Ohne Bildungsrevolution wird Deutschland abstürzen

Die Konzerne machen vor, was auf Deutschland zukommt: Radikale Stellenkürzungen, eine Abkühlung der Konjunktur und ein Paradigmenwechsel in den Qualifikationen der Belegschaft durch die Digitalisierung. Gabor Steingart hat das in seinem Morning Briefing unter dem bezeichnenden Titel „DAX-Konzerne feiern und feuern“ schön zusammengefasst:

BASF will bis 2021 rund 6.000 seiner weltweit etwa 120.000 Stellen streichen.

Die Deutsche Bank legt an sagenhafte 20.000 Arbeitsplätze die Axt an.

Bayer AG plant bis Ende 2021 ca. 12.000 Arbeitsplätze abzubauen. Das entspricht knapp zehn Prozent der eigenen Belegschaft.

Siemens restrukturiert seine Energiesparte, was für 2.700 Menschen den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten dürfte.

Ford möchte allein in Deutschland 5.000 Arbeiter von der Lohnliste nehmen.

Volkswagen ist dabei, 21.000 Stellen bis Ende 2022 zu kürzen. Bis 2023, so ein neuerlicher Beschluss des Vorstandes, sollen weitere 4.000 Jobs wegfallen.

Auch der Krisenkonzern Thyssenkrupp hat den Abbau von 4.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Das wären nur mit diesen Beispielen etwa 75.000 Arbeitsplätze – das entspricht der Einwohnerzahl von Bayreuth. Natürlich sind Konzerne große Tanker und der Mittelstand reagiert auf Krisen oft flexibler und einfallsreicher. Der nicht zu leugnende Fixpunkt hinter den Massenentlassungen bleibt jedoch folgender: Die Menschen werden nicht einfach mehr entlassen, weil es für sie keinen Job mehr im Unternehmen gibt. Sondern für den betreffenden Job braucht man bald überhaupt keinen Menschen mehr.

Das ist der Paradigmenwechsel, dem wir uns in Deutschland stellen müssen: Wir brauchen neue Qualifikationen und eine neue Bildungspolitik. Und dabei sollte man im beruflichen Bereich am besten auch gleich das „Weiter“ aus „Weiterbildung“ streichen. Bildung als langfristige Haltung und Aktion wird zum Grundfach jedes arbeitenden Menschen. Dafür brauchen wir schon in der Schule neue Strukturen und Lerninhalte:

  1. Vergleichbare Schulabschlüsse
    Dass sich die KMK der Länder nicht auf ein gemeinsames Abitur einigen kann, ist erbärmlich und ein erhebliches Hemmnis auf dem Weg zur mobilen Bildungesellschaft. Universitäten, Ausbildungsstätten und Arbeitgeber sollten sich auf einen einheitlichen Standard verlassen können, egal, ob jemand aus Berlin oder Bayern kommt.
  2. Zukunftsfächer
    In die Schulen sollten Fächer wie „Digitalisierung“ (nicht „Informatik“ als reines Programmierfach), „Wirtschaft für den Alltag“ oder „Gesundheit und Glück“ Einzug halten. Das alles auf dem Hintergrund einer Mischung aus Frontalunterricht und projektbasiertem, selbständigem Arbeiten.
  3. Aufwertung des Lehrerberufs
    In Finnland ist der Beruf des Lehrers ein Statussymbol; nur die Besten dürfen Lehramt studieren. Und bei uns? Holt man Quereinsteiger, die ja durchaus guten Willens sein können, aber von Didaktik keine Ahnung haben. Man schaut auf Lehrer herunter und benutzt sie als Fußabstreifer und Ersatz-Eltern, wenn man mit den eigenen Kindern nicht mehr fertig wird.
  4. Ein Schulabschluss für jedes Kind
    Jedes Jahr verlassen in Deutschland 50.000 Kinder ohne Abschluss die Schule. Die Bundesregierung sollte einen Fonds zur Verfügung stellen, um diese Kinder und Jugendlichen individuell nachzuschulen. 2025 sollte in Deutschland kein Kind mehr ohne Schulabschluss dastehen. Denn mit diesen Kindern verschenken wir auch ökonomisches Potenzial. Oder war da nicht was mit Fachkräftemangel?

Wir haben in Deutschland weder Rohstoffe noch sind wir digitale Pioniere. Wir sind eingeklemmt zwischen China, der Werkbank der Welt, und den USA, dem unangefochtenen Welt-Dominierer der Digitalisierung. Was bleibt uns da? Wir müssen die weltbeste Bildung bieten, sie exportieren und zuhause mit ihrer Hilfe wirtschaftliche Innovationen sowie eine handlungsfähige Gesellschaft kreieren.

Wir waren mal eine Nation der Dichter und Denker. Davon sind wir inzwischen meilenweit entfernt. Wenn wir uns darauf konzentrieren, innovative Bildung für alle, vom Kleinkind bis zum Junior-Professor, vom Straßenkehrer bis zum Ingenieur anzubieten, können wir mit unseren Ideen unseren Standort Deutschland sichern und auch Talente aus dem Ausland anziehen. Dafür braucht es aber eine Anstrengung, die für einzelne Unternehmen zu groß ist. Dafür braucht es politische Entscheider, die im Kopf jung geblieben sind und mit genügend Mut, sich gegen Lobbygruppen, Traditionalisten und Denkfaule durchzusetzen. Ansonsten ist von der vielgelobten „Industrienation“ Deutschland in zwanzig Jahren nichts mehr übrig.

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Markus VäthGiselheid Schulz-Ëberlin Letzte Kommentartoren
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Giselheid Schulz-Ëberlin
Gast

Wie wäre es, den Paradigmenwechsel zu denken, von Erwerbsarbeit zu einem bedingungslosen Grundeinkommen plus sinnstiftender Tätigkeit des Einzelnen? Wie wäre es, nicht von der Angst vor drohendem Arbeitsplatzverlust angetrieben zu werden, sondern davon, der Welt und den Menschen etwas zu geben, was nur ich so geben kann? Wie wäre es, über das gute Leben nachzudenken und das Tun auf das Sein zu gründen – und nicht umgekehrt?

„Wer mit der bitteren Abrechnung eines Ex-Insiders rechnet, irrt. Väths Buch macht Spaß und hilft weiter. Klare Empfehlung!

Human Resources Manager

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