Keine Chance für Quereinsteiger

SPIEGEL Online berichtet heute über die Chance von Quereinsteigern im Allgemeinen und von Geisteswissenschaftlern im Besonderen. Der Artikel vergleicht die Mentalität zwischen England und Deutschland und wie die Wirtschaftswelt mit Quereinsteigern aus den Geisteswissenschaften umgeht.

Hätten Sie gewusst, dass in Deutschland kein einziger Geisteswissenschaftler in einem Vorstand eines DAX-Unternehmens sitzt? Und dass von diesen 184 Vorständen lediglich drei ein geisteswissenschaftliches Fach mitstudiert haben? Der SPIEGEL kommt zum Schluss, dass deutschen Unternehmen durch die Vernachlässigung der Geisteswissenschaften ein erhebliches Potenzial an Innovation, Über-den-Tellerrand-schauen und gelebte Sozialkompetenz verlorengeht.

Warum ist das so in Deutschland, einem Land, das doch so stolz ist auf seine Dichter und Denker?

  • Zum einen liegt es wohl an der Tradition deutscher Personalarbeit. Wenn ich mit Klienten über ihre Erfahrungen bei Bewerbungsgesprächen rede, bekomme ich oft den Eindruck, Personaler sind immer noch scharf auf  „was Schriftliches“, so als ob Papier alles über einen Menschen erzählt. Das dürfte auch mit ein Grund sein für das nervige Phänomen Online-Bewerbungen. In Deutschland gilt immer noch das preußische Ideal: Hast du einen Zettel mit Stempel drauf, existierst du. Wenn nicht, dann nicht. Der Hauptmann von Köpenick lässt grüßen.
  • Zweitens haben wir eine tiefe gegenseitige Abneigung von Wirtschafts- bzw. Ingenieurwissenschaften auf der einen und den Geisteswissenschaften auf der anderen Seite. Während erstere auf die Geisteswissenschaften als „Traumtänzer“ und „Laberbacken“ herunterschauen, tragen Geisteswissenschaftler gern Arroganz zur Schau, die die höheren Sphären des Verstehens klarachen soll, in denen sie schweben.
  • Konzeptionelle Kurzsichtigkeit. Genau wie die Debatte über die Frauenquote ist die intellektuelle Vermischung von Wirtschafts- und Geisteswissenschaftlern in der täglichen Arbeit eine Bereicherung. Sie erzeugt dringend benötigte Impulse und Kreativität für neue Produkte und Dienstleistungen. Als ich meinen damaligen Chef fragte, warum er mich, einen Psychologen, als Projektmanager im Business Development eingestellt hätte, meinte er: „Markus, aus zwei Gründen: Erstens hast du als Psychologe eine andere Sicht auf die Dinge. Und zweitens bekomme ich von dir immer eine ehrliche Meinung“.
  • Ignoranz gegenüber Sekundärtugenden. Offenbar glauben wir in Deutschland, dass Kompetenzen, die ich mir in der Vergangenheit angeeignet habe, auch künftig für die Qualität meiner Arbeit ausreichen. Das ist dafür aber nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung. Neben meiner Qualifikation muss ich Sekundärtugenden wie Fleiß, (Selbst-)Disziplin, Geduld und Ausdauer zeigen. Diese Punkte scheinen – laut SPIEGEL – in England eine deutlich größere Rolle zu spielen als bei uns.

Vielleicht fehlt Personalern in Deutschland auch einfach der Mut, auch einmal Quereinsteiger an die Fachabteilung zu empfehlen. Sie misstrauen ihrer Intuition (obwohl sie ja selbst Geisteswissenschaftler sind) und zeigen lieber vorauseilenden Gehorsam.

Ich empfehle in dieem Zusammenhang den Film Das Geheimnis meines Erfolges von 1987 mit Michael J. Fox. Dort gibt es eine Szene, in der er seinen Onkel um einen Job bittet. Der fragt ihn, was er denn für praktische Erfahrung vorzuweisen hätte. Fox erwidert: „Im Grunde keine. Aber überleg‘ mal, wie das damals war, als du einen Job gesucht hast. Du warst so aufgeregt vor dem Vorstellungsgespräch, dass du nicht schlafen konntest. Und als der Typ dich fragte: ‚Welche praktischen Erfahrungen haben Sie vorzuweisen?‘, hättest du ihm am liebsten die Faust unter die Nase gehalten und gesagt: ‚Ich kann alles schaffen, was ich will, wenn ich nur die Chance dafür bekomme.“

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