New Work: Nicht nur für Angela Merkel „Neuland“

Macht euch mal den Spaß und googelt „New Work“ und „Europawahl“. Unter den Suchergebenissen auf der ersten Seite (und auch weit dahinter) ist ein einziger echter Treffer auf einer Parteien-Homepage dabei. Und der ist ausgerechnet von der FDP:

Screenshot Google, 27.05.19

Nur die FDP besetzt „New Work“ als Begriff

Klickt man drauf, erörtern die Liberalen auf einer eigenen Themenseite drei Forderungen: „Flexibler Renteneintritt ab 60 Jahren“, „Flexiblen Arbeitsmarkt und Tarifautonomie verteidigen“ und „Bürokratiefreies Jahr für Start-Ups“. So weit, so erwartbar. Von echtem New Work, wie es beispielsweise unsere humanfy New Work Charta beschreibt, ist die FDP noch Lichtjahre weit weg. Aber immerhin: Die deutschen Liberalen nehmen schonmal das Stichwort auf und versuchen es mit Leben zu füllen. Und wenn man sich die Texte auf der Homepage dazu durchliest, fallen duchaus zustimmungsfähige Statements wie dieses:

Darüber hinaus setzen wir uns für ein Gesamtkonzept zum Empowerment für Erwachsene ein. Elemente dieses Gesamtkonzepts sind die Möglichkeit zur Um- und Neuqualifizierung, Hilfen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine effektive Schuldnerberatung und erforderlichenfalls psychosoziale Betreuung (zum Beispiel bei Suchterkrankungen). Notwendig ist es, künftig einfacher auch Grundfertigkeiten unserer Zeit (IT-Grundlagen, Englisch) fördern zu können und bei abschlussorientierten Umschulungen Bürokratie abzubauen, gerade um nachholende duale Berufsausbildungen zu erleichtern. Zudem sollten hierbei spezielle Regelungen gefunden werden, damit auch Menschen ohne berufliche Qualifikation die finanzielle Chance haben, Helfertätigkeiten hinter sich zu lassen.

Quelle: https://www.fdp.de/forderung/73-3

Ich sach‘ mal: Finde ich jetzt nicht so schlecht. Und dass die sich trauen, Begriffe wie Empowerment zu verwenden: Alle Achtung.

SPD: Nicht in der Lage, Arbeitsrealitäten anzuerkennen

Okay, versuchen wir es allgemeiner: Google-Treffer für „New Work“ und „SPD“: Eine Einladung der SPD Konstanz vom letzten Dezember, in der „new work“, aber in einer anderen Bedeutung, im Titel vorkam. Ansonsten: nüscht. Aber ein (sehr lesenswerter) Artikel von Felix Schwenzel zur kruden mentalen Programmierung der SPD in Punkto Arbeit:

[..] Andrea Nahles pflichtete ihrem ehemaligen Chef kürzlich bei, als sie sämtlichen Alternativen zur Lohnarbeit in einem einzigen Satz pauschal eine Absage erteilte: „Die SPD steht für ein Recht auf Arbeit – und nicht für bezahltes Nichtstun.“ Die Gestrigkeit der SPD ist natürlich nur eine Reflexion der Sicht, die die ­Mehrheit der Deutschen auf Arbeit hat [..]: Wer für seine Arbeit kein Geld bekommt, also keiner geregelten Lohnarbeit nachgeht, tut nichts und taugt nichts. Die Verlogenheit dieser Interpretation zeigt sich bei unserem Blick auf Arbeit, die nicht in Form von Lohnarbeit organisiert ist: Hausarbeit, Care-Arbeit oder zum Beispiel künstlerische Arbeit. Versuche, Haushaltsarbeiten wie Kindererziehung, Wäschewaschen, Putzen oder Kochen überhaupt als Arbeit sichtbar zu machen oder gar zu entlohnen, werden routinemäßig mit ökonomischen Argumenten abgebügelt. [..]

