Jobwechsel: Bleiben oder gehen? – So fällen Sie die richtige Entscheidung

Gerade bin ich ich über diesen Artikel meines Kollegen Christoph Burger gestolpert. Er entwirft hier einen kleinen Test zur Frage, ob man in seinem alten Job bleiben oder doch besser das Unternehmen wechseln sollte. Der Ansatz wirkt zunächst sympathisch, enthält aber meiner Meinung nach einen großen Denkfehler: Er vergleicht Äpfel mit Birnen. Wie das?

Szenenwechsel: Kürzlich in einer Coaching-Sitzung. Mein Klient (nennen wir ihn Herr Schmidt), Mitte 40, Führungskraft, fragt sich, ob er den Job wechseln sollte. Vordergründig scheint vieles okay zu sein: Das Gehalt stimmt, der Anfahrtsweg ist kurz, das Team ist nett etc. Auf der anderen Seite gibt es nicht unerhebliche Differenzen mit der Geschäftsführung über die strategische Ausrichtung des Unternehmens und über Budgetfragen. Herr Schmidt steht scheinbar vor der klassischen Entscheidung: Bleiben oder gehen? Und hier kommen wir wieder zum Fragebogen von Herrn Burger zurück. Ich behaupte: Dieser Test kann nicht funktionieren. Weil er so tut, als habe die Möglichkeit A (im Job bleiben) dieselbe Dimension wie Möglichkeit B (einen neuen Job suchen). Das ist aber nicht der Fall. Wir können A mit B nicht vergleichen. Warum?

Der Wechsel: eine ungewisse  „black box“

Wie Herr Schmidt es im Lauf des Coachings so schön formuliert, ist die Möglichkeit eines Wechsels für ihn eine „black box“: Er weiß wenig von seinem Marktwert, seinen Marktchancen, hat noch nicht viel Zeit in die Erforschung seiner persönlichen Motive investiert und ist sich noch nicht einmal darüber im Klaren, welchen Stellenwert die Arbeit an sich künftig in seinem Leben haben soll. Er tappt im Dunkeln und hat erhebliche Informationsdefizite. Ohne entsprechende Informationen und Feedback bleibt daher die Möglichkeit B, der Wechsel, tatsächlich eine black box. Kein Wunder, dass das Bauchgefühl rebelliert und man sich nicht entscheiden kann. Der klassische Konflikt entsteht: Lieber das auf sich nehmen, was man kennt, oder den Schritt in die black box riskieren?

Vom Beginn des Konflikts an vergleicht man Äpfel mit Birnen, da man über Möglichkeit A viel mehr Information hat und die Situation im bisherigen Unternehmen aus Erfahrung sehr gut einschätzen kann. Die Unwägbarkeiten der Möglichkeit B sind viel grundsätzlicherer Natur. Daher kann man hier eine Entscheidung nicht einfach herbeizwingen, weder durch die berühmte Pro-Contra-Liste noch durch Fragebogen wie den oben erwähnten noch durch das Eingestehen der kognitiven Niederlage und das blinde Vertrauen in ein wie auch immer geartetes „Bauchgefühl“.

Was darf’s sein: Enterprise oder Dschungelcamp?

Wie kann man trotzdem auf dem Weg der Entscheidung voranschreiten? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Die black box erhellen

Bevor Sie sich für oder gegen einen Jobwechsel entscheiden, werden Sie zum Detektiv in eigener Sache. Recherchieren Sie Marktquellen, Job-Börsen, Gehaltsvergleiche. Zapfen Sie Ihr Netzwerk an, führen Sie Expertengespräche mit Insidern. Lassen Sie sich von Freunden oder professionellen Coaches Feedback geben: zu Ihrer Qualifiaktion, zu Ihren sozialen und Ihren persönlichen Stärken. Lassen Sie eine oder zwei Testbewerbungen laufen. Nicht um den Job anzunehmen, sondern um sich mit dem Gefühl vertraut zu machen, auf dem Weg zu sein. So tun, als hätten Sie sich entschieden. Ihr inneres Erleben gibt Ihnen hier wertvolle Hinweise auf Ihren wahren Wunsch.

2. Auf Enterprise machen

Das Raumschiff Enterprise „dringt in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“. Genauso können Sie alles hinter sich lassen, Gas geben und sagen: Egal, was kommt: ich wechsle. Dafür brauchen Sie aber Mut, eine Sehnsucht, eine Vision, einen Traum. Den hat nicht jeder, aber wenn Sie ihn haben, merken Sie es. So einfach ist das. Es ist wie Verliebtsein: Man weiß, wenn man es ist. Oder eben nicht. Übrigens: Eine „Negativ-Motivation“ im Sinne von „Ich halt’s hier nicht mehr aus“ tut’s hier leider nicht – und sei sie noch so stark.

3. Ins innere Dschungelcamp gehen

Beim „Dschungelcamp“ bilden die unterschiedlichen Personen mit der Zeit unterschiedliche Überlebensstrategien aus. Man sucht sich seine Lücke und versucht, die Zeit zu überstehen. Genauso können Sie eine Zeitlang versuchen, die Widrigkeiten des bisherigen Jobs besser zu ertragen. Doch hier helfen Ihnen in der Regel weder Ratgeber-Bücher noch SPIEGEL ONLINE noch gutgemeinte Ratschläge von Freunden. Für das innere Dschungelcamp braucht man einen erfahrenen Sparringspartner, einen guten Coach, der Methode mit Anwendung und Training verbindet. Der einen auch mal stresst, damit man die neuen Strategien testen kann. Hier geht es um Mentaltechniken und Veränderung von Einstellungen, ganz nach dem Motto „Love it, change it – or leave it“.

