Neue Zahlen zur Depression in Deutschland

Die Techniker Krankenkasse hat einen „Depressionsatlas“ herausgegeben. Er gibt einen Überblick über den Verlauf von Diagnosen, besonders betroffenen Berufsgruppen, geographischer Verteilung und Medikamentengabe.

Datenbasis

Auswertungsbasis des Depressionsatlas bil­den anonymisierte Routinedaten der Techni­ker Krankenkasse aus den Jahren 2000 bis 2013 zu Erwerbspersonen (Berufstätigen und Arbeitslosen) mit eigenständiger Mitglied­schaft in der Krankenkasse, also zur Gesamt­gruppe derjenigen Versicherten, bei denen im Krankheitsfall mit der Abgabe einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei einer Kranken­kasse gerechnet werden kann. Insgesamt konnten so Daten zu 4,11 Millionen Er­werbspersonen bezie­hungsweise circa 13,7 % aller sozial­ versicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland berück­sichtigt werden.

Dennoch muss man natürlich immer eine Selektion der Stichprobe voraussetzen. Man kann davon ausgehen, dass die Versicherten der TK keinen repräsentativen Querschnitt der deutschen Bevölkerung darstellen. Insoweit sind alle Statistiken natürlich interpretationsbedürftig.

Ergebnisse

Im Folgenden will ich drei interessante Ergebnisse kurz darstellen.

Je niedriger der Bildungsabschluss, desto höher ist das Depressionsrisiko.

Versicherte mit Haupt- oder Volksschulabschluss erkranken häufiger an Depression als Menschen mit Mittlerer Reife bzw. solche mit Abitur / Fachabitur. Möglicherweise ist bei den weniger formell Gebildeten die Arbeitslosenrate höher, was wiederum zu sozialer Vereinsamung, Existenzangst und einem verringerten Selbstwert führen kann – ein guter Nährboden für Depression.

Auch wenn man sich die Verteilung über die Berufsgruppen ansieht, dominieren Berufe mit einer Tendenz zu niedrigeren Bildungsabschlüssen: Callcenter-Mitarbeiter, Altenpfleger und Erzieher. Alle diese Berufe kennzeichnet eine hohe soziale Dichte, hohe Stressbelastung, wenig Möglichkeit der Selbststeuerung sowie wenig Kontrolle über den Arbeitsablauf – ebenfalls Klassiker der Überforderung.

Andererseits mag die Berufsgruppen-Statistik auch überraschen, da in der aktuellen Diskussion Depression, vor allem in seiner „Überforderungsvariante“ gern mit hoher Bildung, einem anstrengenden Beruf und der „Komplexitätsfalle“ in Verbindung gebracht wird. Doch gerade bei höheren Führungskräften, Unternehmensberatern oder Ärzten scheint Depression wenig verbreitet zu sein. Wie kommt das? Auch hier gibt es ein Einerseits / Andererseits.

So zeigte eine Studie der LMU München 2011 beispielsweise, dass Führungskräfte tatsächlich weniger anfällig für Burnout und Neurotizismus sind als normale Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung – ohne dass Engagement und Gewissenhaftigkeit leidet. „Burnout“ ist von der Psychodynamik her nicht gleichzusetzen mit Depression, zeigt jedoch in seiner schweren Form durchaus symptomatische Überschneidungen. Von daher könnten die niedrigen Zahlen der Grafik durchaus plausibel sein.

Andererseits halte ich gerade bei Führungskräften oder Ärzten eine hohe Dunkelziffer für wahrscheinlich. Gerade Ärzte suchen möglicherweise eher den „kurzen Dienstweg“ via eigenen Medizinschrank oder verleugnen das Problem bis zum Schluss.  Außerdem: Wer das nötige Geld hat, sucht vielleicht nicht die offizielle Hilfe seiner Krankenkasse, sondern kommt eventuell anonym in einer privaten Klinik unter. Gerade in der Spielart des Burnout schossen in den vergangenen Jahren die Hilfsangebote hier wie Pilze aus dem Boden.

Hochgerechnet ergeben sich Produktionsausfallkosten von rund 4 Milliarden EUR pro Jahr.

Pro 100 Erwerbspersonen beliefen sich die hier überschlägig ermittelten Kosten für Ar­beitsausfälle aufgrund von Depressionen im Jahr 2013 auf 10.756 Euro, was durchschnitt­lichen Kosten von knapp 108 EUR je Er­werbsperson und Jahr entspricht. Hochge­rechnet auf die 37,8 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland ergeben sich damit für 2013 Kosten von 4,07 Milliarden Euro.

Noch deutlich höhere Kosten würden resultie­ren, sofern man für jeden erfassten Fehltag als Ausfall die vom Statistischen Bundesamt für 2013 ausgewiesene durchschnittliche Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen in Hö­he von 180 EUR je Kalendertag (bzw. 66.448 EUR pro Jahr) ansetzt und/oder die hier gefundenen Ausfälle nicht nur auf Arbeitnehmer, sondern gleichartig auf alle Erwerbstätigen (inklusive Selbstständi­gen) hochrechnet. Gerade die Selbstständigen stellen mit knapp 11 % einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland.

Aufgrund der Vielzahl von Versicherten aus technischen Berufen mit einer Mitgliedschaft in der TK, die in der Regel un­terdurchschnittliche Fehlzeiten mit der Diag­nose von Depressionen aufweisen, dürften die realen Fehlzeiten – und damit die Ausfallkosten – mit Depressionen in Deutschland eher noch höher liegen.

Die Gabe von Antidepressiva steigt deutlich, sowohl nach Personen als auch nach Tagesdosis.

Der Anteil der Erwerbspersonen, die Antide­pressiva erhalten haben, hat in den letzten dreizahn Jahren merklich angezogen, von unter 4 % auf knapp 6 %. Auch wenn der Prozentbetrag absolut niedrig scheint, ist das relativ immerhin eine Steigerung der Betroffenen um 50 %. Der Anstieg betraf übrigens Männer und Frauen in ähnlichem Maße.

Zugleich ist die Zahl der definierten Tagesdo­sen (TD) an Antidepressiva  von 2000 bis 2013 erheblich angestiegen. Während je betroffene Person (geschlechtsübergreifend) im Jahr 2000 erst 106 TD verordnet wurden, lag dieser Wert 2006 bei 159 und 2013 schließlich bei knapp 214 TD. Ein Betroffener erhielt also im Jahr 2013 durchschnittlich etwa doppelt so viele Tagesdosen wie eine betroffene Erwerbsperson im Jahr 2000.

Insgesamt zeigt sich hier eine beunruhigende Tendenz. Auch wenn man von mehr Betroffenen ausgeht: Wieso sollte eine Therapie mit Antidepressiva an sich heute doppelt soviele Tagesdosen erfordern wie vor dreizehn Jahren? Vielleicht sind die Depressionen heute tatsächlich schwerwiegender als noch vor dreizehn Jahren. Oder es wird zunehmend auf flankierende Psychotherapie verzichtet und rein auf Medikamente gesetzt. Dazu würden auch die langen Wartezeiten passen, von denen viele Patienten berichten. Solange man keinen Therapieplatz bekommt, will man eben irgendwie handlungsfähig bleiben und greift auf eine „Grundsicherung“ durch Medikamente zurück.

Photo © kallejipp / photocase.de

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