Sind Sie auch „erlernt hilflos“?

Wie kann man Burnout begrifflich einkreisen? Leicht ist das nicht. In der Literatur existieren über 50 verschiedene Definitionen von Burnout. Seit den Tagen Herbert Freudenbergers hat man hier keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Am leichtesten fallen noch die Symptombeschreibungen. Burnout verursacht verschiedene Formen körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Dabei reicht das Spektrum von Müdigkeit und Energiemangel (»leere Batterie«) über vielfältige Süchte und psychosomatische Beschwerden (Kopf- und Rückenschmerzen, Tinnitus etc.) bis hin zu Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Reizbarkeit und sogar Selbstmordgedanken. Symptomatisch gibt es starke Überschneidungen mit Formen der Depression und dem Konzept der sogenannten Erlernten Hilflosigkeit.

Es lohnt sich, einen Moment die Erlernte Hilflosigkeit genauer anzuschauen. Dieses psychologische Phänomen stellt in der Tat ein Grunddilemma des modernen Menschen dar. Ein Beispiel soll das verdeutlichen:

Man nehme einen Hund und bringe ihm ein Kunststück bei. Wenn er das Kunststück erfolgreich absolviert, bekommt er eine Belohnung. Das wiederholt man so oft, bis der Hund weiß: Wenn ich das Kunststück mache, kriege ich ein Leckerli. Das nennt man Kontingenzregel und ist ein wichtiger Bestandteil auch unserer menschlichen Lernfähigkeit. Auf gewisse Dinge im Leben muss man sich verlassen können, damit man sie nicht mehr überprüfen muss: Herdplatte = heiß. Wenn wir nämlich alles und jedes ständig auf seine Gültigkeit überprüfen müssten, kämen wir gar nicht mehr zum Leben. Bestimmte Dinge lernen wir und speichern sie ab – fertig. „Wasser ist nass, der Himmel ist blau, Frauen haben Geheimnisse“, wusste etwa schon Action-Star Bruce Willis.

Zurück zu unserem Hund. Nachdem er gelernt hat, dass er für sein Kunststück eine Belohnung bekommt, machen wir Folgendes: In unregelmäßigen Abständen belohnen wir den Hund nicht für sein Kunststück, sondern bestrafen ihn, zum Beispiel durch Schläge. (Die Hundeliebhaber mögen mir an dieser Stelle verzeihen. Mein Hund ist Gott sei Dank theoretischer Natur und hat außer dem Erdulden meiner Gehirnwindungen nicht viel zu leiden.) Was passiert? Der Hund ist verwirrt, er kann keine logische Verbindung mehr ziehen zwischen dem Kunststück (seiner Arbeitsleistung) und der Belohnung (dem Erfolg). Die Kontingenzregel wird gebrochen. Erhält man diesen Zustand von unkontrollierbarer Belohnung und Bestrafung aufrecht, wird sich der Hund irgendwann nur noch wimmernd in die Ecke legen und gar nichts mehr machen, weil die berechenbare Grundlage seines Handelns verschwunden ist. Er kann sich nicht mehr darauf verlassen, für sein Kunststück eine Belohnung zu bekommen. Vielleicht wird er sogar noch bestraft! Das Ende vom Lied: Verwirrung, Resignation, Rückzug, Überforderung.

Wir Menschen reagieren manchmal nicht anders als der Hund, wenn auch auf einem höheren und komplexeren Niveau. Die Kunststücke des Hundes sind unsere täglichen Arbeitsleistungen. Die Belohnungen bestehen aus Gehalt, Popularität, einem schöneren Büro, Status etc. Alles gut, soweit die Kontingenzregel gilt.

Doch immer öfter wird sie gebrochen. Immer mehr arbeitende Menschen haben das Gefühl, es gar nicht mehr in der Hand zu haben, ob sie ihren Arbeitsplatz behalten oder nicht. Sie sehen sich einer bestrafenden Willkür ausgeliefert, mit wechselnden Bezeichnungen: Globalisierung, Restrukturierung, Management, Zeitarbeit. In der Folge resignieren diese Menschen, machen Dienst nach Vorschrift oder entwickeln konkrete Burnout-Symptome. Sie haben das Gefühl, die Kontrolle über ihren Arbeitsplatz – und damit über ihr Leben – zu verlieren. Nach dem Motto: Was soll ich mich groß anstrengen? Ich habe es doch sowieso nicht in der Hand. »Die da oben« entscheiden doch.

Aus dieser Resignation entsteht über Wochen, Monate, Jahre hinweg ein Dauer-Alarmzustand für das Gehirn, ein ständiges Auf-der-Lauer-Liegen. Stress vom Allerfeinsten. Als ob man sogar in der geschützten Höhle noch Angst vor dem Säbelzahntiger hat. Und dieser latente, dauerhafte Stress ist unbestritten ein Hauptfaktor für Burnout.

Dieser Blogpost ist ein Auszug aus meinem Buch „Feierabend hab‘ ich, wenn ich tot bin. Warum wir im Burnout versinken„.

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Hans Steiner
Gast

schon Aristoteles wusste: Was immer Du tust, Du wirst es bereuen… die beschriebene gelernte Hilflosigkeit ist also kein neues, aber dennoch sicher aktuelles Problem, netter Artikel, gut!

Ute Reingard
Gast

Da hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen mit Deinem Artikel. Daumen hoch, das gefällt mir

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