Multitasking – und alles wird gut?

Der Harvard Business Manager dachte: Es wird mal wieder Zeit für was Kontroverses. Also veröffentlicht er einen Artikel über den Segen von Multitasking:

  • M. werde zu Unrecht als „Aufmerksamkeitsstörung“ abgestempelt. Entsprechende Forschungsergebnisse führten „in die Irre“.
  • M. führe zu einer Art professionellem „Informationshandel“ und einer neuen Art Informationsökonomie des Menschen.
  • M. fördere die Entscheidungskompetenz aufgrund des immensen Zeit- und Handlungsdruckes.

Die Schlussfolgerungen des Artikels überzeugen mich nicht:

  • Die Stichprobe ist klein und überaus selektiv: Start-Up-Unternehmen aus der Technologiebranche. Natürlich weisen Teams aus diesem Segment eine hohe Affinität zu Neuen Medien und schnellen Entscheidungen aus. Ansonsten würden sie über die Start-Up-Phase gar nicht erst hinauskommen. Daher können die Ergebnisse der Studie nicht generalisiert werden, schon gar nicht auf Branchen wie, sagen wir, Maschinenbau oder Einzelhandel.
  • Eine professionelle Informationsökonomie des Einzelnen ist nicht Folge von Multitasking, sondern dessen Ursache. Das bedeutet: Jemand mit enormer Medien- und Informationskompetenz kann leichter multitasken. Aber ein durchschnittlicher Multitasker erwirbt keine erhöhte Medien- und Informationskompetenz. Daher ist die Schlussfolgerung, aus Multitasking erwachse zwangsweise eine wie auch immer geartete „Informationskompetenz“, falsch.
  • Wie oft in soziologischen Studien wurden Fragebögen und Interviews zur Evaluation verwendet. Diese Instrumente sind naturgemäß mit erheblichen psychologischen Verzerrungen verbunden, vor allem, wenn Menschen sich selbst einschätzen sollen. Hier hätte ich mir auch objektive Kriterien als Erfolgsmesser gewünscht (Fluktuation, Krankheitstage, retrospektive Enzahl „richtiger“ Entscheidungen etc.).

Grundsätzlich muss man festhalten, dass es „Multitasking“ streng genommen nicht gibt. Viele Menschen treibt der Versuch, zu „multitasken“, in den Burnout. Sie jagen etwas hinterher, was hirnphysiologisch gar nicht möglich ist.Dies belege ich unter anderem in Kapitel 3 („Mythos Multitasking“) meines Buches Feierabend hab‘ ich, wenn ich tot bin. Ein Auszug:

[..] Stellen Sie sich ein Pokerspiel im Casino vor. James Bond und drei andere Spie­ler sitzen Whisky trinkend am Tisch; der Croupier gibt die Karten. Er wirft sie den Spielern nicht alle auf einmal hin, sondern gibt jeweils einem Spieler eine Karte, dann dem nächsten Spieler eine Karte und so fort. So geht es reihum. Schließlich beginnt der Croupier wieder beim ersten Spieler, bis jeder seine Karten bekommen hat. Diese Szene kennen Sie sicher aus Dutzenden von Filmen (die meist damit enden, dass das »Blei heiß aus Sechsschüssern fliegt«, wie es der Schauspieler Gene Hackman einmal wunderbar poetisch formuliert hat).

Genauso, wie ein Croupier die Karten gibt, verteilt ein Compu­ter, ohne dass Sie als Benutzer es merken, seine Rechenleistung an  verschiedene sogenannte Prozesse. Scheinbar gleichzeitig druckt er, öffnet ein Excel­-Dokument oder lädt ein Video aus dem Internet. Tatsächlich passieren diese Dinge keineswegs parallel. Vielmehr ver­teilt der Computer wie ein unglaublich schneller Croupier die zur Verfügung stehende Rechenleistung auf die Prozesse, die eben gera­de gebraucht werden. Versuchen Sie mal, viele verschiedene Dinge an Ihrem Rechner zu Hause zu tun. Je nach Modell wird er früher oder später spürbar langsamer werden oder gar abstürzen. Dafür gibt es bei Windows dann beispielsweise den Task Manager – mit dem Sie bestimmte Prozesse abschalten können – vorausgesetzt, er reagiert in diesem fortgesetzten Stadium des Prozessorinfarkts noch. Schon in der digitalen Welt stößt (simuliertes) Multitasking eben an Gren­zen. Umso mehr hinkt die Übertragung in die menschliche Arbeits­welt. Wenn bereits das Original eine Fälschung ist – wie gut kann die Kopie der Fälschung sein? [..]

Multitasking »verlang­samt unsere Reaktionen und erhöht die Fehleranfälligkeit«, erklärt David E. Meyer, Wissenschaftler an der Universität von Michigan. Um beim Pokerbeispiel zu bleiben: Solange der Croupier vier Spie­lern nur Karten gibt, ist alles okay. Sobald er aber anfängt, dem ers­ten Spieler eine Karte zu geben, dem nächsten Tee zu servieren, dem dritten aus einer Zeitung vorzulesen und für den vierten dessen Frau anzurufen, um ihr vorzulügen, der Gatte arbeite heute länger, steigt das Fehlerrisiko dramatisch an. Der Croupier wird sich ver­haspeln, irgendjemandem Tee über die Hose schütten, Karten wer­den unkontrolliert über den Tisch segeln, und die Ehefrau wird aus der verwirrten Stammelei eines überforderten Angestellten messer­scharf schließen, dass aufgrund der Hypothekenrate in Form von Spielchips das eheliche Haus in Gefahr ist. Übrigens ist das Schei­tern im Multitasking bewährte Grundlage vieler Filmkomödien und Slapstickeinlagen. Hollywood hat längst das humoristische Potenzial des alltäglichen Pokerspiels erkannt und führt uns auf nette Art das eigene Versagen vor. Und wir lachen, weil der Depp auf der Lein­wand selbstverständlich gar nichts mit uns zu tun hat.

Natürlich ist das menschliche Gehirn ein unglaublich mächtiges Werkzeug des Denkens, eine Meisterleistung der Evolution und eine der komplexesten Strukturen im Universum. Jedoch liege eine zentrale Einschränkung des Gehirns »in seiner Unfähigkeit, sich auf zwei Dinge zugleich zu konzentrieren«, erklärt René Marois von der Vanderbilt-­Universität in Nashville, Tennessee. [..]

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