Wachstumsdogma

Es gibt nicht mehr viele unhinterfragte Dogmen; das Dogma des Wirtschaftswachstums ist eines. Praktisch jedes Unternehmen kann das Dogma fehlerfrei herunterbeten: „Wachstum ist gut. Wir müssen wachsen, damit wir konkurrenzfähig bleiben. Je mehr wir wachsen, desto besser.“  Um es kurz zu sagen: Dieses Dogma ist heutzutage grundverkehrt. Wir sollten es in seiner Radikalität auf den Müllhaufen der Management-Mythen werfen.

In der Natur beispielsweise gibt es keinen Organismus, der sich ungebremst vermehrt, ohne Schaden anzurichten – außer Viren oder Krebszellen. Nicht einmal beim Unviersum selbst sind sich die Astronomen einig, ob es immer weiter auseinanderdriftet oder sich nicht doch irgendwann wieder zusammenzieht. Die positive Rückkopplung der Vermehrung, des Wachstums, der Ausbreitung bremst die Natur durch den Mechanismus der negativen Rückkopplung. In einem Jahr gibt es mehr Feldmäuse, aber weniger Bussarde. Da der Tisch für die Bussarde reich gedeckt ist, vermehren sie sich und dezimieren die Feldmäuse. Negative Rückkopplung eins. Doch da es nun weniger Feldmäuse gibt, werden auch die Bussarde weniger und das Spiel beginnt von neuem. Negative Rückkopplung zwei.

Nur wir Menschen sind so dumm, an immerwährendes quantitatives Wachstum zu glauben. Dabei gibt es längst neue Modelle des qualitativen Wachstums. So vergleicht der Neuropsychologie Gerald Hüther eine Organisation mit einem menschlichen Gehirn: Auch das menschliche Gehirn kann nicht endlos wachsen; die Schädeldecke ist Endstation. Aber es kann die Verbindungen, die Netzwerke zwischen seinen Abteilungen und Nervenzellen verbessern, um ökonomisch effizient zu bleiben. Und es kann Verbindungen verkümmern lassen, die es nicht mehr braucht. Das nennt man Neuroplastizität.

Wir sollten uns in modernen Organisation auf diese Plastizität konzentrieren, auf das qualitative Wachstum der Zusammenarbeit. Das überholte, quantitative Wachstumsdogma ist eine Lösung, zu dem es kein Problem mehr gibt. Dennoch hat es sich in den Köpfen von Managern verselbständigt und treibt sein ökonomisches Unwesen. Das Wachstumsdogma ist der Zombie unter den Wirtschaftstheorien: Er ist schon tot, weiß es aber noch nicht. Verhelfen wir ihm zum verdienten Ende.

Photo © Vance Griffin | Freeimages.com

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