Impressionen aus der Vollbeschäftigung

Bayern ist momentan das Bundesland mit der geringsten Arbeitslosigkeit: drei Prozent. Damit herrscht praktisch Vollbeschäftigung, was die Landesregierung auch nicht müde wird zu betonen. Und es ist ja wirklich ein großer Erfolg. Auch bundesweit verringern sich die Arbeitslosenzahlen. Gut für die Menschen, die (wieder) Arbeit haben – wenn sie davon leben können.

Andererseits gewinnen wir in Zeiten des Booms mit New Work keinen Blumentopf. Warum sollte man sich verändern, wenn es einem gut geht? Zur Veränderung braucht es die Notwendigkeit. Wo diese nicht gegeben ist,macht man das, was man immer gemacht hat. Einfach, weil es funktioniert. Deshalb beschäftigen sich viele gar nicht mit New Work oder anderen Themen.

Heute saß ich in der Mittagspause in einem italienischen Café. Während ich meine Bruschetta aß, tauschten sich hinter mir einige Männer über ihre Arbeitserfahrungen aus. Der eine arbeitet im Callcenter und wurde schon nach vier Tagen im neuen Job gefeuert. Vielleicht war er wirklich so schlecht, vielleicht war es ein Exempel. Ich weiß es nicht. Da er nach Gesprächslage aber über mehrere Jobangebote verfügte, schmerze ihn der Rauswurf gar nicht so sehr. Ja ja, meinte sein Freund, Menschen würden heute nur noch behandelt wie Roboter. Überhaupt sei es im Grunde Beschiss, dass ein Callcenter für die Düsseldorfer Verwaltung in Erlangen angesiedelt sei. Da glaube der Anrufer doch glatt, er hätte jemand mit lokaler Erfahrung am Ohr. Na, so sei das halt mit der Digitalisierung.

Der andere arbeitet bei einem Paketdienst und liefert auch sonntags die Pakete aus. Sonntags auch?, fragte sein Tischnachbar. Das wäre immerhin besser als regelmäßig bis abends um neun wie neulich, meinte der andere. Ausrüstung und so müsse man zwar selber zahlen, aber der Job halte fit. Und Stress, naja, mit dem Stress komme er schon zurecht. Wenn man eine Frau und zwei Kinder daheim hat, stellt man außerdem keine Fragen.

Was wollen wir eigentlich? Die Leute haben doch Jobs, können sich über Wasser halten. Knebelverträge, sinnloses Outsourcing, unmenschliche Behandlung? Scheiß drauf. Wir haben in Bayern immerhin Vollbeschäftigung. Uns geht’s gut. New Work? Braucht kein Mensch.

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Gilbert Dietrich
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Ja, da ist viel dran. V.a. wenn man bedenkt, dass die schöne neue Arbeitswelt mit „Fachkräftemangel“, Employer Branding und Feel Good Manager eben nur einen kleinen Teil der Beschäftigten begegnet. Callcenter – da muss man Glück haben; Paketzusteller – vergiss es, da wird sich lange nichts bewegen bis menschliche Arbeitskräfte dort wie in der gesamten Logistik schließlich ganz abgeschafft werden. Ich sehe diese Schere zwischen wirklich umworbenen Arbeitnehmern und denen, die mangels „qualifizierendem Alleinstellungsmerkmal“ als Individuum verzichtbar und daher austauschbar sind in der Zukunft höchstens weiter aufgehen. Die einzige Hoffnung ist, dass „schlechte“ Arbeit tatsächlich nicht mehr von Menschen gemacht… Weiterlesen »

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