New Work: Haltung schlägt Methode

Neulich bei einer Technologie-Konferenz. Alles sehr gediegen, Häppchen, Anzugträger, Entscheider-Ebene. Normalerweise nicht die Art Veranstaltung, bei der man offene Worte erwarten würde. In einer Pause mache ich Smalltalk mit einem Geschäftsführer. Wir reden über dies und das, ich erzähle ein wenig von New Work, was ich daran gut finde und wie ich versuche, den New Work – Gedanken in Unternehmen reinzubringen.

Ganz plötzlich kippt das Gespräch und wechselt von Smalltalk zu einer persönlichen Ebene. Er fände diese New Work – Sache ja auch gut, aber den Kunden, den Kunden interessiere das doch gar nicht. Hauptsache, „die Maschine läuft“. Zu welchem menschlichen Preis das passiere, sei schlichtweg egal. Die Vokabel „beschissen“ fällt und andere Bezeichnungen, die man normalerweise in einem solchen Setting nicht rauslässt. Aber anscheinend hat das Thema etwas in meinem Gesprächspartner angestoßen, hat für einen Moment den Graben zwischen seiner persönlichen Vorstellung von „guter Arbeit“ und der „rauhen Wirklichkeit“ erhellt.

Ich habe ihm zum Schluss mein New Work – Buch empfohlen – nicht, weil ich hoffe, dass er mich für eine Beratung reinholt (das mag der Leser nun glauben oder nicht), sondern weil dort auch Einiges steht zum Menschsein in der Arbeit, zur persönlichen Entwicklung und zur Selbstreflexion. Denn immerhin war am Tisch ja echte Not zu spüren, und ich wollte ihn nicht ohne kleine Hilfestellung verabschieden. Das Gespräch hat mir jedoch wieder Einiges über New Work bestätigt:

1. New Work ist keine Tool-Sammlung, sondern eine Haltung

Ja, es gibt viele (neue) Tools, die man dem New Work zurechnen kann: Design Thinking, Scrum, verschiedenste interaktive Workshop-Formate, neue Führungskonzepte und und und. Doch ein reines Tool würde meinem Gesprächspartner nicht weiterhelfen. Man stelle sich vor, in einem menschenverachtenden Setting würde nun Design Thinking als neuer „heißer Scheiß“ ausgelobt, mit dem man noch härtere Kundenforderungen noch effizienter bzw. kreativer erledigt. Würde das die unterliegende Betrachtung von Menschen als „Maschinen mit Nahrungsbedarf“ ändern? Nein. Das New Work – Tool (oder der New Work – Berater!) machte sich nur zum Werkzeug der inhumanen Dynamik.

2. Pioniere müssen aus dem System ausbrechen

In der Psychologie kennt man das Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“: Zehn Leute stehen in der Fußgängerzone um einen Verletzten und niemand greift ein – weil niemand ins Risiko der Wahrnehmung durch die Gruppe gehen will. Übertragen aufs Business heißt das: Einzelne Unternehmen müssen als Erstes ins Risiko gehen, New Work ausprobieren und aus der Dyanmik „Umsatz um jeden Preis“ ausbrechen. Funktioniert das über schicke neue Tools? Nein. Das hieße lediglich Verfeinerung der Prozesse innerhalb der alten Denkstruktur. Gefragt ist vielmehr eine persönliche Haltung (siehe oben), Souveränität und Mut, den bisherigen Pfad zu verlassen, auch Aufträge zu riskieren und seine Wertschöpfung nicht nur finanziell zu formulieren.

3. New Work – Berater sind eigentlich Coaches

Auch konventionelle Unternehmensberatungen springen nun munter auf den New Work – Zug auf. Was für mich Blödsinn ist: Wer gestern noch die Kosten-Axt ausgepackt hat, mutiert nicht über Nacht zum humanistisch orientierten New Worker. Profikiller werden ja auch keine Sozialarbeiter. Für die Arbeit mit meinen Kunden beispielsweise zählt gegenseitiges Vertrauen viel mehr als die Methode im Workshop. (Es wäre darum mal richtig spannend, eine Master- oder Doktorarbeit über die echten Wirkfaktoren einer New Work – Beratung zu verfassen.) In der Therapie, aber auch im Coaching gibt es die „therapeutische Beziehung“, das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Coach und Coachee. Dieses ist bis zu einem Drittel für das Coaching-Ergebnis verantwortlich. Hier liegt auch der Unterschied zwischen New Work – Beratung und klassischer Unternehmensberatung: Einem klassischen Berater muss ich nicht vertrauen. Der zieht seine Modelle und seine Benchmarks durch. Das kann ich als Unternehmen glauben oder nicht – eine Sache des Vertrauens ist das nicht. Bei New Work sieht das anders aus. Weil ich als Unternehmen ausgetretene Pfade verlasse und mich auf teilweise völlig neue Dinge einlasse, muss ich dem Berater auf einer menschlichen Ebene vertrauen können, muss seine Haltung spüren, seine Ehrlichkeit. Daher kann man New Work – Beratungen in Unternehmen durchaus mit Coaching vergleichen.

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