Postmoderne Kakophonie

Es war ungefähr letzten Sonntag um 15.25 Uhr, als ich das Internet abschalten wollte. Nun ja, eigentlich nicht das Internet, sondern meinen Kopf. Denn der drohte zu explodieren: Paris, Syrien, Terror, IS, „totaler Krieg“ (!), Bomben, Blut, Terror, Terror, Terror.

Jedesmal, wenn etwas Großes passiert, am liebsten eine Katastrophe (Germanwings, Terror-Blutbad, Vulkanausbruch), the world goes viral. Von 0 auf 100 hypt sich der Globus in einen Kommunikationsrausch, die Timelines fließen über, Unterseekabel glühen. Alles hyperventiliert: die Medien, die Beteiligten sowieso, die weltweiten Betrachter, die Politiker (Mehr Überwachung! Jetzt! Zurückschlagen! Jetzt! Dritter Weltkrieg!). Es gibt kein Innehalten mehr; selbst die Schweigeminuten sind Teil der kommunikativen Inszenierung, werden getwittert, geliked, hinterfragt.

Ich selbst saß in einem Kunden-Meeting, und es war gerade echt knifflig, und keiner dachte an die Schweigeminute. Sollte uns das nachdenklich machen? Ist das nun moderne Anteilnahme: beschränkt auf zehn Sekunden Bedauern beim Radiohören im Auto? Und nicht, weil wir Barbaren wären, sondern weil schon das nächste Event aus dem Panoptikum des Hysterischen auf uns wartet. Ruhe wäre die brown bag, die man einem Hyperventilierenden vorhält. Wir haben unsere brown bag verloren. Sorry, Mitleid ist aus; das letzte ging vor einer Woche raus.

Und so ist es ja nicht nur im Großen, bei Terroranschlägen oder anderen Katastrophen. Auch im Kleinen gehen uns die kommunikativen Augen über. We are lost in Cyberspace, das erlebe ich bei mir selbst. Wie ein inkontinentes Kind versuche ich den Fluss der Buchstaben zurückzuhalten, der sich dann doch in meinen Bildschirm ergießt und nach unten wegscrollt. Vor ein paar Jahren schrieb ich: „Die Kathedrale der Stille in uns ist eingestürzt.“ Dieser Befund ist heute aktueller denn je.

Was folgt daraus? Wir müssen unsere brown bag wiederfinden, unsere Ruhe. Wir müssen im wahrsten Sinne des Wortes „zur Besinnung kommen“, denn von alleine wird sie sich nicht zu uns bequemen. Die mediale Dimension von Paris ist nur eine Chiffre für den gigantischen kommunikativen Orgasmus, der das Netz und uns erfasst. Für die Welle, auf der wir mitmailen, mittwittern, mitliken. In den 90ern gab es den Werbeslogan: „Reduce to the max!“ Das sollten wir uns auf die Fahnen schreiben. Damit weniger geplappert und mehr gedacht wird. Damit wir die Kathedrale der Stille in uns wieder aufbauen. Damit auch das Leid in der Welt nicht nur seine Stimme bekommt – sondern auch seine Stille.

Photo © Niels Roza

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