Rezension: Burkhard Schwenker, Europa führt!

Die Finanzkrise hat die Welt erschüttert, und allgemein wurde und wird der Ruf nach Konsequenzen laut. Nach Regulierung von Finanzdienstleistungen, nach Regeln und einer neuen Genügsamkeit nach der scheinbar rasenden Gier nach Geld.

Auch beim Thema Führung und Management setzt man neue Akzente. So hat Burkhard Schwenker, Chairman der Beratungsgesellschaft Roland Berger, ein Buch über das Scheitern des amerikanischen Management-Modells geschreiben: Europa führt! Plädoyer für ein erfolgreiches Managementmodell. Sein Werk, so Schwenker, sollte „auf einem Mittelstreckenflug“ lesbar sein – womit die Zielgruppe bereits abgesteckt wäre. In der offiziellen Kurzbeschreibung liest sich das so:

„[..] Europa führt! Denn zu den Stärken Europas gehört die Leistungsfähigkeit seiner Unternehmen. Dazu kommt die Art, wie sie geführt werden. Europas Unternehmen setzen sich zunehmend von ihren globalen Wettbewerbern ab. Sie wachsen schneller, sind langfristig profitabler, sind internationaler. Genau hier setzt eine zentrale Frage dieses Buches an: Machen wir es in Europa nur besser, oder gibt es einen spezifischen Weg einer überlegenen europäischen Unternehmensführung, der den neuen Herausforderungen besser gerecht wird?

Autor Burkhard Schwenker ist sicher: Wir Europäer sind hervorragend gerüstet, uns der Zukunft erfolgreich zu stellen – mit unserer langfristigen Orientierung, gerade auch, was Beschäftigung betrifft, mit einer stärkeren Verankerung unserer Unternehmen in der Gesellschaft, mit einem breiteren Verständnis von Unternehmenserfolg und vor allem mit unserer humanistischen Bildung, die notwendig ist, um Urteilsfähigkeit in komplexen Situationen zu erlangen.“

Schwenker geißelt das sich immer schneller drehende Rad in der Gesellschaft, Flexibität, Burnout, Hetze, die kurzfrisitge Gewinn-Orientierung. Insoweit eine aus meiner Sicht folgerichtige Kritik. Was irritiert, ist die Person des Mannes, der sie ausspricht. Dieser Widerspruch wirft Fragen auf.

Bislang lebten die großen Beratungen inklusive Roland Berger doch sehr gut vom globalen, Shareholder-getriebenen Kapitalismus. Und jetzt wird umgeschwenkt, quasi nach einer Vollbremsung auf der Management-Autobahn? Ein Gedanke drängt sich immer wieder auf: Wieso bläst jetzt jemand in das Horn von Mäßigung, Werte-Orientierung und langfristiger Rendite, der bislang sehr gut von der Kurzfristigkeit, der Maßlosigkeit und der Hybris der Manager gelebt hat?

So schreibt Schwenker: „[..] Selbstüberschätzung, Arroganz gepaart mit Gier und fehlendes Interesse für das große Ganze waren sicher Schlüsselauslöser, aber auch das dahinter stehende Management-Modell: der unkritische Glaube an die Leitfunktion der Kapitalmärkte, willfährig akzeptierte Rendite-Anforderungen, eine zu starke Simplifizierung [..], mangelndes Risikobewusstsein [..], kurzfristiges Optimierungsdenken und vor allem – Mainstreaming.“ (S.70)

Das sind alles gute und richtige Punkte, doch aus dem Mund eines Mainstream-Unternehmensberaters wirken sie künstlich, wenig glaubwürdig. Man fragt sich, was passiert, wenn in 20 Jahren das europäische Modell – wofür das auch immer stehen mag – scheitert. Erscheint dann das nächste Buch, nur dann mit Lobeshymnen auf den anglo-amerikanischen Raubtier-Kapitalismus?

Fazit
Schwenker identifiziert gute und richtige Punkte, die wir Europäer als kulturelle und Wirtschaftsmacht in die Waagschale werfen können: eine (noch) solide Bildung, die regionale Verwurzelung gepaart mit großer Offenheit für internationale Beziehungen, das zupackend Handwerkliche. Wem bisher der Name Burkhard Schwenker nichts sagte, der kann sich das Buch als eine leichte, durchaus inspirierende Lektüre in Sachen „Erfolgsstrategien für Europa“ zulegen. Ich persönlich war von den neuen Tönen gerade aus seinem Mund zwar irritiert; das ändert jedoch nichts an deren grundsätzlicher Richtigkeit.

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Stefan Wehmeier
Gast

THEOLOGISCHE DEBATTEN DES MITTELALTERS „Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten. …Die Schaffung von Reichtum ist durchaus nichts Verachtenswertes, aber auf… Weiterlesen »

babbi
Gast
babbi

Tja ich denke die Amis arbeiten eh anders als wir Europäer. Leider bekommen die Top Manager dort mehr Geld für weniger Leistung. Die haben oft auch sehr merkwürdige Meßmethoden…

"Mit das Beste, was ich je zu Beratung gelesen habe!"

"Auch wenn ich kein Berater bin, habe ich das Buch mit Gewinn gelesen."

28,99 EUR (Print + eBook) || 22,99 EUR (eBook)