Über Autophagie

Gestern habe ich zufällig in die Sendung scobel auf 3sat reingezappt. Es ging um Fasten und wie es die Gesundheit fördert. Der Mechanismus hierfür lautet Autophagie: Wenn der Körper über mindestens 16 Stunden keine Nahrung bekommt, beginnen die Zellen, ihre Reserven einschließlich der Gift- und Schlackestoffe zu verbrennen. Autophagie soll daher ein mächtiger Mechanismus sein, um das körpereigene Immunsystem zu kräftigen, den Stoffwechsel zu regulieren und Krankheiten wie Krebs vorzubeugen.

Fasten macht wach

Ob Autophagie der Zell-Wunderbrunnen ist, weiß ich nicht. Dass Fasten aber guttut, merke ich. Selbst mache ich von Zeit zu Zeit Intervallfasten: einen bis zwei Tage in der Woche gar nichts essen. Kann sein, dass es mein Immunsystem stärkt. Was ich aber sicher weiß: Es macht mich aufmerksamer, wacher und bringt mir den Wert des Essens (und auch den Genuss desselben) wieder stärker ins Bewusstsein.

Zu fasten fällt mir manchmal nicht leicht, weil wir ja ständig von Essen umgeben sind. Du kannst dir Essen beschaffen, wann und wo du willst: zu Hause, in der Stadt, im Auto (einfach durch den Drive-In-Schalter fahren), in Restaurants sowieso, aber auch im Kino, am Kiosk, einfach überall. Außer – und das ist jetzt kein Witz – bei uns im Dorf. Wir sind das einzige Dorf weit und breit, in das kein einziger Pizzadienst in der Region liefert. Wir sind sozusagen das kulinarische Funkloch der Republik. Aber das nur als Fun Fact am Rande.

Unsere Gesellschaft überfrisst sich

Ich glaube, was uns in Wirtschaft und Gesellschaft fehlt, ist von Zeit uns Zeit ein autophagischer Mechanismus, eine künstliche Beschränkung, die uns den Wert des Gutes, welches wir einschränken, wieder vor Augen führt. Ich will jetzt nicht sagen: „Es geht uns Deutschen zu gut!“ Das stimmte so pauschal ja auch nicht: Es gibt Hartz IV, unwürdige Beschäftigung, Sterbe-Verwahr-Anstalten und weitere unschöne Dinge.

Was ich meine, ist eine Sattheit des Denkens. Das eindeutigste Zeichen hierfür sind wirtschaftliche und politische Debatten über Dinge, die man höchstens als nebensächlich bezeichnen kann (siehe meine Kolumne über den Politiker- und Promi-Hack). Nichtigkeiten, hochgejazzt in der Schnappatmung klickgeiler Medien (und klickgeiler Konsumenten). Wenn wir wichtige nicht mehr von unwichtigen Themen unterscheiden können, ist das ein klares Zeichen für mentale Übersättigung. Wir stopfen einfach alles in uns hinein. Und können hinterher nicht mehr klar denken.

Wir brauchen mentales Fasten

Wir brauchen in unserer Gesellschaft einen Mechanismus, der uns Autophagie, eine Art mentales Fasten erlaubt. Damit meine ich nicht, keine Zeitung mehr zu lesen oder Facebook abzuschalten. Ich meine, dass wir uns wieder geistig herausfordern müssen, so wie es Kennedy in den 60ern mit der Forderung nach der Mondlandung gemacht hat. Lasst uns mal groß denken:

  • Was wäre, wenn Deutschland aus der NATO austritt?
  • Was wäre, wenn wir alle Unternehmen in Genossenschaften umwandeln, die dann den Mitarbeiter gehören?
  • Was wäre, wenn die AfD so um 2025 herum den Kanzler stellt?
  • Was wäre, wenn Apple beschließt, mit seinen Barreserven fünf DAX-Konzerne zu kaufen?
  • Was wäre, wenn wir alle Schulnoten abschaffen?
  • Was wäre, wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen?

Die Liste an interessanten Fragen ließe sich beliebig verlängern. Und wenn ich Sie mit KEINER Frage provoziert habe, habe ich die falschen Fragen gestellt. Aber statt zu haten oder zu kommentieren „Was sind denn das für Sche…. Fragen?“, lade ich Sie ein, ins Denken zu kommen und über Szenarien und Lösungen zu diesen Fragen zu diskutieren.

Machen wir doch eine Twitter-Aktion draus, Hashtag #wasistdeinefrage, um herauszukriegen, was Sie, euch, die Menschen bewegt. Werfen wir den Autohagie-Turbo an, werden wir wieder wach und gestalten bewusst unsere Zukunft. Das wär‘ doch mal was.

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