„Jeder kann coachen!“ oder: Die Stunde der Dilettanten

Der Coaching-Markt ist zum Tummelplatz für Amateure und Gestrandete geworden. Jeder, der aus seinem Beruf herausfällt und „mal was mit Menschen machen will“, fühlt sich zum Coach berufen. Das geht mir inzwischen gehörig auf den Senkel.
Kürzlich verfolgte ich eine Debatte auf Facebook. Ein Kollege postete, er hielte nichts von „Systemen“ und „Wissenschaftlichkeit“ im Coaching. Die besten Coachings seien die, die von Spontaneität und Intuition getrieben seien. Natürlich hatte er sofort Dutzende „Likes“ und entsrechende Claquere, die ihm sekundierten: Jawohl, genau so sei es, Methoden würden überbewertet. Dann kam noch der ganze Kram mit Herz, Berufung und dem göttlichen Funken in uns bla bla.

Ich glaube, diese Diskussion war mein „turning point“. Bislang vertrat ich die Devise „Leben und leben lassen“. Sollen die Leute doch die Qualifikation haben, die sie wollen! Ist ja nur Coaching, nicht Therapie. Doch das ist vorbei. Dieses Posting und die Zustimmungswelle haben mir die Augen geöffnet und mich ganz klar auf die eine Seite des Flusses gespült. Darum fordere ich:

  • Jeder Coach muss mindestens ausgebildet werden in den Grundlagenfächern der Psychologie (Allgemeine P., Differenzielle P., Entwicklungsp., Klinische P. und so weiter). Dies schließt Wissen über Gehirnphysiologie und -anatomie ein.
  • Eine Coaching-Ausbildung reicht dafür ausdrücklich nicht. Daraus folgt für mich:
  • Jeder Coach braucht einen solide wissenschaftliche Ausbildung: einen Master, einen Bachelor oder ein Diplom in Psychologie oder einem psychologischen Zweigfach.

Jeder, der sich „Coach“ nennt, sollte diese Ausbildungsvoraussetzungen erfüllen. Damit würde sich der Markt schlagartig um 90 % bereinigen. Und, ja, ich bin Dipl. Psych. und ja, ich würde davon selbstverständlich profitieren. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass Menschen in anderer Menschen Hirnen und Seelen herumdoktern, ohne dafür qualifiziert zu sein. (Oder behaupten Sie, Sie wären Automechaniker, nur weil sie mal einen Schraubenschlüssel in der Hand gehalten haben?)

So, jetzt kann man mich entfrienden, entfollowen, was auch immer. Das musste mal raus. Ich kann mir diese Soße, die da auf Facebook, XING etc. inzwischen abgelassen wird, einfach nicht mehr kommentarlos anhören.

Photo © Bob Smith | sxc.hu

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Dr. Annefried Hahn
Dr. Annefried Hahn
5 Jahre zuvor

Hallo Herr Väth, auch wenn Ihr Beitrag schon älter ist, finde ich ihn aktueller denn je. Jede Friseurin lernt länger als die meisten Coachs. Das würde wohl auch kaum jemand ändern wollen. Schließlich ist das Ergebnis der Haarkunst sofort und für längere Zeit zu betrachten. Ich bin ganz bei Ihnen, was Ihre Forderung nach einem Psychologie-Studium als Voraussetzung angeht. Leider geht der Trend an den Universitäten tatsächlich in Richtung reine Wissensvermittlung. Bis vor einigen Jahren (an der FU Berlin bis ca. 2008) war Praxisvermittlung wählbar (psychologische Beratung unter Supervision in einem Stadtteil). Zu verstehen wie Menschen „ticken“ ist für Coachs… Weiterlesen »

Markus Väth
5 Jahre zuvor

Hallo Frau Hahn,

danke für Ihren Kommentar. Und Sie haben Recht: Auch wenn das Thema älter ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Sie greifen noch einmal sehr schöne die beiden Hauptachsen der Ausbildung heraus: Theorie UND Praxis sowie Fremd- UND Eigenbeobachtung. Man könnte das auch in ein Vier-Felder-Schema bringen und hätte schon eine schöne Grundlage für eine Coach-Ausbildung. (Hat das schon mal jemand gemacht? Wäre interessant.)

