Über Schweigekultur

Hier bin ich wieder. Stammleser meines Blogs haben sich gewundert, warum ich so lange keinen neuen Artikel mehr veröffentlicht habe. Der Grund ist einfach: Ich habe die letzten zwei Monate im Schaffenstunnel verbracht und ein neues Buch geschrieben. Das ist immer ziemlich anstrengend und bündelt meine komplette Konzentration, so dass ich „nebenraus“ keine anderen Texte schreiben kann. Aber jetzt ist das Manuskript abgeliefert, und die Herbstsaison mit Business as usual wartet. Von daher könnt ihr euch jetzt wieder auf knackige Kolumnen freuen. 🙂

By the way: Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, mich für mein Buch auf einer einsamen Insel einzugraben. Hätte ich das getan, ich wäre bei meiner Rückkehr wohl ins Schaudern geraten. Weggeflogen wäre ich aus einem politischen Sommerloch mit maximal ungeliebter Koalition, zurückgekehrt nach Nazi-Deutschland – jedenfalls, wenn man den Medien glaubt.Nur noch hyperventilierende Debatten allerorten – Ochsenfrösche, die sich aufpumpen. Ist etwa alles aus den Fugen geraten?

Nein, nicht alles. Ich schaue ich in meine Filterblase und bin beruhigt: Gott sei Dank, der Agilitätshype hält immer noch an. Wenigstens hier Konstanz. Es wäre echt anstrengend geworden, sich schon wieder in eine neue Management-Mode einarbeiten zu müssen. Ich hatte gerade „Flache Hierarchien“ verdaut, da kam „Agilität“ um die Ecke und verursachte mir erhebliches Magendrücken. Hätte ich jetzt schon wieder was Neues schlucken müssen, die Toilette wäre vielleicht mein neuer Freund geworden.

Die Themen Agilität und Nazis haben ja viel miteinander gemein. Erstens: Beides sind so Filterblasen-Themen, die wahnsinnig aufgeblasen werden, bis alle an die Spiegelung an der Innenwand ihrer Blase glauben. Zweitens: Beide Themen werden von oberflächlicher Diskussion beherrscht, da genügt mir ein kurzer Blick in meine Twitter- oder RSS-Timeline. Drittens: Es reden viel zu viele Leute mit, die keine Ahnung haben. Leben wir jetzt in Dunkeldeutschland? Weiß ich nicht, ich bin weder Terrorismusexperte noch Verfassungsschützer. Ist Scrum immer besser als klassisches Projektmanagement? Weiß ich nicht, ich bin kein Scrum Master. Und klassischer Projektmanager wurde ich durch Learning By Doing.

Von daher fände ich es bei den Themen Agilität und Nazis schön, wenn 90 Prozent der Leute, die sich zu Äußerungen berufen fühlen, einfach mal die Klappe halten würden und sich mit folgenden Fragen prüfen:

  • Halte nur ich mich für ein Geschenk Gottes an den Politik- bzw. Management-Diskurs in Deutschland – oder sehen das andere auch so?
  • Habe ich mindestens fünfzehn Minuten darüber nachgedacht, was ich gerade sagen / posten / twittern / mailen will?
  • Lasse ich Argumente der Gegenseite überhaupt an mich ran oder verlasse ich mich auf meinen Vorrat an Euphorie / Zorn / Moral / [beliebiges starkes Gefühl bitte einsetzen]?

Nähmen sich genügend Leute diese Fragen zu Herzen, würde sich der oberflächliche Pulverdampf so mancher Debatten lichten. Wir brauchen nicht nur eine neue Diskussionskultur. Wir brauchen eine Schweigekultur.

P.S. Apropos Schweigekultur: Ich habe meine Kommentarfunktion deaktiviert. Liegt also nicht an eurem Browser.

P.P.S. Auch aus Facebook bin ich raus. Und ich muss sagen: Ist eine Befreiung. Probiert’s mal aus.

 

 

 

 

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