Sind Bewerber nur ein sprechendes Stück Fleisch?

Diesen Eindruck bekomme ich manchmal, wenn ich Klienten durch ihren Bewerbungsprozess begleite. Ich sehe, wieviel Zeit, Energie und Hoffung da investiert wird. Wie am eigenen Profil geschärft wird oder am sicheren Auftritt. Wie sich meine Kunden bemühen, gegenüber den Unternehmen professionell und zuvorkommend aufzutreten.

Die meisten bekommen einfach eine auf die Zwölf:

  • Man lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern; der Bewerber weiß wochen-, manchmal monatelang nicht, woran er ist. Nicht mal ein simples „der Prozess läuft noch“ lassen sich einige Unternehmen abringen.
  • Man holt Bewerber mehrere hundert (!) Kilometer zu einem – lange vereinbarten -Vorstellungsgespräch, nur um ihnen bei der Begrüßung zu sagen, dass man heute leider nur zehn Minuten Zeit habe.
  • Man schickt sie durch die Hölle der Online-Bewerbungs-Eingabe-Formulare; wer solche Online-Masken erfunden hat, weiß, wie man quält. Das Sahnehäubchen: Nach 30 Minuten Dateneingabe fliegt man ohne Speicherung wieder raus („session timed out“).

Viele Firmen könnten sich den ganzen Employer Branding-Quatsch sparen, wenn sie ihre Bewerber anständig behandeln würden und nicht wie ein Stück Fleisch mit einer Gehaltsforderung. Dass man nach einer Absage kein Feedback mehr bekommt aus Angst, über das AGG verklagt zu werden: geschenkt. Aber ein Minimum an Professionalität sollte in einer Personalabteilung doch vorhanden sein.

Wissen eigentlich die Fachabteilungen, wie HR ihre möglicherweise wertvollen neuen Mitarbeiter verprellt? Wenn ja, sagt das Einiges aus über den angeblichen Fachkräftemangel. Dann kann er so schlimm nicht sein, ansonsten wäre es intern ja mal Zeit „to kick some ass“.

Natürlich gibt es auch Schrumpfleuchten als Bewerber, keine Frage. Aber für meine Klienten kann ich das nicht sagen. Das sind durch die Bank motivierte, qualifizerte Fach- und Führungskräfte. Die sprechen sogar Deutsch und geben die Hand. Aber was ich über die Jahre auch von denen  an Bewerbungsgeschichten mitkriege, von lächerlich bis schockierend, lässt mich an der Professionalität von Personalabteilungen erheblich zweifeln.

Es gibt das Modell „HR as a Business Partner“. Auf Deutsch: Die Personalabteilung soll verstehen, was die Fachabteilungen brauchen und mit Ihnen als Service Provider zusammenarbeiten. Dieses Modell könnte man einfach erweitern. Denn auch die Bewerber sind ein „Business Partner“ der Personalabteilungen, nur eben ein externer. Hier sollte man mal Qualitätsmaßstäbe entwickeln und durchsetzen, z.B.:

  • Wie lange dauert ein Bewerbungsprozess durchschnittlich, von der Stellenanzeige bis zur Besetzung?
  • Gibt es von Seiten der Unternehmen überhaupt einen definierten Bewerbungsprozess?
  • Wieviel verschiedene Kontaktpunkte muss ein Bewerber durchlaufen, bis er eingestellt wird (oder ein Absage erhält)?
  • Gibt es ein Feedback-Formular, in dem der Bewerber die Service-Qualität des Unternehmens bewertet? (Dass hier ein Bedarf besteht, zeigen Portale wie Kununu; nur da sammeln sich meist die Motzer und Unzufriedenen und reichlich konstruktiv ist diese Form der „Bewertungsrache“ auch nicht.)
  • Was passiert eigentlich mit den Bewerbungsunterlagen nach einer Absage (Datenschutz!)?
  • Werden Personaler überhaupt im Führen von Einstellungsgesprächen geschult? (Sowas lernt sich nämlich auch nicht von allein; Stichwort: psychologische Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler.)

Photo © Mike Johnson | sxc.hu

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Helge Weinberg
6 Jahre zuvor

Der Fachkräftemangel ist zum Teil ein Mythos. In manchen Regionen spielt er schon eine Rolle, in manchen Berufen ebenso. Überwiegend sind aber die Probleme der Unternehmen hausgemacht. HR hat oft nicht genug Leidensdruck, Prozesse zu verändern. Engpässe lassen sich immer leicht damit rechtfertigen, dass es so schwer sei, die geeigneten Kandidaten aufzutreiben. Der Fachkräftemangel sei schuld. Dass die eigenen Prozesse dafür verantwortlich zeichnen mögen, das ist immer noch in zu wenigen Unternehmen ein Thema.

Ralf
6 Jahre zuvor

Klasse geschrieben – Vielen Dank!

Verrückt wie nah der Bericht an der Realität dran ist, die ich über einen längeren Zeitraum persönlich verfolgt habe. Die professionell agierenden Unternehmen/Personalabteilungen lagen im einstelligen (!) Prozentbereich.

http://theservicerevolution.blogspot.de/2013/01/prozesspotential-im-uberfluss.html

PS.: Meine Leidenschaft ist Prozessverbesserung – und hier ist definitiv Luft nach oben (fast unbegrenzt).

Sini
Sini
6 Jahre zuvor

Wow, da reden Sie aber Tacheles. Mir gefällt Ihr Artikel unheimlich gut und er spiegelt meine Erfahrungen wider. Während meiner (gerade beendeten) 6-monatigen Arbeitslosigkeit habe ich diese alle Szenarien erlebt und war am Ende so frustriert, dass ich meine Personaler-Karriere an den Nagel hängen wollte. Danke, dass Sie es so auf den Punkt bringen.

onlinemeier
6 Jahre zuvor

„Ich sehe, wieviel Zeit, Energie und Hoffung da investiert wird. Wie am eigenen Profil geschärft wird oder am sicheren Auftritt. Wie sich meine Kunden bemühen, gegenüber den Unternehmen professionell und zuvorkommend aufzutreten.“ Ja, das kann ich ebenfalls aus eigener Erfahrung sagen. Pro Bewerbung zwei bis drei Stunden. Die Zeit der Recherche (E-Mails mit Jobanzeigen): pro Tag ebenfalls ca. zwei Stunden (kann auch mehr sein…). Arbeit am Profil. Sichtbar werden im Netz. Karriereberatungsblogs lesen und Anregungen verarbeiten. Etc. PP. // Der Text der letzten Absage: automatisierter Floskeltext. Auf Nachfrage, was denn „unternehmensspezifische Kriterien“ für die Absage seien (weil im letzten Satz… Weiterlesen »

Jasmin Mötefindt
6 Jahre zuvor

Danke, das auch mal die andere Seite beleutet wird!
Suche selber seit November einen Job und stoße immer wieder an diese Dinge. Manchmal frage ich mich, was Unternehmen noch wollen. Ich bin qualifiziert, habe Berufserfahrung, bin initiativ etc. So habe ich meine eigene Social Media Bewerbung 2.0 gestartet http://www.facebook.com/jobinwob oder auch mein Video https://www.youtube.com/watch?v=b_2Sclz_exM
Wenn Sie noch Tipps haben, ich bin offen für Chancenverbesserungen.
Jasmin Mötefindt

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