Helmut Schwaiger
Helmut Schwaiger
7 Jahre zuvor

Hallo Herr Väth, ich habe mich über Ihren Beitrag sehr gefreut. Um es kurz zu sagen: Ich sehe die Sache wie sie. Ich ärgere mich seit längerer Zeit über die Entwicklung dieses „Coaching-Marktes“. Ich bin Dipl.-Sprechwissenschaftler (Universität Halle) und trainiere/coache Menschen in Rhetorischer Kommunikation (Stimme und Sprechen). Dafür habe ich 5 Jahre studiert und zusätzlich 20 Jahre der Praxis in diesem „Fach“-Gebiet gesammlet, sodass ich heute einen vielleicht akzeptablen Trainer abgebe. Menschen die „mal eben“ Lust auf die Arbeit mit/am Menschen haben und dann eine Wochendausbildung absolvieren (meinetwegen auch mehrere Wochenden), kann ich nicht ernst nehmen. Leider bevölkern sie mehr… Weiterlesen »

Sonja Mannhardt
7 Jahre zuvor

Im Zentrum Ihres Beitrages stimme ich Ihnen unumwunden zu: Ein „herumdoktern“ ist nicht verantwortbar. Doch glauben Sie wirklich daran, dass sich dieser Missstand durch die Forderung eines Psychologie-Studiums lösen ließe? Hat die Psychologie nicht einen anthropologischen Ursprung, so dass sie nicht allein für das akademische Studium der Diplom-Psychologie beansprucht werden kann? Früher waren Gelehrte „Universalisten“ und „studierten“ sehr viele Fächer gleichzeitig! Nicht das Psychologie-Studium ist entscheidend, sondern überhaupt eine profunde Bildung, denn damit erwirbt sich ein Mensch detailliertes Wissen, fernab des oberflächlichen „Mainstream“. Es lehrt theoretische Gründlichkeit, ganzheitliches Denken und arbeiten, was bei MENSCH zentrierten Berufen unerlässlich ist. Doch muss… Weiterlesen »

Peter Reitz
Peter Reitz
7 Jahre zuvor

Sie haben die Sozialpsychologie als das vielleicht wichigste Grundlagenfach der Psychologie noch nicht erwähnt! 😉 Ihr Beitrag ist sehr polarisierend, aber: recht so! Jegliche Diskussion über eine Professionalisierung von Coaches finde ich begrüßenswert. Ich sehe es aber nicht ganz so „streng“. In einer guten Coaching-Ausbildung sollten die wichtigsten psychologischen Themen eine große Rolle spielen und nicht nur das, diese sollten vor allem erfahrbar werden und somit über eine mögliche Qualif. eines (wissenschaftlichen) Studiums hinausgehen. Dabei sollte die Anregung und Empfehlung über die weitere Professionalisierung und Weiterentwicklung des Wissens in der Coaching-Ausbildung auf keinen Fall fehlen! So wie nach Erreichung eines… Weiterlesen »

Marcus Hüppe
Marcus Hüppe
7 Jahre zuvor

Hallo Markus, ich habe Deinen Artikel aufmerksam gelesen und schließe mich Deiner grundsätzlichen Meinung an, was die Marktschwämme anbelangt. Was die Kriterien angeht, haben die Kollegen Sander und Rose bereits meine Stellung abgedeckt. Genauso wie Constantin, würde auch ich ein weiteres Studium anstreben müssen, um meinen Beruf weiterhin ausführen zu dürfen. Mir stellt sich folgende Frage: Was kann im „schlimmsten Fall“ passieren, wenn zwei Menschen, die an eine, von mir vielleicht als Scharlatanerie definierte „Methode“ verwenden, zusammensitzen und diese „anwenden“, solange sie beide fest an ihre Wirksamkeit glauben und der coachee (zumindest einmalig) bereit ist einen vereinbarten Preis dafür zu… Weiterlesen »

Tobias Judmaier
7 Jahre zuvor

Da haben Sie ja eine heiße Diskussion losgetreten Herr Väth.
In Österreich ist die Gesetzeslage viel strenger als in Deutschland. Ein Nachweis der Selbsterfahrung ist genauso von Nöten wie über 700 Stunden Praxis und protokollierte Coaching Stunden mit Klienten (unter Supervision). Ich habe dazu neulich auch einen Post verfasst, der Sie vielleicht interessieren könnte. http://www.judmaier.com/coaching/qualifiziertes-coaching-in-osterreich-worauf-muss-ich-bei-der-auswahl-eines-coaches-achten.html
Dabei geht es nicht darum wer sich „Coach“ nennt, sondern ausschließlich darum, was man dann für ein Betätigungsfeld ausübt. In Österreich dauert so eine Ausbildung ca 4 Jahre.

