Immer mehr Deutsche sind überschuldet

In Deutschland, einer der stärksten Wirtschaftsmächte der Erde, gibt es einen besorgniserregenden Trend: Immer mehr Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Rechnungen zu bezahlen – bis hin zur kompletten Überschuldung. Momentan liegen wir bei 10 % aller Erwachsenen, die faktisch überschuldet sind. Tendenz steigend. Von diesen Betroffenen gingen im letzten Jahr immerhin 647.000 zu einer Schuldnerberatung und holten sich professionelle Hilfe. Wenn man von 69 Millionen Deutschen über 18 Jahren und einer Überschuldungsquote von 10 % ausgeht, erreicht das Beratungsangebot knapp unter 10 % aller offiziell Überschuldeten in Deutschland. Da ist noch Luft nach oben.

Maßlosigkeit als Hauptursache ist ein Mythos

50 % aller Deutschen verfügen über gerade mal 1,4 % des gesamtgesellschaftlichen Privatvermögens und haben damit praktisch keine Reserve in der Hinterhand, mit der sie unvorhergesehene Ausgaben abdecken können. Und im Gegensatz zum üblichen Klischee, wonach sich überschuldete Menschen beim Konsum nicht mäßigen können, sind in der Regel ganz andere Gründe verantwortlich: Arbeitslosigkeit (19%), Gesundheitliche Probleme (15%), Trennung vom Partner oder dessen Tod (14 %). Erst dann kommt in der Statistik Unangemessenes Konsumverhalten (11%). Dazu passt, dass Alleinlebende (Männer und Frauen) mit 44 % deutlich überrepräsentiert sind. In der Gesamtbevölkerung machen sie nur 24 % der deutschen Bevölkerung aus.

Der Tanz auf der finanziellen Rasierklinge ist Alltag

Wer diese Kolumne gerade am wohlig-warmen Kaminfeuer liest (der Winter ist da!) oder am schicken MacBook, mag sich weit weg von solchen Problemen einer „finanziellen Unterschicht“ wähnen. Ich glaube jedoch, dass viele Menschen in Deutschland jeden Tag einen finanziellen Ritt auf der Rasierklinge hinlegen und mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben. Das gilt mindestens für die unteren 50 % der Bevölkerung, also für über 40 Millionen (!) Menschen in Deutschland. Arbeitslosigkeit, schwere Krankheit oder eine familiäre Tragödie machen aber vor den Türen von Eigentumswohnungen und Villen nicht halt. Auch dort gibt es ein finanzielles Limit, das jederzeit überschritten werden kann. Im Zweifelsfall gewinnt immer die Bank.

New Work stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Solidarität

In einer früheren Kolumne habe ich die These aufgestellt, dass New Work einen moderaten Kapitalismus und den sozialen Ausgleich fördert und somit zwei zentrale postmoderne Bedürfnisse erfüllt.  Das Problem massenhafter privater Überschuldung stellt einen ganz konkreten Prüfstein dar für die New Work – Reife unserer Gesellschaft. Wir sollten uns folgende ergebnisoffene Fragen stellen: Ist es für uns als Gesellschaft in Ordnung, dass dauerhaft 10 % unserer erwachsenen Bevölkerung in einer meist unverschuldeten finanziellen Ausweglosigkeit festsitzen? Falls ja, brauchen wir nichts weiter zu tun. Falls nein: Welche strukturellen Veränderungen im Steuersystem, in der finanziellen Akutversorgung, in der professionellen und ehrenamtlichen Betreuung wollen wir schaffen, damit weniger Menschen durchs Raster fallen? Und schließlich: Welches Maß an menschlicher und finanzieller Solidarität wollen wir mit überschuldeten Menschen zeigen und umsetzen?

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