[Thesenreihe] New Work ist die erste humanzentrierte Arbeitsphilosophie (These 2 von 7)

Bild fünf junger Menschen, die einen Stern formen

Teil zwei meiner siebenteiligen Thesenreihe zu New Work. Vorsicht, es wird anspruchsvoll! Kein aktuelles Ereignis als Aufhänger, kein Aufreger der Woche, sondern einige Gedanken zum cultural fit von New Work und der modernen Arbeitswelt. Ich möchte meine These über New Work als humanzentrierte Arbeitsphilosophie erläutern:

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These 2 von 7

New Work verbindet die moderne Arbeitswelt mit dem Wesen des Menschen und kann als erste humanzentrierte Arbeitsphilosophie überhaupt gelten.

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Was heißt „humanzentrierte Arbeitsphilosophie“?

Das Schlagwort bedeutet, die Arbeit um den Menschen herumzubauen und nicht den Menschen der Arbeit anzupassen. Das ist in der Tat ein Paradigmenwechsel. In einigen Teilbereichen wie der Software-Ergonomie oder dem Industriedesign will man schon seit geraumer Zeit Werkzeuge und Produkte buchstäblich „handhabbar“ machen und das look & feel nach den Bedürfnissen menschlicher Wahrnehmung mit einer intuitiven Bedienbarkeit ausrichten.

New Work erweitert diesen Blickwinkel radikal. Nun geht es nicht mehr nur um ein Werkstück oder eine Software, sondern um den arbeitenden Menschen als Ganzes. Daher bedient sich New Work bei Konzepten aus Psychologie, Soziologie, Philosophie, Kunst und Ökonomie, um eine Arbeitswelt zu bauen, in der der Mensch nicht mehr als bloßer Produktionsfaktor um den Arbeitsprozess kreist, sondern die Arbeitsprozesse und -bedingungen um den ganzen Menschen. Gerade in der Arbeitspsychologie und -soziologie hat man hierfür das Konzept der Subjektivierung geprägt (siehe auch das Kapitel „Projekt Ich – Vom Arbeitszwang zur Selbstausbeutung“ in meinem aktuellen Buch).

Wie gelingt New Work der Paradigmenwechsel zu einer humanzentrierten Arbeitswelt?

1. New Work denkt eine Organisation vom Menschen her. Eine Organisation, zum Beispiel ein Unternehmen, dient einem bestimmten Zweck: der Herstellung von Schrauben etwa oder der Beratung von Verbrauchern. Bislang war der Zweck definiert, dann entstand die Organisation mit Prozessen, Anforderungen, Zielen etc. – und schließlich sucht man die Menschen, die in dieses Korsett passen. New Work dreht diesen Prozess teilweise um. Der Zweck (das Warum) ist als Erstes natürlich immer noch da. Doch das Wie der „Zweckerbringung“, das Korsett aus Prozessen, Zielen etc. wird nun vom Wer bestimmt. Die Teilnehmer der Organisation bestimmen ganz oder teilweise die Bedingungen und Ergebnisse der Zusammenarbeit. Der Zweck der Organisation, das Ergebnis, wird hiervon natürlich entscheidend geprägt.

2. New Work bietet radikal neue und radikal andere Werkzeuge der Zusammenarbeit. Wenn wir davon ausgehen, dass der arbeitende Mensch in der Organisation auf Prozesse und Ergebnisse maßgeblich Einfluss nehmen soll, müssen wir ihm Werkzeuge an die Hand geben, die diesen Weg unterstützen. Unter den drei Schlagworten Digitalisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung bieten New Work – Berater inzwischen ein Füllhorn an Methoden zu Führung, Entscheidungsfindung, Kreativität und Strategie von ganz klein bis ganz groß an. Dabei muss jede Organisation ihre eigene „New Work – Signatur“, ihren eigenen organisatorischen Fingerabdruck finden. Genau wie es keine zwei gleichen Fingerabdrücke auf der Welt gibt, genauso wenig gibt es zwei identische Organisationen.

3. New Work reduziert die humanfeindlichen Aspekte des Kapitalismus. Der Kapitalismus wird auf lange Sicht die dominierende ökonomische Lebensform dieses Planeten bleiben. Doch man kann das kapitalistische Spiel auf verschiedene Arten spielen und nach unterschiedlichen Regeln. Zu den aktuellen Schlagworten in der Debatte um die Zukunft des Kapitalismus gehören das (bedingungslose) Grundeinkommen, die Verteilung der Produktivitätsgewinne im Zeitalter der Robotisierung, der Mindestlohn, eine nachhaltige Lebensführung und die globale Gerechtigkeit. Da New Work ursprünglich als ethisch-moralische Bewegung gestartet ist, hat sie natürlicherweise eine starke Tendenz zur Humanisierung des Kapitalismus und zu einer neuen sozialen Gerechtigkeit.

4. New Work betrachtet Arbeit als integrierten Bestandteil des Menschseins. Obwohl wir alle längst erkannt haben, dass die klassische Work-Life-Balance ausgedient hat, versuchen wir, die Arbeit von unserer Freizeit zu trennen – zeitlich, räumlich, geistig, organisatorisch. Das sollten wir nicht tun – aber auf eine ganz andere Weise als die Feelgood-Gemeinde und die Anhänger eines emotionalen Kapitalismus das propagieren. Wir können den Menschen nicht in einen Arbeits- und einen Freizeitmenschen trennen. Wir leiden unter unserer „Business-Maske“, Verstellung am Arbeitsplatz und verdeckten politischen Spielchen. Diese Verrenkungen können wir nur beenden, wenn wir mit unserem Menschsein auch am Arbeitsplatz nicht hinter dem Berg halten müssen, wenn wir die Business-Maske abziehen können. Diese Sehnsucht, diese Lust an Echtsein war und ist seit jeher ein wichtiger Pfeiler der New Work – Bewegung.

Ich persönlich hoffe, dass wir New Work irgendwann im Lehrplan einer Universität wiederfinden, vielleicht im Fach Arbeits- und Organisationspsychologie. Ich bin überzeugt davon, dass New Work in zehn, fünfzehn Jahren seinen festen Platz im Denken und Handeln von Organisationsteilnehmern hat: vom Top Management bis hinunter zum Hausmeister.

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