Lassen Sie sich auch so leicht ablenken?

Kürzlich wollte ich wieder einmal joggen gehen. Nachdem ich bei neun von zehn Gelegenheiten den Sportler in mir erfolgreich niedergerungen hatte, gab ich dem lautlosen Klagen meiner Joggingschuhe nach und beschloss, loszulaufen.

Bevor ich aufbrach, kam mir plötzlich die Idee, meinen MP3-Player mitzunehmen. Wenn ich schon laufen „müsste“, dann könnte ich mich wenigstens von der Musik meiner Wahl berieseln lassen. Ich dachte ein wenig daran herum und ärgerte mich schließlich über mich selbst. Im Grunde ging es mir gar nicht um die Musik. Sondern darum, mich von der lästigen „Pflicht“ des Joggens abzulenken. Mich quasi über das Erlebnis der Anstrengung hinwegzustehlen.

Ich nahm den Player nicht mit. Ich entschied mich bewusst, mich nicht ablenken zu lassen. Denn im Grunde geht es vielen Menschen so: Sie haben eine lästige „Pflicht“, die sie nicht tun wollen und lassen sich bereitwillig ablenken, weil sie glauben, damit besser zu fahren und ihr Wohlbefinden nicht allzusehr zu beeinträchtigen. Manche putzen, wenn sie eigentlich lernen sollten. Oder spielen Solitär, wenn sie eigentlich schreiben sollten. Oder graben ein Loch im Garten, wenn sie eigentlich ein schwieriges Gespräch führen sollten.

Wir sind es gewohnt, uns ablenken zu lassen. Das Multitasking im Job liefert dafür die wohlfeile Grundlage. Eher machen wir zwei Dinge gleichzeitig schlecht als eine Sache gut. Weil wir uns dafür mehr konzentrieren müssten. Mit allen Konsequenzen: das Erleben schwieriger Phasen bis hin zum Nicht-vorankommen, unangenehme Gefühle, Durststrecken, bewusst erlebte Störungen.

Auf der anderen Seite vergeben wir uns dafür auch das Gefühl des Erfolgs, des Durchhaltens. So wie ich beim Joggen manchmal bewusst kämpfen und weiterlaufen muss, wenn die innere Stimme sagt: „Bleib doch einfach stehen! Es ist so einfach, die Qual zu beenden. Bleib einfach stehen.“ Doch am Schluss steht der Triumph, der Sieg über die Ablenkung und den inneren Schweinehund.

Wir brauchen solche Erfolgserlebnisse als Bausteine für unser Selbstbewusstsein. Ein Werbespruch lautet: „Mit allen Sinnen genießen“. Das ist egoistisch und zu kurz gesprungen. Es müsste heißen: „Mit allen Sinnen jeweils eine Sache ganz bewusst TUN, bis zum Ende.“ Daraus lernen und positive / negative Gefühle nutzen, um daran zu wachsen.

Ich habe meinen MP3-Player aus meinem Jogging-Universum verbannt. Was ist IHR Ding, Ihre Tätigkeit, auf die Sie sich fortan voll und ohne Ablenkung konzentrieren wollen?

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Martin Ihde
Martin Ihde
9 Jahre zuvor

Ja, ja, das Problem der Ablenkung. Am Anfang dachte ich, dass Ihre Geschichte in die Richtung geht, dass Sie erst den MP3-Player nicht fanden, dann noch aufladen und anschließend die richtige „Lauf-Musik“ auf den Player übertragen mussten. Und als Sie fertig waren, war es schon zu dunkel zum Laufen 😉 Aber Ihre Gedankengänge, sich bewusst gegen den Player zu entscheiden und sich aufs Laufen zu konzentrieren, sind hilfreicher als meine Version der Geschichte. Denn in der Tat lasse ich mich, wie Sie es auch beschrieben, manchmal (zu oft?) durch weniger wichtige Aufgaben, die mir aber ganz dringend erscheinen (den Bildschirm… Weiterlesen »

Henning Fritsches
Henning Fritsches
9 Jahre zuvor

Mir wär der MP3-Player beim Joggen viel zu lästig. Aber mir geht auch so manchmal Musik durch den Kopf.

Zur Spam-Protection: glaubt jemand Spam-Rechner wären zu doof zum Addieren? Und meistens können sie besser Englisch als die meisten Nutzer.

Thomas Hochgeschurtz
9 Jahre zuvor

Danke! Ich laufe, um den Kopf frei zu bekommen, nicht um ihn voll zu dröhnen. Hängt halt vom Ziel ab. Wer läuft um Gewicht zu reduzieren, ist mit MP3 Player vielleicht sogar erfolgreicher, weil ihm das Laufen leichter fällt. Warum sind Sie überhaupt laufen gegangen? Und warum haben Sie Ihren Schweinehund vorher 9 von 10 x siegen lassen? So, ich bin jetzt besser ruhig und gehe laufen …

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