Schöne Grüße
Tobias Judmaier

Constantin Sander
7 Jahre zuvor

Hallo Herr Väth, auch ich ärgere mich über den laxen Umgang mit der Qualität im Coaching. Allerdings wäre auch ich von Ihrem Vorstoß betroffen. Nun ist es aber so, dass im therapeutischen Bereich nicht mal ein Psychologiestudium ausreicht. Warum? Weil es theoretisch ist und nicht das therapeutische Rüstzeug liefert. Mir würde schon genügen, wenn wir Mindeststandards im Coaching einführen und Coach zu einer geschützten Bezeichnung machen. Es kann nicht sein, dass das, was für Fotografen selbstverständlich ist, für einen sensiblen Beruf wie Coaching nicht einmal angedacht ist.

Lars Hahn
7 Jahre zuvor

Franz Beckenbauer durfte sich anfangs nur Teamchef nennen und nicht Trainer. Dabei steckte er praktisch viele in die Tasche.

Aus mir ist trotz meines pädagogisch-psychologischen Studiums was ganz ordentliches geworden. Durch Praxis, viele Weiterbildungen „unterhalb“ des Studiums und TUN.

Der Vorschlag von Nico Rose gefällt mir darum auch sehr gut.

Jakob Suarez
Jakob Suarez
7 Jahre zuvor

Schade Herr Väth, Sie haben es wohl überlesen, vielleicht auch ignoriert, wollten nicht antworten oder ich bin schuld, dass Sie über meine Provokation gestolpert sind und gar nicht erkannt haben, dass ich nur herausfordernd in Frage stelle, ob …, es sogar als wahrscheinlicher sehe, dass Ihr ganzer Beitrag eher als Provokation gemeint ist. Sie beantworten das auch nicht, Ihre relativenden Aussagen in ihren Posts legen diesen Schluss bzgl. Ihres Hauptbeitrags aber sehr nahe. Als sehr fraglich empfinde ich die Aussage „Und der Bereich des Wissens, der den Menschen behandelt, ist nun mal die Psychologie“. Sie schmeicheln unserer Disziplin, tun aber… Weiterlesen »

Jens Jannasch
7 Jahre zuvor
Reply to  Markus Väth

Hallo Herr Väth, ich glaube nicht, dass es an der Banalisierung der Bildung liegt und es als „chic“ gilt, keinen akademischen Titel zu tragen. Ich denke, dass in manchen Bereichen die teilweise- und dies ist provokativ gemeint- überhebliche Arroganz der akademischen Titelträger á la „ich verstehe die Welt und kann alles, weil ich studiert habe“ Menschen mit jahrzehntelanger Berufserfahrung auf den Keks geht. Ich arbeite seit fast 20 Jahren im Fort- und Weiterbildungsbereich und erlebe es immer wieder, dass der Titel den Wert bestimmt und nicht das können. Ich gebe ihnen vollkommen recht: bevor ich „Können“ anwende, muss ich durch… Weiterlesen »

Jakob Suarez
Jakob Suarez
7 Jahre zuvor

Es tut mir leid das hier posten zu müssen. Aber wirklich ernst gemeint kann der Beitrag nicht sein, oder? Es qualifiziert nur ein wissenschaftlicher Abschluss?! „Jeder Coach muss mindestens ausgebildet sein in […]“ und am Ende ein „usw.“?! Das ist eine schöne Provokation, die einen ja geradezu zwingt darüber zu diskutieren. Mehr ist es dann aber auch nicht. Insgesamt könnte man es vielleicht den Stellungskampf der Arrivierten gegen die Emporkömmlinge nennen oder den Versuch der Trendsetter ihr Butterbrot noch schnell abzulecken, bevor die Nachahmer danach greifen. Der Coaching-Markt ist groß, er überschneidet sich dazu noch mit dem der Therapeuten, Berater… Weiterlesen »

Dr. Nico Rose
7 Jahre zuvor

Ich hätte da einen ganz einfachen – aber vermutlich sehr wirksamen Vorschlag. Um Coach werden zu können, muss man den Nachweis erbringen, dass man sich insgesamt min. 1000 Stunden (über die Höhe kann man diskutieren) in min. zwei unterschiedlichen Feldern der Persönlichkeitsentwicklung (wäre ebenfalls zu diskutieren) fortgebildet hat. Keine Diskussion über Psychologie oder nicht Psychologie, Studium oder kein Studium etc. Einfach eine sehr hohe Hürde setzen, was den persönlichen Einsatz betrifft. Das würde den Markt ebenfalls schlagartig bereinigen, ohne jemanden „abzuwerten“.

