Samsung sitzt in der Beschleunigungsfalle

Bild eines Mannes, der ein Smartphone hält

Ich hatte schon viele Telefone in der Tasche, auch im Flieger, aber noch nie wurde wegen mir ein Flugzeugstart abgebrochen. Das hat erst ein Flugpassagier in den USA geschafft, dessen – bereits getauschtes – Samsung Galaxy Note 7 in der Kabine Feuer fing – woraufhin das Flugzeug geräumt werden musste. Mittlerweile ist die Samsung-Story der brennenden Akkus global bestens aufbereitet. Das Unternehmen hat den Verkauf aller Galaxy Note 7 – Smartphone gestoppt und ist mittlerweile so verzeifelt, dass es seine Kunden aufruft, ihr Galaxy Note 7 auszuschalten und nicht mehr zu benutzen. Da bleibt nur noch die Verwendung als Türstopper oder Untersetzer, zumal die Produktion nun endgültig und dauerhaft eingefroren wurde.

Wo sind die Testergebnisse?

In dem ganzen medialen Aufbereitungsbrei darf man nicht vergessen, dass Samsung nach wie vor großartige Smartphones baut. Nur beim Note 7 haben sie anscheinend etwas überdreht und sind ein Opfer der „Größer, besser, schneller“ – Philosophie geworden. Ein Bekannter, seines Zeichens Ingenieur, hatte schon früh gemutmaßt, dass der Akku schlicht zu groß sei für den dafür vorgesehenen Platz im Telefon. Ein Verdacht, der sich nun zu bestätigen scheint:

Früheren Angaben der US-Verbraucherschutzbehörde zufolge könnte ein Grund für die Probleme beim ursprünglichen Note 7 gewesen sein, dass Akkus etwas zu groß für den Platz im Gehäuse geraten seien und es dadurch beim Einbau zu Kurzschlüssen in den Batterien kommen könne.

Ganz egal, welcher Grund für den Akkubrand letztlich gefunden werden wird: Wo sind die Ergebnisse der technischen Testläufe? Jeder Hersteller dreht seine Smartphones durch die Mangel und prüft sie auf Herz und Nieren, bevor sie verkauft werden. Gerade bei einem solchen Flaggschiff wie dem Note 7. Daher gibt es für mich drei Möglichkeiten: 1) Es wurde ausreichend getestet, aber kein Fehler festgestellt. 2) Es wurde ausreichend getestet und ein Fehler festgestellt. 3) Es wurde nicht ausreichend getestet.

Samsung ist Opfer des „speed train of death“

Fall 1 wäre der „Schwarze Schwan“: ein Fehler, auf den man nicht testet, weil er so ungewöhnlich oder selten ist, dass man ihn gar nicht auf dem Schirm hat. Fall 2 und 3 wiegen schwerer, haben doch beide mit mangelnder Sorgfalt und dem Sieg der Geschwindigkeit über die Qualität zu tun.

So wie ich die Samsung-Kultur kenne, legt man gerade in der koreanischen Zentrale viel Wert auf Geschwindigkeit. Der Consumer-Markt für Smartphones ist gnadenlos und die Kunden erwarten Innovationen in immer höherer Frequenz. Diese Hyper-Erwartungshaltung setzt die Konzerne unter Zugzwang, worauf diese den Druck an die Entwicklungs- und Vertriebsabteilungen weitergeben. Und irgendwo auf der Strecke dieses Hochgeschwindigkeitszuges, dieses „speed train of death“, der immer schneller fährt, hat man höchstwahrscheinlich ein rotes Haltesignal übersehen. Das kann ein Memo sein, ein Messwert oder die Bedenken eines Technikers in einem Meeting, die beiseite gewischt wurden. Sowas ist menschlich – nur leider im Fall Samsung mit fatalen Folgen.

Der Todeszug fährt überall

Praktisch jedes Unternehmen, das ich kenne, sitzt in diesem „Todeszug der Geschwindigkeit“. Manche freiwillig, andere nicht. Zeit wird zur Falle, zum Gegner, den man besiegen muss. Man überbietet sich mit absurd kurzen Projekt-Deadlines, telefoniert hektisch Mails hinterher, die man vor fünf Minuten losgeschickt hat oder lässt Mitarbeiter minutiös ihre Tätigkeiten protokollieren. Was für ein Schwachsinn! Das Ende vom Lied sind überreizte Mitarbeiter, genervte Führungskräfte, Projekte mit zahllosen „roten Ampeln“ und viele andere Ärgerlichkeiten mehr.

Deshalb müssen wir in Unternehmen das Innehalten wieder üben, das Entschleunigen. Ja, das klingt paradox und ist es auch. Viele Menschen in Unternehmen klagen, dass sie vor lauter Tun und Machen nicht mehr zum Denken kommen. In einer Gesellschaft der Wissensarbeiter ist dieser Befund nicht nur gesundheitsschädigend. Bei kritischen Produkten und Dienstleistungen wird das brandgefährlich. Wer Brücken, Sicherheitssoftware oder medizinische Scans zur Tumorerkennung herstellt, braucht einen klaren Kopf. Dafür benötigen wir weniger eine Kultur der Schnelligkeit als eine Kultur der Sorgfalt, die Fehler dynamisch korrigeren kann – bevor der Todeszug der Schnelligkeit das nächste rote Haltesignal überfährt und man irgendwo wieder einen globalen Rückruf startet.

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