Kürzlich ist mir klargeworden, wie dumm der Facebook-Algorithmus ist. Dabei ging es um die sogenannte „Target Audience“, also das gezielte Erreichen von interessierten Lesergruppen und damit das Erhöhen der Relevanz. Hätte ja Vorteile für beide Seiten: Der Postende könnte seine Postings klarer verteilen und der Leser hätte mehr relevante Postings in seiner Timeline. Win-win, jubelt der seiden behemdete Unternehmensberater und reckt die Arme.

Vordergründig geht es dem Facebook-Stream um Relevanz, es will dem Nutzer Posts zeigen, von denen angenommen wird, dass sie in irgendeiner Form relevant sind. Aber mit echter Relevanz hat der Facebook-Algorithmus soviel zu tun wie das Malen eines Picasso mit dem Melken einer Kuh. Relevanz ist laut Wikipedia „eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes.“ Facebook hingegen füttert die Nutzer mit Posts, die beispielweise oft geliked oder geteilt werden. Als ob massenmäßige Zustimmung ein Gradmesser für intellektuelle oder emotionale Relevanz wäre. Da könnten sie bei Facebook auch gleich Leni Riefenstahl als Algorithmen-Prgrammierer einstellen, als GroMM (Grandmaster of Mass Manipulation).

Facebook verwechselt mit seinem Algorithmus die eigene Spielwiese mit der Welt. Es lebt im Universum der sozialen Zustimmung. Aber es sind eben nicht nur Katzenbilder, die getauscht werden, sondern politische Statements, echte Skandale und falsche Hoaxes. Es geht um die eigene mentale Konstruktion der Welt. Und da zählen ganz andere Relevanzkriterien. Etwas als relevant für das eigene Leben oder die eigene Arbeit erkennen heißt, ihm den gebührenden Platz im Koordinatensystem der Informationen zuzuweisen. Das kann eine winzige Scherbe im gesplitterten Spiegel der Infoflut sein. Die ginge bei Facebook vielleicht unter, aber im Kontext des Einzelschicksals hat sie enorme Bedeutung.

Deshalb kann ein Computer Relevanz nur schwer erkennen. Relevanz geschieht im Deutungsraum des Individuums, nicht in der Masse eines digitalisierten Infostroms. Menschen erkennen und verleihen Relevanz, Computer stellen höchstens die Infrastruktur zur Verfügung, das Fenster in eine Welt, die sie nicht verstehen. Nicht verstehen können. Denn die Bedeutung, die Relevanz, die „Gestalt“ einer Information ist unabhängig von der Relevanz für die Masse. Wer Relevantes lesen will, sollte den Facebook-Stream verlassen.

Photo © Kat Reid | freeimages.com

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Christoph Schlachte
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Christoph Schlachte

Das erinnert mich an Teile vom Buch „Ego“ von H. Schirrmacher. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ego:_Das_Spiel_des_Lebens

Wir werden nur noch mit dem „informiert“, was das System meint, dass wir wissen sollten. Da liegen natürlich Chancen zur Manipulation.

Vertrauen wird immer mehr zu einer „Währung“. Welchem System können wir trauen?
Damit Transparenz: Warum bekomme ich diese „Posts“ und andere nicht? Was sind Kriterien und kann ich die beeinflussen?

Grüße, Christoph

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