Über den Irrtum der „guten Ethik“

Die ZEIT bringt in Ihrer aktuellen Ausgabe im Wirtschaftsteil einen großen Aufmacher über die momentane „Ethisierung der Wirtschaft“, unter dem Titel „Ist Ethik käuflich“? Darin wird geschildert, wie sich deutsche Unternehmen Ethikberater und Franziskaner-Priester als Tugend-Consultants leisten, um wieder auf den rechten Pfad des Wohlverhaltens und der ethisch korrekten Verhaltensnorm zurückzukehren.

Dieser Artikel enthält einen impliziten Irrtum, bereits zu Anfang. Im Artikel – und auch in jedem anderen Artikel zum Thema „Ethik in der Wirtschaft“ – setzen die Autoren ethisches Verhalten mit moralisch gutem Verhalten gleich. Das ist verkürzt und schlichtweg falsch.

Ein Mensch kann sich schlicht und ergreifend nicht nicht-ethisch verhalten, sondern folgt immer, in jeder Sekunde,  individuellen Werten und Motiven. Er kann gar nicht anders. Deshalb sollte man nicht vom Standpunkt der normativen Ethik, sondern von dem der deskriptiven Ethik her argumentieren. Genau wie in der psychologischen Feldforschung geht es eigentlich erst darum, zu beobachten, was ist. Und nicht darum, was man – oder die Mehrheit der Menschen – für gut hält. Dass sich Mutter Theresa ethisch verhalten hat nach dem christlichen Gebot der Nächstenliebe, ist den meisten Menschen klar. Doch auch der gierige Investmentbanker, der seine Kunden betrügt, folgt einer Richtung, nur dass bei ihm der Kompass nicht in Richtung Nächstenliebe ausschlägt, sondern in Richtung Gewinnmaximierung. Auch das sind Vorstellungen von dem, was erstrebenswert ist – freilich keine, von denen die Gesellschaft als Ganze profitiert. Der Banker folgt jedoch ebenso einer individuellen Ethik. Einer allgemeinen Moral folgt er nicht.

Daher sollten wir vorsichtig sein, wenn wir die Debatte verkürzen und angeblich positive Werte wie „Güte“, „Freiheit“, „Barmherzigkeit“ etc. als die allein seligmachenden und als alleinig dienlichen für eine Gesellschaft betrachten. Diese Verkürzung der Perspektive schafft nicht nur einen intellektuellen Schiefstand, sondern führt auch in der Personal- und Organisationsentwicklung zu einer gefährlichen, weil falschen Schlussfolgerung: Es muss „Ethik“ ins Unternehmen, weil nach Definition des Beraters, des Unternehmens, der Gesellschaft in diesem Unternehmen keine „gute Ethik“ gelebt wird. Wie in ein leeres Glas Wasser gefüllt wird, soll in leere Köpfe gute Ethik gefüllt werden.

Das Problem dabei: Der Kopf bzw. das Glas ist schon voll. Man kann ethische Überzeugungen nicht einfach implantieren. Ein solcher Versuch zeugt von Naivität und Respektlosigkeit den Mitarbeitern gegenüber. Weiter gefolgert: Akzeptiere ich diesen Umstand, muss ich erst einmal eine ethische Bestandsaufnahme im Unternehmen machen, und das vorurteilslos. Eben im Sinne der deskriptiven, nicht der normativen Ethik. Alles andere erzeugt unbeherrschbare Abwehrkräfte. Deshalb: Vorsicht mit der verkürzten Darstellung „guter Werte“ (wie das die ZEIT gerade tut). Was heute moralisch geboten ist, kann morgen schon wieder aus der Mode sein.

P.S.
Wer sich einen Überblick über das Themea Ethik in Unternehmen verschaffen will, dem sei das Buch „Cooldown. Die Zukunft der Arbeit und wie wir sie meistern“ empfohlen. Dort diskutiere ich das ethische Phänomen ausführlicher.

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Tobias Judmaier
Gast

Eine Ethik unbeachtet des Ethos irgendwo einzuführen halte ich auch für etwas naiv. Vielleicht muss ich mir doch Ihr Buch anschaffen 🙂

Sonja Mannhardt
Gast

Ein sehr wichtiges Thema, herzlichen Dank! Ein Thema, welches sich aber leider nicht durch einen einzigen Artikel erschließt…Was Sie Irrtum nennen, nenne ich drastisch klaffende Bildungslücke. Tugend wird mit Moral vermengt, Moral mit Ethik gleichgesetzt, Tugend mit Ethik. Mir wird schlecht, wenn ich neuerdings Begriffe wie „gut“, „richtig“, „Güte“ und Co. in Unternehmen oder in rennommierten Zeitungen, ohne Sinn und Verstand vernehme und sehe, dass seit einigen Jahren sogar das Wort ETHIK als neues MACHTinstrument zur Gewinnmaximierung missbraucht werden kann, ohne dass jemand aufbegehrt!

Daher: Sehr schön, auf dem Gebiet der Ethik, in Ihnen einen Mitstreiter zu haben.

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