Lasst die Deutsche Bank sterben

Der „kranke Mann“ der deutschen Wirtschaft ist für mich nicht die Auto-, sondern die Bankenindustrie. Während die Autokonzerne wenigstens noch ein Produkt haben, das sie bauen könnten, wenn sie sich endlich am Riemen reißen würden, haben die Banken das nicht. Denn Geld ist – und war – schon immer ein virtuelles Produkt.

Geld ist nichts anderes als das symbolhafte Vertrauen, das man für dessen Wert irgendetwas bekommt: Kaugummi, Autos oder ein Haus. Dieses Symbol hatte früher die Form von Perlen, Steinen oder gepressten Tonziegeln, später waren es eben Banknoten und Goldstücke. Und heute wird Geld zunehmend virtuell: nichts anderes als Bits und Bytes, die um den Globus flitzen.

Ich will hier nicht die Datenschutz-Diskussion aufmachen, von wegen: Wir werden alle zu gläsernen Bezahlern. Das sind wir längst, und ein vermehrter Einsatz von Kredit- oder Kundenkarten verstärkt das Phänomen nur noch. Da müssen wir jetzt durch. Beunruhigender ist für mich der Umstand, dass auf Bankenseite gerade das Geschäftsmodell fast komplett wegbricht, und irgendwie scheint das niemanden aufzuregen – am wenigsten die deutschen Banken.

Viele Banken haben kein belastbares Geschäftsmodell

Strategie bedeutet: für die Zukunft denken und planen. Im Fall der Banken lässt sich praktisch die komplette Leistungspalette in Zukunft virtuell abbilden:

  • Die nachwachsende Generation bezahlt künftig fast ausschließlich mit Kredit- und EC-Karte (man darf die eigentümlich deutsche Obsession auf Bargeld nicht mit der globalen Mentalität verwechseln; diese wird mit der Kriegsgeneration aussterben, die die Hyperinflation noch erlebt hat).
  • Niemand wird mehr in eine Bankfiliale gehen müssen. Virtual Reality holt den Banker ins Haus.
  • Was das Kreditwesen angeht, brauchen normale Bürger manchmal überhaupt keine Bank mehr. Sie können sich kleinere Kredite über Plattformen besorgen.
  • Auch Börseninvestitionen können über Plattformen erledigt werden. Ganz abgesehen von den technologischen Entwicklungen: Wer vertraut heute noch einer Bank in solchen Dingen?

Die Banken, die hier das Rennen machen werden, sind diejenigen, die konsequent auf eine kundenfreundliche Digitalisierung ihrer Services setzen. Und da sehe ich im Moment bei deutschen Banken überhaupt kein Land. Ich persönlich bin daher vor knapp zwei Jahren zur ING gewechselt, einer holländischen Bank (die übrigens konsequent und organisationsweit tatsächlich agile Konzepte umsetzt und nicht nur Konzern-verquast vor sich hindoktert. Aber das nur am Rande). Alles läuft seither bei mir digital: Ich zahle am liebsten mit Kreditkarte (in Deutschland manchmal noch ein echtes Abenteuer), Überweisungen laufen digital, Börsengeschäfte etc. Das alles funktioniert, weil das Web-Interface und die App einfach aufgebaut sind und funktionieren. Das Ganze macht einen runden Eindruck und ist vom Kunden her gedacht. So etwas vermisse ich bei deutschen Banken.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Womit wir bei der von der Politik durchgeprügelten Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank wären: Da kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Die Commerzbank hat gerade erst die Dresdner Bank verdaut, die Deutsche Bank hat die Postbank nie richtig integriert, beide Unternehmen sitzen auf völlig veralteten, inkompatiblen IT- Systemen (Hallo, Digitalisierung? War da was?), die ewigen Skandale bei der Deutschen Bank (Wer will mit solchen Leuten eigentlich noch Geschäfte machen?), die Kastration der Commerzbank-Mittelstandskunden, die mit dem Investmentbanking zusammengelegt wurden und und und.

Eine Fusion würde die Situation auf beiden Seiten nur verschlimmern. Natürlich fallen dann Stellen in großem Stil weg, es gibt erheblich unterschiedliche Unternehmenskulturen (wieso wird das eigentlich nicht in den Medien thematisiert?), die fusionierte Bank bleibt anfällig für die Leichen im Keller der Deutschen Bank, ein tragfähiges Geschäftsmodell müsste immer noch gefunden werden, die IT-Situation wird noch unübersichtlicher etc. Kurz gesagt: Diese Fusion erscheint wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Nur Verzweifelte oder Traumtänzer würden einen solchen Weg gehen – oder wenn sie eben von der Politik in Person von Olaf Scholz dazu gezwungen werden.

Lasst die Deutsche Bank sterben

Ich hätte folgenden Vorschlag: Die Commerzbank übernimmt die Deutsche Bank als dominanter Partner, übernimmt, was nützlich ist und liquidiert den Rest. Lassen wir die Detusche Bank endlich sterben. Sie ist seit langem moralisch bankrott, digital überaltert und offensichtlich unfähig, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Im Gegenzug sollte der Staat seine Beteiligung an der Commerzbank ernstnehmen und in sie investieren, wenn sie ihre Grundmentalität als Mittelstandsbank wiederfindet.

Vergesst die typisch deutschen Träume eines nationalen Champions! Das ist Quatsch. Was wir in Deutschland brauchen, ist eine starke Bank für den Mittelstand – DAS könnte die Commerzbank sein. Aus einer solchen Positionierung, einem klaren Bekenntnis dazu und mit einer konsequent kundenfreundlichen Digitalisierung lässt sich möglicherweise ein Geschäftsmodell der Zukunft schmieden. Denn dieses liegt garantiert nicht in der Fusion von zwei siechen, müden, deutschen Banken.

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