieren und eine Arbeit finden, die ihnen entspricht. Doch diese Hoffnung trügt. Wer über einen längeren Zeitraum, vielleicht über Jahre hinweg arbeitslos ist, kann seine Motivation und seinen Arbeitswillen nur schwer erhalten. Irgendwann gibt man einfach auf. Ohne individuelle psychologische Begleitung werden es Langzeitarbeitslose nicht schaffen, vom Grundeinkommen zu profitieren. Da braucht es neben der ökonomischen auch menschliche Starthilfe.
  4. Die neue Freiheit könnte in einen kollektiven Rechtfertigungszwang kippen. Ein Grundeinkommen böte die Möglichkeit, sich beruflich neu zu entfalten. Doch was passiert, wenn das nicht klappt? Wenn man vielleicht dauerhaft keinen neuen Job findet? Der Aspekt der Freiheit und der persönlichen Entwicklung hat in der Diskussion um das Grundeinkommen einen hohen Stellenwert. Aber vielleicht muss man sich irgendwann dafür rechtfertigen, diese nicht zu nutzen: Wie, du hast noch nicht deinen Traumjob gefunden? Geht doch jetzt, mit Geld vom Staat und soviel Freiraum. Von der Diagnose zum Vorwurf ist es da nur ein kleiner Schritt – gerade in unserer leistungsbesessenen Arbeitsgesellschaft.

Fazit: Ein Grundeinkommen könnte der Gesellschaft tatsächlich einen innovativen Schub geben. Ich persönlich bin ein Vertreter der Theorie Y: Menschen sind grundsätzlich arbeitswillig und können sich auch selbst motivieren. Daher begrüße ich das Experiment des Grundeinkommens – so es denn jemals kommt. Aber genauso wichtig ist, dass wir uns über unsere Projektionen und Ängste bezüglich eines möglichen Grundeinkommens klarwerden und bereit sind, die Umwälzungen zu akzeptieren, die ein Grundeinkommen für die gesamte Gesellschaft bereithält.

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