4. Zurücktreten

nicht vom Job, aber vom aktuellen Standpunkt. Treten Sie einen Schritt zurück und stellen Sie sich grundlegende Fragen: Welche Dinge sind mir eigentlich wichtig im Leben? Soll Arbeit künftig tatsächlich noch der beherrschende Teil meines Lebens sein? Oder will ich den Jobwechsel auch nutzen für eine größere Bestandsaufnahme? Damit ich vielleicht später im neuen Job nicht die gleichen Fehler mache wie im alten?

Was Sie auch tun: Vergleichen Sie Äpfel nicht mit Birnen. Verzagen Sie nicht, wenn Sie sich nicht entscheiden können zwischen Bleiben oder Gehen. Das ist völlig normal, weil wir hier von zwei Optionen auf unterschiedlichen Ebenen sprechen: die eine hat eher weniger Unbekannte, die andere sehr viele Unbekannte. Sehen Sie das Ganze eher als Entwicklungsaufgabe und versuchen, einen der vier Wege zu gehen, um letztlich über sich selbst, Ihre Motive, Sehnsüchte und Fähigkeiten Klarheit zu gewinnen. Das wird Ihnen – für diese Fragestellung – mehr bringen als jeder Test.

Photo © Paul Joseph | freeimages.com

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0 Gedanken zu „Jobwechsel: Bleiben oder gehen? – So fällen Sie die richtige Entscheidung

  1. Was tun wenn man sich für das gehen entschieden hat, aber nicht die richtige Vakanz Anspruch findet? Ist das gehen nicht auch eine Art Flucht?
    Da ich schon länger gefrustet und auch gelangweilt in meiner aktuellen Position bin, nin ich durch Zufall auf dieses Forum gestoßen.
    Ich habe mich ohne eine genaue Ursachenforschung auf die Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung begeben. Eigentlich habe ich alles was ich mir „gewünscht“ habe. Eine eigene Familie, zwei wunderbare Kinder, einen sicheren Job, ein Haus,…. nur habe ich eine totale innere Unruhe. Ich fühle mich bei meinem jetzigen Arbeitsplatz nicht mehr gefordert, langweile mich und bin auf dem Weg ein total unmotivierter Arbeitnehmer zu werden. Dies widerspricht aber meine Ureinstellung. Ich bin ein Macher, gehe auch gerne unangenehme Wege und arbeite zielorientiert und ehrgeizig. Ich habe meine Probleme bis zum oberen Management angesprochen, sehne mich nach mehr Verantwortung bzw. nach neuen Herausforderungen. Ich habe im Prinzip meine operativen Aufgaben dahingehen optimiert, dass man „eigentlich“ meinen Arbeitsplatz rationalisieren könnte. Das will man aber intern nicht und hält „noch“ an mir fest. Zudem wurde ein Aktionismus betrieben und mir Haufenweise Projekte zugeteilt, welche mich Inhaltich gar nicht tangieren, wie auch eigentlich kein aktueller Handlungsbedarf vorliegt.

    Lange Rede kurzer Sinn. Sind das wirklich meine Ursachen, oder sehe ich die ganze Thematik zu pragmatisch? Ist der Jobwechsel nicht nur wieder eine Flucht?

    1. Schwer zu sagen. Falls Sie wechseln wollen, sollten Sie nicht nur wissen, wovon Sie weg wollen, sondern möglichst genau, wohin Sie wollen. Das ist schwierig. Wenn allerdings Ihre Unzufriedenheit so groß wird, dass Sie Ihre Gesundheit, Ihre Familie oder Ihre Persönlichkeit beeinträchtigt, kann man ruhig auch eine „Flucht“ in Kauf nehmen.

      Man sollte nicht nur wissen, wann man einen Kampf beginnt, sondern auch, wann man ihn beendet. Das ist nicht immer leicht, besonders wenn man sich selbst als Macher, als Problemlöser sieht. Vielleicht ist die wahre Herausforderung für Sie, das Machen zu beenden und Ihre alte Stelle ohne Selbswertverlust loszulassen.

      1. Guten Abend Herr Väth.

        Herzlichen Dank für Ihre Antwort.

        Nach einer zweiwöchigen Auszeit konnte ich wieder Kraft, Mut und Motivation sammeln um weiter zu machen. Kaum zwei Tage gearbeitet wieder total matt, müde und Lustlos.
        Vielleicht hat dies auch in erster Linie nichts mit der aktuellen Stelle zu tun, sondern mit meiner Persönlichkeit. Ich werde einfach gerne gefördert, stelle mich gerne Herausforderungen und gehe auch unkonventionelle Wege….Fakt ist, dass ich total unzufrieden bin und dies auch in mein Privatleben mit transformiere. Muss ich wirklich flüchten um meine Persönlichkeit nicht zu beeinträchtigen, oder sollte ich vielleicht mal lernen, meine Persönlichkeit der Gesellschaft bzw. dem aktuellen Arbeitgeber unterzuordnen?! Ich würde flüchten, nur muss natürlich auch erstmals die richtige Vakanz gefunden werden. Naja Geduld!
        Alles Gute für Sie und toll dass es solche Onlinepräsenzen wie Ihrer gibt.

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