Hausfrauen sind die echten New Worker

Bild einer Frau in einem Waschsalon

Diese Woche war ich in Nürnberg auf einer New Work Session von XING zum Thema: „Digitale Transformationszünder“. Viele Jacketts und ein Hoodie-Träger (ich 🙂 ). Das Line-Up war unter anderem mit Thomas Sattelberger, Michael Schmutzer von Design Offices und  Sarah Müller von kununu sehr sympathisch und kompetent besetzt. Alles gut, alle da. Licht aus, Spot an.

Die New Work-Diskussion erschöpft sich im Business-Raum

Und die Vorträge waren auch super, keine Frage. Nur bei der ersten Folie des ersten Vortrags hat es mich innerlich schon gerissen. Da war im Hintergrund ein schickes Office zu sehen und vornedrauf groß die Schrift „New Work“. Und man sprang gleich mitten hinein ins Business, in Kundenanforderungen, Startup-Spirit und wie traditionelle Unternehmen vielleicht doch agil oder sonstwas werden können.

Ich muss gestehen: Dem Philosophen und Theoretiker in mir war das zu wenig. Ich weiß, dass Philosophie und Theoriebildung heutzutage nicht hoch im Kurs stehen. Alles muss „hands-on“ sein, praktisch, hemdsärmelig, Typ rustikale Schlagbohrmaschine. Aber mir ist es langsam sch***egal, ob ich mit meiner Theoriebildung businessmäßig anschlussfähig bin oder nicht – weil ich glaube, dass die Kritik innerhalb des Systems nicht reicht. Wir brauchen Kritik am System. Das ist New Work, vielleicht sogar der wichtigste Teil. Nicht nur Digital Leadership oder Scrum.

Wir müssen Arbeit ganz neu denken

In meinem letzten Post hatte ich zur Diskussion aufgefordert, was New Work denn sei und mit der Formulierung einiger Ziele begonnen, die New Work meiner Meinung nach verfolgt. In den Kommentaren und Mails, die mich daraufhin erreichten, erschien wie ein Leuchtturm immer wieder der gleiche Kritikpunkt. Hier ein Auszug aus den Kommentaren (Hervorhebungen von mir):

Das mit der Begriffsklärung finde ich grundsätzlich auch gut, allerdings wäre es sicher interessanter, die dahinter liegenden Konzepte zu klären im Sinne von Wertvorstellungen und Zielen (Framing). Das beinhaltet auch viele Überlegungen, die Gesellschaft zu verändern, weil Arbeit im Moment auf Erwerbsarbeit reduziert wird (soweit zur begrifflichen Schärfe) und New Work faktisch einen anderen Arbeitsbegriff zugrunde legt.

Aus meiner Sicht greift das zu kurz. New Work möchte zuallererst Arbeit neu denken, jenseits des Beruf- und Erwerbsarbeitsbegriff. Er will mit der Frage nach dem „wirklich, wirklich wollen“ die tiefen Motivationen im Tätigsein von Menschen ansprechen. „Es gibt nichts was einen Menschen glücklicher macht als eine Arbeit, die er/sie wirklich wirklich will“ – das ist das „Mantra“ der Neuen Arbeit und damit mehr gemeint als Erwerbsarbeit.

Ironischerweise vertrete ich in meinem Buch absolut denselben Standpunkt: Wir müssen Arbeit neu denken. Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit:

Der Begriff New Work ist heute durch eine seltsame Unschärfe gekennzeichnet: Viele führen ihn im Mund, doch wenige wissen, was sich dahinter genau verbirgt. Ein deutliches Indiz dafür ist die Tatsache, dass es in den Diskussionen meist um Details der Arbeitsbedingungen geht, die man verbessern könnte: die Arbeitszeit, die Technik, die Führungskultur etc. Die „heißen Eisen“ lässt man außen vor: beispielsweise den Rückbau der Lohnarbeit, eine soziale und philosophische Neubewertung von Arbeit insgesamt, die Frage nach der Veränderung des kapitalistischen Wirtschaftsmodells. Doch nur wenn man einmal das ganze Bild diskutiert, kann man New Work als das begreifen, was es ist: eine Idee, die eben nicht nur „Produktivität erhöhen“ und „Mitarbeiter binden“ kann, sondern auch außerhalb der betriebswirtschaftlichen Sprechblasen den arbeitenden Menschen mit Kraft und Perspektive erfüllt.

Was unseren Geist und unsere Diskussion umklammert, ist die Fixierung auf Arbeit als Lohnarbeit. Doch für eine tatsächliche Revolution müssen wir uns der Arbeit als grundsätzlichem Bestandteil des menschlichen Lebens nähern. Dafür genügt es vielleicht schon, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass das heutige Lohnarbeitssystem erst während der Industrialisierung entstand und damit wirtschaftshistorisch betrachtet wahrlich nicht in Stein gemeißelt ist.

Hausfrauen sind die echten New Worker

Für das 21. Jahrhundert sollten wir über das Wesen der Arbeit in unserer Gesellschaft und unserem Leben völlig neu nachdenken. Das ist übrigens keine neue, sondern eine jahrtausendealte Idee. Schon der göttliche Schöpfungsauftrag im Alten Testament lautet, die Erde zu bewahren und zu bearbeiten. Ich glaube nicht, dass Gott dabei an Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich oder ähnliches gedacht hat. Arbeit ist immer. Deshalb wird sie uns auch niemals ausgehen, wie einige Untergangspropheten und Fans der Robotisierung an die Wand malen. Nur ob es genug bezahlte Arbeit geben wird – das ist die Frage. Der Soziologe Ulrich Beck hat schon vor etlichen Jahren eine Dreiteilung der Arbeit in Erwerbsarbeit, Bürgerarbeit und Hausarbeit gefordert:

Von zentraler Bedeutung ist eine gleichmäßige Arbeitszeitverkürzung und eine neue [..] Verteilung aller Tätigkeiten in der Gesellschaft, einschließlich der Hausarbeit. Bürgerarbeit ist kein Ersatz für Erwerbsarbeit, aber eine wichtige Ergänzung […]. Bürgerarbeit ist auch kein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose […]. Entscheidend ist die Frage, wie Erwerbs- und Bürgerarbeit – auch rechtlich – füreinander durchlässig gemacht werden müssen und können, so dass das Wechseln zwischen diesen beiden Tätigkeitssphären normal wird […].

Beck greift wesentliche Variablen der Arbeitswelt heraus, die auch die New Work – Bewegung hinterfragt: Arbeitszeitmodelle, Geschlechtergerechtigkeit, das Zusammenspiel von bezahlter Arbeit, unbezahlter Arbeit und Nicht-Arbeit sowie die Rolle der politischen, sozialen und rechtlichen Umsetzung. Man könnte provokant formulieren: Hausfrauen und Hausmänner sind die echte Avantgarde des New Work. Im Ernst: Wir müssen unsere Köpfe und Konzepte öffnen für eine grundsätzliche Neubewertung von Arbeit in unserem persönlichen Leben und in der Gesellschaft. Erst dann startet die Revolution. Ich höre bei New Work – Vorträgen immer wieder das Zitat: „Köpfe sind rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können.“ Finde ich super. Und jetzt bitte noch eine gedankliche Drehung hinzufügen.

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