Hat die DAK Recht? Ist das Burnout-Problem Fiktion?

Es gibt eine neue Studie zur psychischen Gesundheit – von der Krankenkasse DAK. In dieser Studie heißt es speziell für das Phänomen “Burnout” unter anderem:

Die Betroffenenquoten sind sehr gering: 0,2 Prozent bei Männern und 0,3 Prozent bei Frauen. Mit anderen Worten hatte im Jahr etwa jeder 500. Mann und jede 330. Frau eine Krankschreibung wegen eines Burnout-Syndroms.

In absoluten Zahlen würde das bedeuten: Pro Jahr werden in Deutschlan ca. 80.000 Männer und ca. 125.000 Frauen wegen Burnout krankgeschrieben. Das sind wahrlich Fallzahlen, die von den oft proklamierten 6 – 15 Millionen Betroffenen stark abweichen. Diese oben zitierte, kurze Meldung suggeriert, dass das Problem Burnout gar nicht so groß sei wie allgemein angenommen – ein Befund, den die Medien natürlich bereitwillig aufgreifen, denn er bietet Diskussionsstoff. Doch wie steht es tatsächlich mit diesem Befund der DAK? Wird das Problem Burnout zu hoch gehängt? Dazu möchte ich die DAK-Studie ein wenig intensiver beleuchten und nicht nur eine einzige Zahl herausreißen.

Zunächst einmal muss man den Autoren der Studie ein eindeutiges Lob aussprechen. Der Report ist sehr sorgfältig gemacht (wie eigentlich jedes Jahr), die Datenlage und die Methodik werden offengelegt. Auch werden Aussagen nie plakativ überstrapaziert, sondern folgen dem Primat der Beschreibung – ein für die Wissenschaft im Grunde selbstverständlicher, aber nicht immer praktizierter Ansatz.

Was nun den für mich interessanten Bereich “Burnout” angeht, so wir der oben genannte Satz häufig direkt in Pressemitteilungen und Zeitungsartikeln verwendet – allerdings nicht der Satz, der direkt anschließt:

Allerdings ist, wie oben ausgeführt, die AU-Daten-Statistik in Bezug auf das Burnout Syndrom mit einer Reihe von Unsicherheiten verbunden.

Genau diese Unsicherheiten sind es jedoch, die das “500-Mann-Theorem”ins Wanken bringen. Eine genaue Diskussion passt leider nicht ins Wesen der schnellen Medien heutzutage; daher soll sie hier nachgeholt werden. Dazu einige Bemerkungen und Beobachtungen aus dem Report:

Diagnose

Interessierte sollten sich die Diagnose-Hitliste auf S. 24 zu Gemüte führen. Dort sind nicht nur psychische, sondern auch physische Ursachen für eine Krankschreibung gelistet. Was die psychische Sektion angeht, findet man dort, nach Wichtigkeit geordnet:

1. Depressive Episode
2. Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen
3. Andere neurotische Störungen
4. Somatoforme Störungen
5. Rezidivierende depressive Störung

Alle diese Diagnosen sind nach dem sogenannten “F”-Schlüssel des Manuals ICD-10 (“International Classification Of Diseases”) codiert. Die F-Diagnosen sind im Handbuch ICD für psychische Krankheiten reserviert. Burnout dagegen hat gar keinen F-Schlüssel, sondern einen Z-Schlüssel. Er ist nicht als “Hauptkrankheit” anerkannt und rangiert daher weit hinten, unter /Z73: Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung/. Z-Diagnosen werden von der DAK-Statistik offensichtlich nicht erfasst. Auch diesen Umstand diskutiert die DAK-Studie vorbildlich und widmet sich ausführlich dem “Z73?-Problem in der Burnout-Diagnose. Es sei

ungewiss, in welchem Maße Ärzte bei Vorliegen eines Burnouts überhaupt den Z73-Schlüssel nutzen, oder ob sie eine Diagnose aus dem F-Kapitel verwenden, etwa weil ihnen der Z73 Schlüssel unbekannt ist oder weil sie ihn für eine Zusatzdiagnose halten, die nicht für eine Krankschreibung verwendet werden darf. Zumindest episodische Hinweise aus den Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Ärzten legen nahe, dass Hausärzten die Kodierung für das Burnout-Syndrom eher unbekannt ist, so dass sie die Symptomatik als F-Diagnose, beispielsweise als Anpassungsstörung, dokumentieren. (S. 48f)

