Luft raus aus der Sinndebatte!

Mir wird unwohl. Immer öfter. Es ist wie ein Gewitter, das man noch nicht sehen, aber spüren kann. In den Knochen. Im Wind, der vorbeistreicht und nach Regen riecht. Das Gewitter heißt „berufliche Sinnfindung“ und ich weiß noch nicht, wie ich als Berater dazu stehe.

Einerseits ist es das Recht jedes einzelnen und eine edle Absicht, in seiner Arbeit einen höheren Sinn zu entdecken. Die Phrase „a fulfilling career“ erlebt bei Google Trends über die letzten Jahre einen geradezu dramatischen Anstieg – im Gegensatz zur Phrase „a secure career“, die klar auf dem absteigenden Ast bzw. Graph sitzt. Die Menschen bevorzugen anscheinend immer öfter eine sinnerfüllende, ausfüllende, die Persönlichkeit und die Kompetenz fordernde Job-Tätigkeit. Die ganze Generation Y – Debatte geht ja auch in diese Richtung. So weit, so gut.

Andererseits habe ich das Gefühl, dass sich die ganze Diskussion um berufliche Sinnfindung innerhalb einer riesigen Wahrnehmungsblase abspielt. 2012 lag das Durchschnittseinkommen in Deutschland bei knapp 29.000 EUR. Das sind 10.000 EUR weniger, als ich damals als Berufsanfänger verdient habe und nochmal um ca. 20.000 EUR + X weniger als das, was Führungskräfte und erfahrene Fachkräfte gerade im akademischen Bereich verdienen. Wer mehr als 2.600 EUR netto im Monat heimbringt, gehört schon zu den obersten 15 % der Einkommensskala! Das entspricht einem Bruttojahresgehalt von knapp 44.000 EUR. Das muss man sich erst mal klarmachen, wenn man eine Diskussion über eine möglichst flächendeckende berufliche Sinngebung lostritt.

Worauf ich hinauswill: Die ganze Debatte über Sinnfindung, die in Weiterbildungsmagazinen (aktuell beispielsweise in den managerSeminaren oder in der Coaching-Szene geführt wird, betrifft vielleicht nur einen kleinen Kreis von Leuten, die sich das auch leisten können. Die so viel auf der hohen Kante haben, dass sie sagen: Jetzt langt’s, ich kündige und suche mir was Neues. Die vielleicht in der privilegierten Situation sind, dass ihre Qualifikation oder Nische ihnen die nächste Arbeitsstelle auf dem Silbertablett serviert.

Die Supermarktkassiererin hat keine solche Chance. Oder der mehrfache Familienvater, der sein Haus abzahlt. Für solche Leute ist eine Sinndebatte vielleicht sogar kontraproduktiv: Es setzt sie unter Druck, dem Mainstream zu folgen. Wer nach dieser Logik nichts „Sinnvolles“ aus seinem Arbeitsleben macht, ist selbst schuld und lebt nur suboptimal. Daher: Luft raus aus der Sinndebatte! Es ist – wie so vieles – sehr wahrscheinlich nur wieder eine Mode aus dem Personal- und Weiterbildungsbereich. In ein paar Jahren stehen wieder Unterordnung, Ausharren und Loyalität hoch im Kurs. Jede Wette.

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Tobias Judmaier
Gast

Hallo Herr Väth, da bin ich ganz bei Ihnen. Die Beobachtung, dass Einkommen drastisch sinken, während Lebenserhaltungskosten steigen, liegt auf der Hand. Man muss sich also fragen in welcher Position man ist und ob man wählerisch sein kann. Zudem kommt der Umstand dass die Idee der freien Wahl und der Selbstentfaltung dort endet, wo der Arbeitsmarkt anfängt. Die Idee dass man alles werden kann und tun kann ist in der Praxis so nicht gegeben. Die Idee dass das trotzdem so sei schafft Unzufriedenheit und den ständigen Wunsch sich zu verändern. Das wird sehr schön im Buch „Status Angst“ von Alain… Weiterlesen »

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