Starren Sie doch mal!

Diese Kolumne handelt vom Starren. Starren ist in Deutschland leider eine weit unterschätzte Kulturfähigkeit, so wie Kirschkernweitspucken oder das Taxieren eines Käse-Wagenrades mit der bloßen Hand. Den einen sind starrende Menschen unangenehem, den anderen machen sie direkt Angst.

Niemand mag jemand, der starrt. Bei Erwachsenen heißt es dann: „Herr Meier, den Projektbericht, hopp,hopp!“ Bei Kindern klingt das eher wie ein resignatives Dahingeseufze: „Ach Jonas, wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken?!“ Worauf Jonas, der gerade ein Bild malt, auf dem er den Nikolaus köpft, lächelt und sagt: „Bei dir, Mama!“ Ja, Kinder sind schlauer, als man denkt.

Spaß beiseite. Warum stehe ich auf Starren? Kürzlich hatte ich einen Klienten, der nicht einschlafen konnte. Die Gedanken würden sich drehen und drehen, immer weiter. Und dann kämpft er dagegen an, will sie unterdrücken, ausblenden. Deckel drauf und gut is‘. Funktioniert natürlich nicht. Wieso, weshalb, warum? Habe ich ihm erklärt:

Das Gehirn hat zwei unterschiedliche intellektuelle „Futtertröge“:

  • Input von außen kommt durch Gespräche mit anderen Menschen, Telefon, Mail, der ganze Kommunikationsschrott eben, dem wir jeden Tag ausgesetzt sind. Aber auch andere Infos, Bücher, Presse, Fernsehen etc. Den ganzen Tag surfen wir auf der Welle des äußeren Inputs und müssen uns damit auseinandersetzen.
  • Mindestens genauso wichtig sind aber die eigenen Gedanken. Und wir denken ununterbrochen. Man kann sich darauf konzentrieren, einiges bewusster wahrnehmen, anderes nicht. Aber abstellen kann man es nicht.

Wenn man es macht wie Herr X, mein Klient, kämpft man einen aussichtslosen Kampf und verbraucht doppelt Energie: einmal, indem man sich sowieso mit den störenden Gedanken beschäftigt. Und zweitens, weil man Energie darauf verschwendet, diese Gedanken zu bekämpfen. Das geht nicht, und das habe ich ihm auch klargemacht. Es ist wie bei einem Dampfkessel-Ventil: Der Druck, den die innere Welt, die eigenen Gedanken erzeugen, muss raus, egal wie. Sonst explodiert der Kessel. Die eigene Seele muss gelebt werden dürfen.

Das Gehirn braucht Zeit und Platz, um bei sich aufzuräumen. Und bei manchen macht es das vor dem Einschlafen. Was hat das nun mit unserem Eingangsstarren zu tun? Nun, wenn Sie nicht schlaflos mit roten Augen daliegen wollen, müssen Sie dem Gehirn Gelegenheit geben, aufzuräumen. Das passiert beim Starren: Die Augen verlieren ihren Fokus, die Gedanken wandern. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie denken dabei gerade „den letzten Scheiß“ (so wie mein Herr X) – dann machen Sie es genau richtig. Unser Gehirn folgt nicht unserer hübschen Logik, sondern wirft manchmal alles durcheinander. Eben wie beim Aufräumen, bevor wieder alles an seinem geeigneten Platz landet.

Probieren Sie es ruhig aus! Ich sage: Starrer aller Länder, vereinigt euch! Besonders geeignete Orte für das Starren sind: der ICE zwischen Nürnberg und Frankfurt (wegen der Landschaft; geht aber grundsätzlich in jedem Zug); die eigene Toilette; ein Straßencafe (draußen). Seien Sie ruhig kreativ. Schicken Sie mir ein Foto Ihrer Lieblings-Starr-Location mit dem Vermerk „Hier habe ich gestarrt“! Ich veröffentliche das dann hier auf meinem Blog.

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Alibi
Alibi
8 Jahre zuvor

Starren halte ich da für die falsche Wortwahl. Starren bedeutet ja eigentlich, auf etwas schauen, etwas mit den Augen fixieren. Und genau das soll ja nicht getan werden. Tagträumen, sinnieren (klingt nicht ganz so „sinnlos“) ist wohl eher gemeint.
Ich mach’s gern, immer mal wieder: Aus dem Fenster gucken und eigentlich nichts sehen von dem, was da draußen passiert.

babbinski
babbinski
9 Jahre zuvor

Man starrt ja manchmal auch auf der Arrrrbeit. Ich nenne es „Schöpferische Pause“ hihi – man(n) denkt ja auch manchmal… 🙂

Fira
Fira
9 Jahre zuvor

Ich nehm dann den ICE. Würd‘ ich fernsehen, ginge das aber sicher auch super. Da heißt es doch im Abspann auch immer „STARRING xyz….“ Womit also wirklich die Starrer aller Länder sich vereinigen.

q.e.d. ;-))

Maik
9 Jahre zuvor

Ich hab gestern erst wieder gestarrt. Im Fernsehn liefen die Nachrichten und meine Freundin meinte das ist krass oder was meinst du. Und ich wie so oft was ich hab nicht zugehört 🙂 . Das lustige dabei ist eigentlich das das bei mir schon manchmal unbewusst passiert, wenn ich fern schaue.

Einfach mal die Seele baumeln lassen. Ist vllt in der heutigen Zeit der einfachste Weg den Stressfaktor bzw. den permanenten Input für ein paar Minuten zu entkommen.

Martina Wirth
9 Jahre zuvor

Danke für diesen genialen Hinweis und die Erinnerung daran – wir in Wien sagen dazu „ins Narrenkastl schauen“ – ich hab´s gleich mal ausprobiert, es wirkt noch genauso gut wie in meiner Kindheit.
Grüße aus Wien
Martina Wirth

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