Mit anderen Worten: Ärzte diagnostizieren Burnout nicht korrekt, sondern ordnen ihn fälschlich unter anderen Krankheiten, zum Beispiel der Depression ein. Und obwohl dies der Fall ist, explodiert die Zahl der Z73-Diagnosen, also der Burnout-Diagnosen im engeren Sinne:

Von einem AU-Volumen nahe Null im Jahr 2004 erfährt das Burnout-Syndrom einen steilen Aufstieg und verzeichnet im Jahr 2012 10 Fehltage pro 100 Versicherte. (S. 49)

Fasst man beide Beobachtungen zusammen – diagnostische Unschärfe und den gleichzeitig intensiven Anstieg der Z73-Diagnosen, liegt der Schluss nahe, dass das Vorkommen von Burnout eher unterschätzt als überschätzt wird. Würden Ärzte Burnout korrekt nach Z73 kodieren, stiege diese Kennziffer nämlich nochmals nach oben.

Aus einer anderen Tafel des Dienstes statista geht flankierend hervor, dass 85 % aller Burnout-Krankschreibungen “huckepack” erfolgen. In der AU steht dann nicht nur “Z73.0 Burnout”, sondern eben auch eine “gewichtigere” F-Diagnose, zum Beispiel Depression o.ä. Denn auch Ärzte wollen amtlich sichergehen und sich nicht auf eine alleinige Z-Diagnose stützen. Daher ist es möglich, dass in der enormen Zunahme von F-Diagnosen – die auch die DAK erkennt – eine ebensolche, jedoch diagnostisch verschleierte Zunahme von Burnout steckt. Denn die DAK schreibt völlig zurecht, dass es beim “550-Mann”- und “330-Frau”-Theorem um die Statistik der manifesten, amtlichen Krankschreibung geht, nicht um die Grundkrankheit an sich (die
möglicherweise verschleiert oder gar falsch diagnostiziert werden kann).

Versichertenstruktur

Auf S. 46 zeigt eine Graphik, wie sich die AU-Tage aufgrund psychischer Erkrankungen allgemein über die verschiedenen Branchen der DAK-Versicherten verteilen. Fraglich bleibt, wie weit sich die Kategorien der DAK mit den normalen Branchen-Kategorien decken, die besonders Burnout-anfällig sind: Lehrer beispielsweise, IT-Beschäftigte oder Angestellte im Automotive-Bereich. Das ist eine Frage, die von dieser Warte aus nicht beantwortet werden kann. Dennoch kann es auch hier zu Verzerrungen kommen, nämlich dann, wenn die DAK schwerpunktmäßig Versicherte hat, die in weniger Burnout-gefährdeten Bereichen arbeiten.

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Rocío
Rocío
7 Jahre zuvor

Da haben Sie absolut recht. Seit ich die Therapie gestartet habe, sind meine Konzentration und meine allgemeine Fähigkeiten gesteigert und das bemerke ich nun täglich.
In der Arbeit geht´s mir viel besser und jetzt nehme ich alles nicht so persönlich, hab auch gelernt, alles zu relativieren.
Was Sie über den Mut sagen ist absolut wahr. Eine ist die einzige, die sich selbst helfen kann. Also keiner wird zu Dir kommen wenn du nicht nach Hilfe suchst. Und nach meiner persönlichen Erfahrung: MAN KANN RAUS VOM TEUFELKREIS KOMMEN. Liebe Grüße, R.

Rocío
Rocío
7 Jahre zuvor

Lieber Markus, glückwunsch zum Beitrag! Das Thema kann für die Medien zum Diskussion führen aber es ist eigentlich relativ egal ob das Syndrom „Burnout“, „Erschöpfung“ oder „Jwxpyzaik“ heißt (ich bin keine Fan von Etiketten), das wichtige ist, dass diese Realität doch zweifellos existiert und man sie nicht einfach so verneinen kann. Ich habe immer gesagt meine Meinung nach, dass die Gesellschaft selbst uns krank macht. Sie verlangen mehr und mehr Stunden in der Arbeit, immer mehr Mühe, sie präsentieren Ziele, die fast unmöglich zu erreichen sind. Dann kommt die Unzufriedenheit, der Frust, das Selbstwertgefühl reduziert sich, die Erschöpfung auftritt, weil… Weiterlesen »

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