Rezension: „Die Psychofalle“ von Jörg Blech

„Die Inflation der psychischen Diagnosen ist zu einem Megatrend der Gesellschaft geworden. Soziale Probleme wie Erschöpfung im Beruf, Jobverlust, ständige Erreichbarkeit, Erziehungskonflikte und mangelnde Förderung werden als psychische Störung dargestellt. Unsere Gesellschaft lädt ihre Sorgen gleichsam auf die Couch des Therapeuten und reicht noch einen pharmakologischen Stimmungsaufheller dazu.“

So beginnt „Die Psychofalle“ von Jörg Blech – ein Buch, das sich drei sehr wichtigen, Besorgnis erregenden Phänomen der Moderne widmet:

  • Von der „Norm“ abweichendes Verhalten wird zunehmend pathologisiert und als behandlungsbedürftig eingestuft. Die Neuausgabe der „Psychiatrie-Bibel“, das DSM-V, enthält eine Fülle neuer, teilweise auhc für den Fachmann haarsträubender neuer Störungen, die im Grenzbereich zwischen normal und tatsächlich behandlungsbedürftig lauern. So ist man beispielsweise bereits behandlungsbedürftig, wenn man länger als zwei Wochen um einen geliebten, verstorbenen Menschen trauert. In diesem und anderen Beispielen zeigt sich eine neue Weltfremdheit bis hin zur Menschenverachtung.
  • Die „neuen Kranken“ sollen selbstredend nicht mit Psychotherapie oder sozialer Integration geheilt werden, sondern mit Psychopharmaka. Auch hier gilt: Für alles gibt es eine Pille. Jörg Blech zeigt an vielen, gut recherchierten Beispielen auf, wie sich wichtige und unwichtige Vertreter des Psychiatrie-Faches (Nervenärzte, Verbandsfunktionäre, Klinikdirektoren etc.) von der Pharmalobby kaufen lassen und ihre fachliche Unvoreingenommenheit damit an der Garderobe abgeben.
  • Im Grunde wälzt die Gesellschaft soziale Probleme, die sie selbst lösen muss, auf den Einzelnen ab – ein Umstand, den ich bereits in der Burnout-Debatte an verschiednen Stellen diskutiert habe, nicht zuletzt in meiner ausführlichen Burnout-Analyse. Diese Dynamik stellt die dunkle Seite des Selbstoptimierungswahnes dar, der unsere Gesellschaft im Griff hat. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – aber nach heutiger Lesart eben auch der Schmied seines Unglücks. Pech gehabt.

Auch wenn man sich schon länger mit der Thematik beschäftgit, ist man ob der Dichte der geschilderten Skandale rund um manipulierte Studien, skrupelloser Lobbyarbeit und konstruierter Störungen (ADHS!) doch wieder schockiert. Dabei betont der Autor immer wieder, dass es selbstverständlich sehr wohl ernsthafte psychische Krankheiten gibt, die psychiatrischer und pharmakologischer Hilfe bedürfen. Doch ihm geht es mehr um die „Ausweitung der Kampfzone“, um die vielen Etiketten und angeblichen Behandlungsbedürftigkeiten, die vom medizinischen Apparat wohlfeil ausgestreut – und von den heutigen Menschen ebenso begierig aufgesogen werden. Hauptsache: Diagnose.

Schließlich widmet sich Jörg Blech den Auswegen aus dieser „Psychofalle“ und kommt auf den Dreiklang: Bewegung, Meditation, soziale Kontakte. Diese drei Faktoren würden langfristig das Gehirn gesund erhalten sowie die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden steigern. In dieser Verkürzung mag das banal klingen, doch Blech führt vor allem den belegbaren, klinischen Nutzen der Meditation aus. Und nur weil etwas auf den ersten Blick einleuchtend erscheint, muss es nicht falsch sein. Im Gegenteil. Nur verdient Big Pharma daran halt nichts.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, dessen 270 Seiten sich schnell und leicht lesen lassen. Für den psychologischen Fachmann bringt es zwar nichts Neues, doch der Laie kann sich daraus eine sehr gute Zusammenfassung ziehen, aus welchen völlig normalen Phänomenen der menschlichen Entwicklung (Kindheit, Adoleszenz, Trauer, Menopause etc.) die Pharmaindustrie und übereifrige Psychiater irgendwelche Störungen ziehen wollen.

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