Christoph Burger
7 Jahre zuvor

Guten Tag Herr Väth,

Ihren Beitrag finde ich gut: Klare Worte! Daran kann man sich abarbeiten. Als Psychologe und Coach / Karriereberater kann ich Sie gut verstehen. Es ist häufig grässlich zu erleben, wer alles – mit welchem Hintergrund – coacht oder Therapie anbietet.
Auch erfrischend finde ich Ihren Kommentar, WH. Natürlich qualifiziert ein Studium nicht zum Herumdoktern. Allerdings erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass Leute, die es allzusehr dazu treibt, während der Jahre korrigiert oder aussortiert werden.

Beste Grüße,

Christoph Burger

Jens Jannasch
7 Jahre zuvor

Hallo Herr Väth, ich muss mich hier meiner Vorrednerin Fr. Schnack anschließen. Ich finde es auch äußerst schwierig zu sagen, dass ein guter Coach ein psychologisches Studium haben muss. Überhaupt generell zu sagen, dass er studiert sein muss. In unserem Bildungssystem wird so viel Wert auf die theoretische Ausbildung gelegt, dass man die praktische Umsetzung dabei aus den Augen lässt. Gut. Wenn ich ein Haus bauen möchte, gehe ich durchaus mit zu sagen, hierzu muss man studiert haben, damit mir das Teil nicht nach dem ersten Xaver um die Ohren fliegt. Bei der Arbeit mit Menschen zu sagen, dass können… Weiterlesen »

Wolfgang Hamm
Wolfgang Hamm
7 Jahre zuvor

Der Satz „Es geht darum, dass Menschen in anderer Menschen Hirnen und Seelen herumdoktern, ohne dafür qualifiziert zu sein.“ beinhaltet die Voranahme, dass es Menschen (u.a. Sie, Herr Väth) gibt, die dafür qualifiziert sind in den Hirnen und Seelen von Menschen herumzudoktern.

Für mich ein erschreckendes Selbstbild: Der mächtige Therapeut, der mächtige Coach der im Klienten herumdoktert – und das darf – weil er ein entsprechendes Studium hat, versteht sich. Wir der Klient dabei überhaupt noch gefragt? Oder liegt die Entscheidung einzig beim „wissenden“ Psychologen?

Beste Grüße

Michael Schürks
Michael Schürks
7 Jahre zuvor
Reply to  Wolfgang Hamm

Es ist unter anderem die Fähigkeit, Präsuppositionen, das heißt implizite Vorannahmen über die Welt, in der wir leben, zu hören, die einen guten Coach auszeichnet. Das lernt man nicht notwendigerweise, so meine Erfahrung, im Studium. Danke fürs Zuhören, Wolfgang.

Herzlich,
Michael Schürks

Natalie Schnack
7 Jahre zuvor

Hallo Herr Väth, die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Natürlich nennt sich heute jeder „Hans und Franz“ gern Coach. Doch zu behaupten, jemand, der Psychologie studiert hat, auch automatisch besser für das Coaching qualifiziert ist, als jemand mit anderem Hintergrund, ist in meinen Augen nicht zielführend, wenn wir in Sachen Qualität diskutieren wollen. Dass z.B. eine Führungskraft sich lieber von jemanden, der selbst Führungskraft war, Coachen lässt, als von jemanden, der keinerlei Berufserfahrung hat und dafür wissenschaftlich ausgebildet ist, ist nur verständlich. Ein guter Coach sollte idealerweise eine relevante Ausbildung für sein Themengebiet mitbringen, ebenso wie Berufserfahrung auf… Weiterlesen »

Ralf
Ralf
7 Jahre zuvor

Was mich immer von einemPsychologiestudium abgehalten hat, war Mathematik und die hohe Durchfallquote. Ich stimme deinem Artikel weitestgehend zu. In diesem Leben wird es für mich aber höchstens bis zum Heilpraktiker für Psychotherapie reichen. Und ich glaube immer wieder gern an den Satz, wer heilt hat recht.

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Seit Anfang 2020 bin ich Geschäftsführender Gesellschafter der humanfy GmbH und habe meine geschäftlichen Aktivitäten dorthin verlagert.

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