Ist Ihr Unternehmen auch eine Autobahn?

Autobahnen sind eine feine Sache. Neulich war ich auf der A 81 zwischen Würzburg und Stuttgart unterwegs undkam erstaunlicherweise sehr gut voran. Man schnurrt dahin und kann sich – selbstredend abhängig von der Tageszeit – eines fast ungetrübten Fahrvergnügens erfreuen.

Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die Spurstreifen. Spurstreifen sorgen dafür, dass Autofahrer auf ihrer Spur bleiben. Sie können vielleicht ein bisschen mehr an den Spurrand fahren, aber im Großen und Ganzen sollte man in seiner Spur bleiben, will man größere Blechschäden oder eine körperliche Versehrtheit vermeiden. Will man die Spur wechseln, wird es Zeit für den Blinker. Aber auch hier entscheidet der Autofahrer, wann geblinkt und in welche Spur gewechselt wird.

Traditionelle Organisationen sind manchmal noch simpler gestrickt als Autobahnen – und das will etwas heißen. Traditionelle Organisationen schreiben unter anderem vor, in welcher Spur man zu fahren hat, wie schnell man fahren darf und wann man wie die Spur wechselt. „Direkte Kontrolle“ nennt das die Forschung. Prozesschritte werden exakt vorgegeben, Schnittstellen explizit geregelt, festgelegt, wer mit wem wann sprechen darf und vieles andere mehr.

Im Gegensatz dazu praktizieren moderne Organisationen eher die „indirekte Steuerung“. Man sagt dem Arbeitnehmer (im übertragenen Sinne): „Fahr von Würzburg nach Stuttgart, nimm meinetwegen die Autobahn, das geht schneller, aber wie du im Detail fährst, ist nicht wichtig. Hauptsache, du kommst gesund und rechtizeitig an.“ Eine sinnvolle Sache, die den Mitarbeiter natürlich in die Verantwortung nimmt, seinen eigenen Weg zu finden.

Diese „indirekte“ Steuerung durch Selbstorganisation kann auch zu Lasten des Mitarbeiters manipuliert werden. In solchen Fällen stiehlt sich die Organisation aus ihrer Verantwortung und lastet dem Mitarbeiter die Verantwortung für Probleme auf, die er gar nicht lösen kann: „Schmidt! Ab jetzt jedes Jahr 15 % mehr Umsatz! Egal, wie Sie das machen: Hauptsache, es läuft!“ Dass Schmidt aufgrund der Verfassung des Unternehmens und der Marktgegebenheiten gar keine 15 % mehr pro Jahr schaffen kann, ist dem Chef egal. Er reicht die Verantwortung für das Unternehmensergebnis im Sinne der „indirekten Steuerung“ an Herrn Schmidt weiter.

Beide Varianten sind destruktiv: die „totale“, direkte Steuerung genauso wie die verantwortungslose indirekte Steuerung, die der möglicherweise wenig ausgeprägten Selbstregulierung des Mitarbeiters das Feld überlasst. Von daher sollte gelten: Rahmensetzung ja, detailversessene Kontrolle nein. Ruhig indirekte Steuerung einsetzen, aber in Maßen und immer unter der letztlichen Verantwortung der Unternehmensführung. Denn Spurwechsel ist machbar und okay. Aber das Ausbrechen aus der Autobahn, um querfeldein zu gurken, nur weil der Chef das vorgibt – das sollte man besser lassen.

Photo © Kamil Dratwa

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Seit Anfang 2020 bin ich Geschäftsführender Gesellschafter der humanfy GmbH und habe meine geschäftlichen Aktivitäten dorthin verlagert.

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