Resilienz: Sinnvolle Tugend oder Alibi-Veranstaltung?

Resilient sein, wiederstandsfähig sein. Das hat doch einen guten Klang, finden Sie nicht? Die Stürme des Lebens meistern, so ein bisschen wie in der Bierwerbung: der Typ mit dem kantigen Gesicht und dem Dreitagebart steht am Strand, der raue Nordwind bläst ihm ins Gesicht, doch er macht sich nichts draus und lächelt versonnen… hach, schön.

„Resilienz“ ist ursprünglich ein Begriff aus der Materialwissenschaft und definiert die „Fähigkeit eines Materials, nach einer elastischen Verformung in den Ausgangszustand zurückzukehren“. Das Rohr biegt sich, knickt aber nicht. Stichwort Bambus statt Eiche. Übertragen auf den Menschen bedeutet Resilienz eine psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress, Krisen, Veränderung oder Krankheit. Resiliente Menschen haben sozusagen ein intaktes „geistiges Immunsystem“. Von daher klingt individuelle Resilienz natürlich erstmal gut. Und sie ist es auch. Die Frage lautet nur: Muss man sie stärken?

Resilienztrainings boomen, ebenso die Ratgeberliteratur. Es gibt Coachings für mehr Resilienz – auch hier bei MENSCH & CHANCE. Wenn ich gegen Resilienz-Coachings anschreibe, diskreditiere ich mein eigenes Geschäftsmodell. Oder etwa nicht?

Für mich gibt es drei Fälle, in denen ein Mensch seine Resilienz verbessern will. In zwei Fällen rate ich davon ab; nur in einem Fall halte ich Resilienztraings oder -coachings für gerechtfertigt.

  1. Resilienz als Selbstoptimierung. Meiner Meinung nach sind 90 – 95 % aller Menschen grundsätzlich ausreichend resilient. Wir bringen von Natur aus eine natürliche geistige Stärke mit, die für eine Vielzahl von Veränderungen und das Aushalten von Leid ausreichend ist. Beispielsweise sind die psychische Funktion des Vergessens und die leider diskreditierte Funktion der Verdrängung äußerst hilfreich, wenn es um die Erhaltung der Resilienz geht. Allerdings gibt es Kunden, die noch resilienter sein wollen als sie es ohnehin schon sind; ich nenne sie die Selbstoptimierer. Ich rate hier meist von einem Resilienzcoaching ab – vor allem, da hinter dem Wunsch nach größerer Stärke meist ein anderes, tieferes Bedürfnis steckt. Ein Resilienzcoaching wäre hier wie neue Farbe auf eine morsche Mauer aufgebracht. Sieht gut aus, löst aber nicht das Problem.
  2. Resilienz  zur Krisenbewältigung. In 5 – 10 % der Fälle haben wir es mit einem echten Resilienzdefizit zu tun, meist ausgelöst durch ein Trauma oder eine lange belastende Lebenssituation. Hier machen Resilianz-Coachings oder -Trainings Sinn, da wir eine tatsächliche Fähigkeit aufbauen wollen, wie einen Muskel, den man ab und zu braucht. Doch resilient sein bedeutet hier: sich seinem Schicksal stellen. Mit ein bisschen Atemübungen und Coaching-Zielen kommt man nicht weit; es geht um existenzielle Erschütterungen und Heilungen, sorgfältig, behutsam, ohne Brechstange oder falsche „Macher“-Mentalität.
  3. Resilienz als Alibi-Veranstaltung. Hierunter fallen Resilienz-Trainings oder -Coachings, die von Unternehmen gebucht werden, um sich aus der Verantwortung für strukturelle Veränderungen zu stehlen. Wie gesagt, sind ca. 90 – 95 % der Mitarbeiter im Grunde resilient genug. Doch nicht selten machen die Arbeitsbedingungen sie krank. Hier offenbart sich übrigens die wohlfeile Lüge vom „Menschen im Mittelpunkt“: Wäre dem so, würde man Prozesse und Kommunikationen um den Menschen herum bauen – und nicht umgekehrt. Der Mensch ist lediglich ein Produktionsfaktor, der Kosten verursacht – wie ein Motor. ist der Motor kaputt, wird er repariert. Ist der Mensch kaputt, bekommt er ein Resilienz-Training. Damit die Personalabteilung auch mal Geld ausgeben kann für ein Thema auf der Höhe der Zeit.

Im seltenen Fall 2 hat Resilienz als Konzept und Methode durchaus ihre Berechtigung. In den Fällen 1 und 3 halte ich Resilienz-Trainings oder -Coachings für unangebracht. Menschen sind schlau und stark genug für ihr Leben. Und Prüfungen gehören dazu. Dass die Arbeitswelt teilweise kirre ist – selbstverständlich. Doch mit der manchmal fast schon mantraartigen Wiederholung von Resilienz als psychischer Wunderwaffe werden wir hier keine Blume schießen.

Photo © FreeImages.com / Audrey Johnson

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Christoph Schlachte
Gast

Ein interessanter Beitrag von einem Anbieter zu Lösungen im Bereich der „Resilienz“. Ich finde den „Boom“ um Resilienz Trainings ebenfalls sehr fragwürdig. Da ich mich mehr mit Organisationen beschäftige, sind da aus meiner Sicht gute Fragen: „Wie kommt es zu der Annahme, dass Resilienz Trainings eine gute Maßnahme wäre? Welche Probleme sollen so gelöst werden? Wie entstehen diese Probleme aus Sicht der Beteiligten und Beobachter? Was können gesunde Mitarbeiter in gesunden Organisationen realistisch leisten? Welche Optionen gibt es für die Organisation die Probleme anders und nachhaltiger anzugehen?“ Spannend auch die Frage an Trainer (und Nachfrager nach diesem Thema), die eine… Weiterlesen »

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