Quelle: https://t3n.de/magazin/nichts-neues-seit-paulus-muentefering-fuer-felix-247609/

Das deckt sich mit meiner These – die ich schon 2017 unter anderem hier vertreten habe -, dass die SPD bei ihrem Kernthema Arbeit weder Kenntnis noch Motivation darüber hat, wie man auf moderne Arbeit, Digitalisierung, Wissensgesellschaft etc. reagiert. Und wie das so ist in der Politik: Kein Thema => keine Relevanz => keine Wähler.

Dazu eine kleine Anekdote: Vor etwa zwei Wochen hörte ich zufällig ein Radio-Interview mit dem Nürnberger Bürgermeister-Kandidaten der SPD, Torsten Brehm. Auf die Frage, was sein Schwerpunkt als neuer Bürgermeister sei, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: Klimaschutz. Das ist ja okay, aber dafür wähle ich das Original: die Grünen. Sorry: Themaverfehlung. Die SPD schafft es übrigens generell nicht, ihr historische Kernthema Arbeit oder New Work aufzunehmen oder gar für ihre Wähler aufzubereiten.

CDU: Genauso schwach auf der Brust

Machen wir es kurz: „New Work“ und „CDU“ ergibt genau zwei relevante Treffer: einen auf der CDU-Homepage selbst. Da dachte ich zunächst: Hoppla, jetzt kommt was. Doch weit gefehlt. In einem längeren Text über „Megatrends“ hat man New Work eher lieblos irgendwo eingeordnet:

Ein Ansatz [..] sind die 12 Megatrends des Zukunftsinstituts: Konnektivität, Globalisierung, Gender-Shift, Individualisierung, Silver Society, Urbanisierung, Mobilität, New Work, Wissenskultur, Gesundheit, Neo-Ökologie und Sicherheit. Wie sich die Megatrends im Detail auswirken, lässt sich nicht genau berechnen. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen, welche Rahmenbedingungen wir im Hinblick darauf schaffen und welche Zukunftsbilder wir mit ihnen verbinden. 

Quelle: https://www.cdu.de/megatrends

Weitere Verlinkungen, Erörterungen, das Nutzen des Suchformulars: Fehlanzeige. Das zweite Google-Ergebnis führt zu einem Vortrag über „New Work und New Leadership“ (immerhin!) einer Kommunikationsberaterin bei einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrates. Ende Gelände.

Grünen, Linke, AfD, CSU: Null komma null

Bei den Grünen hatte ich etwas Hoffnung, dass da was kommt: Jung, alternativ, zukunftsorientiert. Ihr wisst schon. Leider wurde ich enttäuscht. „New Work“ und „Bündnis 90 / Grüne“ (in unterschiedlichen Variationen) erbrachte ESC-mäßige 0 („Null“) Treffer. Sicherheitshalber nochmal „New Work“ auf der Grünen-Homepage gesucht: Null Treffer. Genauso bei den Linken, der AfD und der CSU: Weder ein eindeutiger Link bei Google noch Ergebnisse für „New Work“ auf den Parteien-Homepages.

Fazit

Während das Interesse bei Fachleuten, Personalern, Unternehmen und Wirtschaftspresse über New Work langsam, aber stetig zunimmt, ist das Thema in den deutschen Parteien praktisch nicht existent. Genau deswegen ist die Zeit reif für Initiativen wie die New Work Charta, die auch für die Politik anschlussfähig ist – und die zum Beispiel Danyal Bayaz (MdB) von den Grünen und Thomas Sattelberger (MdB) von der FDP unterzeichnet haben.

Gerade in Deutschland stehen dieses Jahr ja noch Landtagswahlen auf dem Programm – eine Chance für die deutsche Parteienlandschaft, New Work als Thema zu erschließen. Helfen wir ihnen dabei.

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Ania Bakowski
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Ania Bakowski

Kleine Anekdote zu Andrea Nahles und bedingungslosem Grundeinkommen: Auf der Republica17 wurde sie danach gefragt-und ist ziemlich emotional geworden. Motzte irgendwas von: Ich wollte nie Geld von meinen Eltern, auf keinen Fall unterstütze ich sowas. Nachzulesen auch hier: https://www.zeit.de/karriere/2017-05/erwerbstaetigenkonto-andrea-nahles-bedingungsloses-grundeinkommen

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