Ist der Arbeitsdruck in Unternehmen ein Mythos?

Nicht wenige meiner Kunden klagen über immer größeren Arbeitsdruck in ihrem Unternehmen, aus verschiedenen Gründen:

  • Es werden immer mehr Aufträge von außen angenommen, obwohl die Kapazitäten nicht da sind.
  • Ist die Firma als Matrixorganisation aufgebaut, weiß weiß oft keiner mehr, was er wie an wen reporten soll.
  • Es werden „Teamleiter“ ohne disziplinarische Power ernannt, die dann zwischen Linienarbeit und Projekten zerrieben werden.
  • Stellen werden gekürzt und nicht neu besetzt, aber die Arbeitsbelastung bleibt gleich und wird auf weniger Köpfe verteilt.
  • Durch die technische Vernetzung und die Globalisierung verdichtet sich Arbeit insgesamt.

Das sind alles gute Gründe für eine mehr oder weniger permanente Arbeitsbelastung und, wenn’s schlecht läuft, ein Nährboden für strukturellen Burnout. Daher hatte ich auch bislang für mich den Trend formuliert, dass in Deutschland immer weniger Menschen immer mehr Arbeit leisten müssen.

Nun lese ich jedoch in der aktuellen ZEIT folgendes:

Auch wenn viele Berichte über Burnout und ständig erreichbare, gestresste Arbeitnehmer einen ganz anderen Eindruck erwecken: Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einem Land, in dem vergleichsweise viele Menschen vergleichsweise wenig arbeiten, in drei von vier Fällen in Dienstleistungsjobs.

Wie passt das zusammen? Meine Vermutung: Wir müssen in dieser Betrachtung den akademischen vom nicht-akademischen Arbeitsmarkt trennen. Bei den Akademikern hatten wir schon immer eine relativ niedrige Arbeitslosenquote von vielleicht 3-4 Prozent. Da die Wissensarbeit, speziell die qualifizierten Dienstleistungen in Deutschland zunehmen werden, machen hier meiner Meinung nach tatsächlich immer weniger Menschen immer mehr Arbeit. Hier ist der Arbeitsdruck real.

Am anderen Ende der Fahnenstange sind dann die niedrigqualifizierten Jobs, Teilzeitbeschäftigungen, Ein-Euro-Jobs etc. Dort geht die Entwicklung wirklich in Richtung weniger Arbeit, dafür auf mehr Menschen verteilt. Ich persönlich halte beide Enden der Fahnenstange für unvorteilhaft. Die Akademiker leiden unter steigendem Druck, während die Teilzeitleute und Ein-Euro-Jobber nicht von ihrem Lohn leben können. Die Mitte macht’s, allerdings dürfte das ein frommer Wunsch sein. Die Schere geht eher immer weiter auf statt zu. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

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alessio
alessio
9 Jahre zuvor

Stimmt ich kenne auch einige Teamleiter die leider nix zu sagen haben (man sagt dazu auch „Zahnlose Tiger“) ist schon lächerlich. Ich kann die Leute leider auch nicht ernst nehmen.

Jana
Jana
9 Jahre zuvor

Gute Analyse für die Kürze. Hinzu kommt, dass die ZEIT in den letzten Jahren stark an Qualität eingebüßt hat, boulevardesk heute das eine, morgen das andere zum Lobbymunde schreibt (mein Eindruck), enorm unkritisch in gefühlten 50% der Fälle oder mehr, eher neoliberal denn sozial (hallo Helmut?!?!?). Die nachdenkseiten.de gehen das in guter alter Qualtität journalistischer, investigativer und hochwertiger an (bin nur Leser). Unternehmensseitig kann ich v.a. dem Zerreiben in Matrixorganisationen zustimmen, Könige ohne Königreich (disziplinarische Möglichkeiten), Undurchsetzbarkeit gültiger Gesetze und des Tarifpartnersystems u.v.m. Sehr lesenwert der Artikel des Sozial/Wirtschaftsethikers Herrn Ulrich von der Uni St. Gallen, verlinkt (diese Woche, 2… Weiterlesen »

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