Selbständigkeit = Selbstausbeutung ?

10 % der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland sind Selbständige. 1 von 10 – das ist nicht besonders viel, beispielsweise im Vergleich zu Frankreich. Nicht-Selbständige schauen auf Selbständige meist mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Sie projizieren ihre eigenen Hoffnungen und Ängste in eine Lebensform, zu der sie in der Regel selbst nicht den Mut haben. Heraus kommen dabei Sätze wie:

  • „Ihr Selbständigen habt es gut. Ihr könnt arbeiten, wie und wann ihr wollt. So ein Leben hätte ich auch gern.“ oder
  • „Ihr Selbständigen habt ja keinen Chef, das muss toll sein. Ich muss immer für irgendwelche Idioten arbeiten.“

Die andere Seite lautet dann:

  • „Diese Unsicherheit könnte ich nicht aushalten. Nie wissen, wieviel ich im Monat verdiene? Ohne mich. Da würde ich die Wände hochgehen.“
  • „Selbständig? Das steckt nicht umsonst ’selbst‘ und ’ständig‘ drin, haha.“

Tatsächlich: Selbständige gehen oft ans Limit. Inhaltlich und zeitlich. Ich kenne Selbständige, die darauf stolz sind, eine 70h-Woche zu haben, etwas „wegzuschaffen“. Und man kokettiert natürlich gleich mit der nächsten vollen Woche, um zu signalisieren: Schaut her, die Auftragsbücher sind voll. Viel zu tun, jaja.

Das Bild des Selbständigen, der sich selbst permanent ausbeutet, ist weit verbreitet. So macht die ZEIT gerade eine Serie über Selbständige: „Die Einzelkämpfer„. Schon der Titel der Serie impliziert, wie man Selbständigkeit versteht: Man ist allein, eben einzeln unterwegs. Und arbeitet auch nicht, nein, man kämpft. In diesem heroischen Zerrbild treffen sich die Wünsche der Presse nach dramatischer Berichterstattung mit der aufopfernden Haltung vieler Selbständiger, die glauben, eine Selbständigkeit sei gleichbedeutend mit immerwährender Arbeit. In diesem Sinne lauten auch einige Überschriften der Serie:

  • „Ich arbeite jeden Tag über elf Stunden.“
  • „Ich machte vier Wochen Urlaub. Das war ein Fehler.“
  • „Nur wer für seinen Job lebt, kann die Unsicherheit verkraften.“
  • „So ein Arbeitstag geht an die Substanz.“

Die Linie ist klar: Selbständige sind laut Schlagzeile Menschen, die ständig am Ball bleiben müssen, die nur noch zu arbeiten haben, da sie sonst Aufträge verlieren. Die Folge: keine Arbeit, kein Geld, Armut, Depression, Tod, Vernichtung. Die Berichte in der ZEIT reihen sich damit ein in die Versuche, die Bevölkerung zu verängstigen: Macht euch ja nicht selbständig! Nehmt euer Leben nur nicht selbst in die Hand! Es erwarten euch im besten Fall ein 12-Stunden-Tag mit einem Verdienst, der gerade zum Dahinvegetieren reicht! Diesen Medientrend habe ich bereits früher festgestellt.

Mal abgesehen von der Schieflage der Wahrnehmung: Ich halte die Tatsache, dass manche Selbständige wirklich nur noch für ihre Arbeit leben, für einen gefährlichen und unökonomischen Weg. Ich persönlich arbeite nicht an Wochenenden, habe Zeit für meine Familie und Freunde, pflege Hobbies und setze mich ab und zu unter der Woche in eine Cafe, wo ich entspannt Zeitung lese.

Das klingt provokativ – und so soll es auch klingen. Selbständige, die über längere Zeit 60 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten, machen meiner Meinung nach etwas falsch. Das Motto sollte lauten: Work smart, not hard. Natürlich muss man sich im Leben anstrengen, aber als permanenter Kampf ist die Arbeitsexistenz nicht gedacht. Und gerade für Selbständige ist es von immenser Bedeutung, Pausen und Entspannung einzulegen. Denn ihre Spannkraft und Energie kann nur dann hoch genug sein, wenn sie ihre Batterie auch entsprechend aufladen können. Für dieses Bewusstsein ist es darum nicht hilfreich, wenn Medien den „Alptraum Selbständigkeit“ an die Wand malen, den man angeblich nur dadurch „mildern“ kann, indem man sich den Hintern abarbeitet. Dies ist nämlich ein nicht auflösbares Paradoxon.

Darum: Den Medien wünsche ich etwas weniger Hysterie und Einseitigkeit, was die Berichterstattung über Selbständigkeit angeht. Und den Selbständigen den Mut zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance.

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rasmea
rasmea
9 Jahre zuvor

Ich kann nur das Buch die 4-Stunden-Woche empfehlen. Dort wird beschrieben wie man als selbstständiger nur ca. 4 Std. in der Woche arbeiten muss. Alle dort aufgelisteten Beispiele haben interessanter Weise etwas mit dem Internet zu tun…

weinja
weinja
9 Jahre zuvor

Ich kann nur sagen wer nicht wagt trinkt kein Champagner. 99% aller Menschen trauen sich nicht aus dem Job auszusteigen und alles auf eine Karte zu setzten. Man muss halt mumm haben…

Marc Messner
9 Jahre zuvor

Ein sehr Informativer Beitrag. Die Unzufriedenheit im Beruf ist keine Seltenheit mehr, daher sind wir sehr froh das es Business-Coaches gibt. In unserem Unternehmen, haben wir schon einige Business Trainer beschäftigt. Leider ohne Erfolg. Vielleicht ist es schlicht und einfach nicht mehr Möglich die Leute zum Arbeiten zu Motivieren.

Norbert Schneider
9 Jahre zuvor

Ich stelle fest, dass wir in Deutschland eine „Vollversorgungsmentalität“ haben. Diese wird uns von Eltern und Pädagogen anerzogen und verhindert, sich selbstständig um die eigene Existenz zu kümmern. So bleiben Talente ungenutzt, die Unzufriedenheit im ausgeübten Beruf wird gefördert und der Neid auf die tatsächlich selbstständig arbeitenden fällt auf fruchtbaren Boden.

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