Rezension: „Die Burnout-Lüge“ von Martina Leibovici-Mühlberger

Um den Wert dieses Buches zu erkennen, musste ich über zwei Hürden hinweg: den Titel und die ersten fünfzehn Seiten. Der Titel hatte – zumindest mir – suggeriert, die Botschaft sei: Es gibt sowas wie Burnout gar nicht, sondern sei eine Erfindung, eine Hülle ohne Substanz. Doch das meint die Autorin gar nicht. Burnout gebe es sehr wohl, er habe nur bislang wenig beachtete Ursachen. So weit, so gut. Zum zweiten schlägt die Autorin auf den ersten Seiten einen provozierenden, fast schnoddrigen Ton an, der mich Schlimmes befürchten ließ. Doch dieser tritt bald zurück zugunsten einer klaren, präzisen, offensiven Analyse des Phänomens „Burnout“ aus medizinisch-psychologischer Sicht. Dabei gelingen ihr teilweise originelle Wortschöpfungen wie „Psychoschlamm“ oder „Seelenkrebs“.

Die Botschaft des Buches (das man zum Beispiel hier bei Amazon bestellen kann) lässt sich wie folgt zusammenfassen: Burnout ist real, seine Ursachen liegen jedoch nicht im Arbeitsleben oder einer „ungünstigen“ Persönlichkeit, sondern a) in einer zunehmenden Entremdung des Menschen von sich selbst und einer damit verbundenen Sinnleere, b) einer postmodernen, individualistisch-egozentrischen Geisteshaltung und c) der kapitalistisch-konsumversessenen Gesellschaft. Diese Mischung interagiere immer heftiger miteinander. Burnout-Betroffene seien damit nur die Symptomträger einer kollektiv kranken Gesellschaft:

„Unsere heutige vorliegende Burnout-Gesellschaft ist der auf die Eskalationsspitze getriebene Konflikt zwischen dem Primat des zivilisatorisch begründeten ökonomischen Prinzips und unserer biologischen Natur. Und immer mehr von uns scheitern an der Verneinung des Menschlichen in uns – das nennt man dann Burnout.“ (S. 184)

Die Gegenstrategie beschreibt die Autorin mit den Schlagworten „Love“, „Work“ und „Pray“. Damit ist keine esoterische Selbsterkundung gemeint, sondern eine Grundhaltung, die sich niederschlägt in der positiven Gestaltung von Beziehung, in einer (subjektiv) sinnerfüllenden Arbeitsaufgabe und in einer reflexiven und, wenn man so will, spirituell-religiösen Welt- und Seelen-Erforschung.

Die Stärke des Buches liegt in der Betonung des Sinnaspektes für die menschliche Existenz – ein Umstand, den bereits der große Viktor Frankl in seinen Werken herausgearbeitet hat. Sinn – beruflich oder auf anderem Gebiet – gibt Halt und Orientierung. In gwisser Hinsicht erweitert die Autorin die Burnout-Debatte damit um einen neuen Aspekt (genau wie ich das mit „Feierabend hab‘ ich, wenn ich tot bin“ versucht habe). Bei ihr geht es um die Sinn-Dimension, bei mir um die neuropsychologische und strukturelle Komponente des Burnout-Mechanismus.

Gegen Ende des Buches kann ich der Autorin allerdings nur bedingt folgen. So stellt sie die heutige Gesellschaft, vor allem die jüngere „Generation Y“ als radikal egozentrisch und konsumgeil dar. Dagegen steht zum Beispiel, dass der Anteil der ehrenamtlichen Mitarbeiter an der Gesamtbevölkerung zumindest in Deutschland seit Jahren konstant bleibt (36 %). Oder dass 2009 71 % aller Deutschen in Vereinen, Parteien etc. organisiert waren (1999: 66 %). Es gibt in der Gesellschaft also durchaus einen Trend entgegen der egoistischen Einkapselung.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch; es erweitert die Burnout-Debatte um die Frage nach einem sinnvollen Leben und legt den Finger in die Wunde gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Vor allem das Konzept des „Love, Work, Pray“ überzeugt durch seine schlichte Eleganz und die leichte Übersetzbarkeit in das Leben des Einzelnen.

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